Kunst & Kultur

MADRID – Design Every Day

Madrid ist keine Stadt der großen Designgesten.

Von Linda Pezzei

Und genau das macht sie so spannend für Entdecker, die sich einfach treiben lassen wollen.

Zwischen traditioneller Baukultur, improvisierten Alltagsorten und einer wachsenden Szene aus Studios, Galerien und Maker-Spaces hat sich hier ein Designverständnis entwickelt, das weniger auf Ikonen setzt als auf Attitüde. Design passiert nicht nur in Ausstellungen, sondern im Leben selbst: im Café, im Restaurant, im Studio, auf der Straße.

Was Madrid von anderen Designstädten unterscheidet, ist diese Nähe. Orte sind nicht unbedingt perfekt durchgestylt, sondern befinden sich oft und gerne in stetigem Wandel. Räume dürfen sich verändern, Materialien altern und Konzepte wachsen. Dabei spielt Handwerk eine zentrale Rolle – nicht als Rückgriff, sondern als zeitgenössische Praxis.

Gleichzeitig öffnet sich die Stadt international. Formate wie das Madrid Design Festival oder neue Plattformen wie FORMA bringen Designer, Galerien und Sammler zusammen, ohne den lokalen Charakter zu verlieren.

Madrid wirkt derzeit wie ein Ort, an dem sich Design neu sortiert.

Weniger als Bild – mehr als Prozess.

What to expect: Eine Stadt, in der Design nicht inszeniert wird, sondern passiert – zwischen Studio, Straße und Alltag.

Design.Deluxe picks: Aesop Shop Calle de Fernando, Galería Casas Riegner & Santerra Restaurant. © Linda Pezzei

MEET THE LOCALS

Fünf Perspektiven, fünf Zugänge zur Stadt.

Die Auswahl reicht vom Architekturbüro über das Designstudio bis hin zum Keramikatelier – und zeigt genau die Vielfalt, die Madrid gerade ausmacht. Alle arbeiten an der Schnittstelle von Raum, Material und Nutzung und verstehen die Stadt nicht nur als Arbeitsort, sondern als lebendiges kulturelles Ökosystem.

Ob experimentelle Architektur, materialgetriebenes Design oder handwerkliche Produktion – diese 5 Perspektiven machen sichtbar, wie eng in Madrid Gestaltung und Alltag miteinander verbunden sind.

Meet the Locals: elii, Lucas Muñoz, Mayice Studio, Vajillas de Ultramar & Laura Gärna. © Imagen Subliminal - Miguel de Guzmán + Rocío Romero, © Francesco Stelitano, © Knu Kim, © Vajillas de Ultramar, © Gärna Studio

THE 5×5 – CURATED BY LOCALS

1 –– Vajillas de Ultramar – Natalia López & María José Díez

Natalia López und María José Díez sind die Gründerinnen von Vajillas de Ultramar, einem kleinen Madrider Keramikatelier, das handgefertigtes Steingut mit genau jener bewussten Unperfektion entwickelt, die Dingen Charakter gibt. Wer täglich mit Tischkultur, Materialität und Handwerk arbeitet, schaut auch anders auf eine Stadt – intimer, sinnlicher und mit einem feinen Gespür für Orte, an denen Gestaltung nicht laut sein muss.

Dass sie als Hotel gleich zwei sehr unterschiedliche Orte nennen, passt gut zu Madrid: das elegante Santo Mauro in Chamberí – zurückhaltend, klassisch, souverän – und The Hat nahe der Plaza Mayor, jung, unkompliziert und mit Dachterrasse. Auch kulinarisch denken sie nicht in Trends, sondern in Atmosphäre: Il Tavolo Verde, halb Antiquitätenladen, halb Restaurant, Taberna La Elisa für klassische Madrider Küche, und Lhardy, wo seit 1880 Brühe und Kroketten serviert werden, als sei Kontinuität ein eigener Luxus. Beim Shoppen führt ihr Blick zu Ábbatte und seinen handgewebten Tüchern – und zu den Galerías Piquer am Rastro, einem Ort, der sich eher wie ein Concept Store aus der Vergangenheit anfühlt. Für Kunst empfehlen sie die Fundación Juan March und Galería Elvira González. Und wenn es einen Ort gibt, zu dem sie immer wieder zurückkehren, dann ist es der Palacio de Cristal im Retiro bei Sonnenuntergang – leicht, still, fast unwirklich schön.

