
„Türme des Schweigens“ bei Thaddaeus Ropac
Rechtzeitig zu den Pfingstfestspielen 2026 eröffnet die Ausstellung von Wolfgang Laib in der Galerie Thaddaeus Ropac in Salzburg.
Der schwäbische Künstler Wolfgang Laib, der vor Kurzem 76 Jahre alt geworden ist, arbeitet weitgehend mit den immer gleichen Materialien. Er verwendet Reis, Bienenwachs, Blütenstaub von Kiefern, Löwenzahn, Hahnenfuß, Haselnuss und anderen Blumen und Sträuchern sowie Marmor, Holz und Milch. Die Materialien ändern sich kaum und werden mit großer Behutsamkeit auf den Untergrund aufgetragen. Dadurch gelingt es Laib, Räume neu erfahrbar zu machen. Hier, bei Thaddaeus Ropac, sind fünf seiner jüngsten Bienenwachshäuser zu sehen und erstmals sechzig Papierarbeiten ausgestellt.
Zwischen Mitteleuropa und dem Fernen Osten
Laib bleibt im Großen und Ganzen seit seinen Anfängen seiner Arbeitsweise treu. Der Künstler, der 1974 seinen Abschluss in Medizin machte und sich dann doch für die Kunst entschied, schöpft seine Kreativität aus zahlreichen Reisen in den Fernen Osten, die er schon als Kind mit seinen Eltern unternahm.
Er lebt auch heute noch auf dem elterlichen Anwesen in Deutschland. Dort hat er sich ein Atelier gebaut und pendelt zwischen Mitteleuropa und Mesopotamien sowie dem indischen Subkontinent und New York, wo er sein Winteratelier hat, hin und her.
Blütenstaub als Ritual
In Deutschland begibt sich Laib rund um seine Heimatgemeinde im Frühjahr auf die Suche nach Blütenstaub, den er akribisch in Gläser füllt, die er später verschließt und im Kunstkontext auf eine rechteckige Fläche siebt. Jeder Blütenstaub ist anders, der von Löwenzahnblüten ist gelborangefarben, jener von Kiefern hat einen hellen Gelbton.

Das Sammeln erstreckt sich über mehrere Monate und wird durch den Klimawandel erschwert, da die Bienen genetisch veränderte Pflanzen nicht mehr erkennen und nicht bestäuben können. Die Handlung des Sammelns von Blütenstaub ist integraler Faktor in der künstlerischen Praxis von Wolfgang Laib. Und es gibt in vielfältiger Weise den Faktor Zeit in den Arbeiten des Künstlers wieder.
Architektur aus Bienenwachs und Zeit
Am anderen Ende der Skala stehen die Bienenwachshäuser, die Wolfgang Laib im Haus der Kunst in München 2003 und auch im KUB in Bregenz 1999 oder im Kunsthaus Zürich 2025 aufbaute.
Auch in der kommenden Ausstellung bei Thaddaeus Ropac zeigt er nun in fünf Räumen fünf Bienenwachshäuser, die letztes Jahr entstanden sind. Die Produktion der Bienen wird hier in ihrer Endphase verarbeitet. Es entstehen Häuser aus Bienenwachsquadern, die einnehmend duften und golden glänzen. Das Wachs ist nur zu einer bestimmten Zeit formbar, da die Außentemperatur nicht zu kühl, aber auch nicht zu warm sein darf.
Auch Zikkurate, stufige Turmhäuser, abgeschaut von der Kunst Persiens, baut Laib aus Bienenwachs. Inspiration für die jüngeren Häuser von Wolfgang Laib waren ein verfallender Wehrturm in Italien und seine ihn umgebende Landschaft – aus dem Gebäude wuchsen bereits Bäume heraus. Die Umgebung schien die längst vergangene Zeit auszuatmen, was in zahlreichen Papierarbeiten mit Fotografien und Texten bei Ropac zum Ausdruck kommt.
Die Texte stammen aus dem Gilgamesch-Epos, von Laotse, Plotin, dem Heiligen Franziskus, Nietzsche und anderen und spiegeln den philosophischen Kontext von Wolfgang Laib wider. 2023 hat er sie in dem Buch „The Beginning of Something Else“ veröffentlicht.
Milch, Marmor und Vergänglichkeit
Jenseits von Wachs arbeitet Laib immer wieder mit Marmor. Seinen ersten Milchstein schuf der Künstler 1975. Er polierte dafür einen Marmorquader glatt und ließ eine kleine, kaum sichtbare Vertiefung in der Mitte entstehen.
In einer Performance leerte er Milch auf die Oberfläche des Steins, die er anschließend behutsam an den Rändern verstrich. Die Milch blieb daraufhin stehen, bis sie über die Tage austrocknete und der ranzige Rand überblieb.
Das Performative sowie das Karge und das Üppige darf man bei der fernöstlich inspirierten Kunst von Wolfgang Laib nicht außer Acht lassen. Stellt man sich neben die mannshohen Bienenwachshäuser, trifft die Sinnlichkeit des Duftes und des Materials des Honigs einen mit voller Wucht.
Laib ist wenig bis kaum dem abendländischen evolutionären Kunstbegriff verpflichtet. Es sind vielmehr das Ritual, die Wiederholung, das Material und seine Wesenhaftigkeit, gepaart mit einem gewissen momentanen Seinszustand, aus denen Wolfgang Laib schöpft.
© FRANCA CANDRIAN Kunsthaus Zürich