Madrid Design Pics by Vajillas de Ultramar: Il Tavolo Verde, Ábatte & El Retiro. © Pablo Gómez Ogando, Álvaro López del Cerro © Madrid Destino

2 –– elii – Uriel Fogué, Eva Gil, Carlos Palacios

elii gehört zu jenen Madrider Studios, die Architektur nicht nur bauen, sondern als kulturelle Praxis verstehen. Seit 2006 arbeitet das Büro zwischen Raum, Forschung, Stadt und Lehre und kennt Madrid deshalb nicht nur als gebaute Realität, sondern als offenes Versuchsfeld für neue Formen des Zusammenlebens.

Entsprechend überraschend ist auch ihr Hoteltipp: kein klassisches Hotel, sondern Infinito Delicias, ihr jüngst vorgestelltes Projekt mit Husos – ein Innovationszentrum rund um nachhaltige Ernährung und Citizen Art, in dem man im Patio sitzen oder im „Ring“ arbeiten kann. Man merkt sofort: Hier geht es nicht um Hospitality als Oberfläche, sondern um Orte mit Idee. Mit Cocina Beta empfehlen sie folgerichtig kein gewöhnliches Restaurant, sondern ein Küchenlabor, in dem Köche ihre Konzepte testen, bevor sie in Madrid ein eigenes Lokal eröffnen. Für Bücher und Gedanken nennen sie Naos, eine der besten Architekturbuchhandlungen der Stadt, und Traficantes de Sueños, eine Buchhandlung mit klarer sozialer Haltung. Kunst findet für sie in SOLO CSV statt, einem neuen Ort von Estudio Herreros, der zeitgenössische Kunst als gesellschaftliches Experiment versteht. Und ihr Lieblingsort in der Stadt? Ein wenig bekannter Aussichtspunkt im Parque de la Cuña Verde de O’Donnell – einer jener Orte, die selbst Madrilenen nicht immer kennen und die gerade deshalb im Gedächtnis bleiben.

Madrid Design Pics by elii: Infinito Delicias und SOLO Contemporary - zu sehen ist die Paul McCarthy Installation. © ImagenSubliminal – Miguel de Guzmán + Rocío R. Rivas, Courtesy Bowman Hal, Linda Pezzei

3 –– Lucas Muñoz Muñoz

Lucas Muñoz Muñoz arbeitet zwischen Design, Kunst, Materialforschung und Raum – oft kollaborativ, oft radikal alltagsnah, immer mit großem Respekt für Kontext und Gebrauch. Seine Projekte, von Objekten bis zu ganzen Räumen wie MO de Movimiento, zeigen, wie eng Material, Haltung und soziale Realität zusammenhängen können.

Seine Tipps sind deshalb auch keine klassische Best-of-Liste, sondern eher ein Gegenentwurf zum Design-Tourismus. Auf die Frage nach einem Hotel antwortet er sinngemäß: Am besten bei Freunden übernachten – oder über Haustausch. Näher kommt man einer Stadt kaum. Essen und trinken würde er in irgendeiner alten Vorstadtbar in Tetuán, Carabanchel oder Vallecas, mit grantigen Kellnern, fast gefrorenem Bier, kostenlosen Oliven und fettigen Chips – Orte, die ihren Beruf kennen und nichts beweisen müssen. Einkaufen? Am besten in der alten Markthalle, wo sich nebenbei oft auch die schrägeren Bars finden. Für Kunst empfiehlt er kleine Galerien in Carabanchel oder im unteren Lavapiés – dort, wo Madrid noch roh und direkt wirkt. Und wohin zieht es ihn selbst immer wieder? Nicht an einen festen Ort. Eher auf einen langen Spaziergang durch die Stadt. Madrid, so liest man zwischen den Zeilen, ist für ihn vor allem eine Stadt, die man erlaufen muss.

Madrid Design Pics by Lucas Muñoz: Durch die Stadt schlendern, sich überraschen lassen und am besten im MO de Moviemento essen gehen. © Gonzalo Machado

4 –– Laura Gärna – Gärna Studio & Gärna Art Gallery

Mit Gärna Studio und Gärna Art Gallery bewegt sich Laura Gärna an einer besonders eleganten Schnittstelle von Architektur, Interior und kuratierter Kunst. Ihre Perspektive auf Madrid ist deshalb eine, in der Räume, Sammlerorte und kulturelle Adressen ganz selbstverständlich ineinandergreifen.

Dass ihr Hoteltipp das Hotel Brach Madrid ist, überrascht nicht: ein Ort, der Gestaltung, Atmosphäre und Internationalität mit großer Leichtigkeit verbindet. Für Essen und Trinken empfiehlt sie Charrúa – auch wegen der Arbeiten der Künstlerin Eva Claessens, die dort den Raum mitprägen. Beim Shoppen teilt sich ihr Blick ganz selbstverständlich in zwei Richtungen: Rue Vintage 74 für Interior und Letto in Jorge Juan für Mode. Ihre Lieblings-Galerie ist die Galería Parra & Romero, ein Ort mit starker künstlerischer Handschrift. Und wenn sie einen Teil Madrids nennen soll, der den Geist der Stadt einfängt, dann ist es das Madrid de los Austrias – jener historische Kern, in dem Geschichte, Maßstab und urbane Dichte besonders schön zusammenfinden.

Madrid Design Pics by Laura Gärna: Shoppen im Rue Vintage 74, Kunst schauen bei Jeff Wall and Ian Wallace at Parra & Romero & flanieren durch das Madrid de los Austrias. © Manolo Yllera, Roberto Ruiz, Alvaro López del Cerro © Madrid Destino

5 –– Mayice – Marta Alonso Yebra & Imanol Calderón Elósegui

Mayice arbeitet in Madrid an der Schnittstelle von Produktdesign und Architektur, mit großer Sensibilität für Materialien, ihre Geschichte und ihre Verarbeitung. Ihre Projekte entstehen im Dialog mit Handwerk, Technologie, Marken, Institutionen und Museen – und genau deshalb sind sie ideale Guides für ein Madrid, in dem vieles schon vor dem fertigen Produkt beginnt.

Ihr erster Hoteltipp ist bezeichnend: „our home“. Das ist natürlich charmant, sagt aber auch viel über ihre Haltung. Es geht ihnen weniger um Hotellerie als um echte Orte. Kulinarisch nennen sie Cuenllas in der Calle Ferraz, alt, traditionsreich, mit gutem Essen, guten Drinks und einem Team, das seine Stammgäste kennt. Und dann Tramo, eines der schönsten Restaurants der Stadt, mit lokaler Küche und starker gestalterischer Handschrift. Beim Shoppen führt ihr Blick zu Sportivo in Conde Duque und in die Calle Limón – fein kuratierte Multi-Brand-Stores, die zwar aus der Mode kommen, aber viel über Madrids Verständnis von Stil erzählen. Bei Kunst und Kultur denken sie großzügig: Fundación Juan March, Colecciones Reales, Elvira González, Max Estrella, Reina Sofía, Thyssen – und, wenn möglich, eine private Führung durchs Prado. Ihr sicherster Rückzugsort bleibt trotzdem El Retiro. Vielleicht, weil selbst in einer so lebendigen Stadt irgendwann wieder Raum für Ruhe entstehen muss.

Madrid Design Pics by Malice Studio: Dinner im Tramo & Kunst und Shoppen im Museo Thyssen Madrid oder Reina Sofía. © Juan Baraja, Hélène Desplechin, César Lucas Abreu © Madrid Destino

Was diese fünf Perspektiven gemeinsam haben: Sie zeigen Madrid nicht als fertiges Bild, sondern als lebendigen Organismus.

Eine Stadt, in der Design nicht nur in Galerien stattfindet, sondern in Küchenlaboren, Buchhandlungen, Keramikateliers, Bars, Parks und auf langen Spaziergängen durch verwinkelte Gassen. Vielleicht ist genau das ihre eigentliche Stärke: dass Gestaltung hier nicht auf Distanz bleibt, sondern ganz selbstverständlich Teil des Alltags ist.

Titelbilder: © Madrid Destino, ©JUAN BARAJA

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