© Benjamin McMahon

Kunst & Kultur

Design DE LUXE zu Gast bei Designerin und Keramikmeisterin Stefanie Hering

In Zehlendorf hat Stefanie Hering einen Arbeitskosmos geschaffen, in dem Porzellan nicht ausgestellt, sondern gelebt wird – zwischen Villa, Tageslicht und konsequenter Materiallogik.

Von Linda Pezzei

Lindenthaler Allee, Berlin-Schlachtensee. Der Weg hierher ist ein langsames Herausgleiten aus dem Berlin, das sich sonst gern in Szene setzt: weniger Tempo, mehr Luft zwischen den Häusern. Straßenbäume, Vorgärten, ein Licht, das nicht blenden will, sondern begleitet.

Wer hier ankommt, taucht nicht in ein Narrativ ein, sondern in einen Arbeitstakt: das Berlin der Konzentration statt der Inszenierung.

Am Rand des städtischen Lärms steht eine denkmalgeschützte Villa von 1905. Kein White Cube, kein Schaufenster, keine Bühne. Eher ein Arbeitsversprechen: dass Gestaltung nicht lauter werden muss, nur weil die Stadt es ist.

Während viele Berlin-Erzählungen automatisch Richtung Mitte, Kreuzberg oder Prenzlauer Berg abbiegen, bleibt diese Adresse bewusst außerhalb der Erwartung. Das ist kein Rückzug. Das ist eine Entscheidung – für Ruhe als Arbeitsbedingung und für ein Umfeld, in dem Material nicht performen muss, sondern wirken darf: im Tageslicht, im Schatten, im Gebrauch.

Hier arbeitet Stefanie Hering. Und schon bevor man ihren Namen sortiert, wird klar: In diesem Teil der Stadt geht es nicht um Sichtbarkeit. Sondern um Präzision.

© Patricia Parinejad

© Patricia Parinejad

© Hering Berlin

Drei Jahrzehnte Material

Stefanie Hering ist Keramikmeisterin und Designerin. Sie denkt Porzellan als zeitgenössisches Medium zwischen Kunst, Architektur und Gebrauch. Nicht als nostalgischen Werkstoff, nicht als dekorative Oberfläche, sondern als Material, das Konsequenz verlangt: Klarheit, Kontrolle, Präzision.

Sie kommt aus der klassischen Ausbildung, hat in unterschiedlichen handwerklichen Kontexten gearbeitet und früh eine eigenständige gestalterische Haltung entwickelt: reduziert, materialbewusst, offen für neue Anwendungen. Dass sie seit Jahrzehnten an einer Materialfrage bleibt, wirkt in einer schnell rotierenden Designwelt fast unzeitgemäß – und gerade deshalb zeitgenössisch.

1999 gründete sie Hering Berlin, um Entwürfe ohne Kompromisse in handwerklicher Qualität umzusetzen. International ist die Arbeit präsent, doch ihr kreativer Kern bleibt lokal: an einem Ort, der nicht behauptet, sondern ermöglicht.

© Volker Conradus

© Jens Bösenberg

© Volker Conradus

Ein Haus, das lebt

Die Villa in Schlachtensee ist kein klassischer Showroom. Sie ist ein Betriebssystem. Ein Raum, in dem Arbeit, Alltag und Gestaltung so ineinandergreifen, dass sich die Objekte nicht aus ihrem Kontext lösen. Das Haus stammt aus dem Jahr 1905 und wurde 2021/22 neu belebt – entscheidend ist jedoch nicht die Transformation, sondern die Nutzung: nicht steril, nicht museal, sondern in Betrieb.

Das zeigt sich sofort. Dinge stehen nicht auf Sockeln, sondern auf Tischen. Tischen, an denen gegessen wird – nicht nur fotografiert. In der Bel Étage liegen Dining-Bereich, Showroom und Atelier dicht beieinander: gedeckte Flächen, Prototypen, Notizen, Material. Eine Lounge dient als Denk- und Arbeitsraum. Unten eine Küche, die als solche lesbar bleibt. Draußen Garten und Gewächshaus – nicht als Kulisse, sondern als Zeitgeber.

Hering versteht die Villa nicht als Inszenierung, sondern als notwendige Arbeitsumgebung. Ihre Objekte sollen nicht „fertig“ wirken, sondern richtig. Und richtig heißt hier: in Beziehung.

„In der Villa stehen die Dinge nicht isoliert. Sie sind Teil eines gelebten Zusammenhangs. Porzellan, Glas oder Licht zeigen ihre Qualität erst im Gebrauch – im Gespräch, beim Essen, im Wechsel des Tageslichts. Ein Showroom friert Objekte ein. Hier dürfen sie altern, benutzt werden, Spuren tragen. Dadurch verändert sich der Blick: weg vom Objekt als Exponat, hin zum Objekt als Begleiter.”

Ein Begleiter hat Zeit. Spuren sind kein Makel, sondern Beweis: dafür, dass Material nicht nur hält, sondern gewinnt, wenn es benutzt wird. Diese Umkehrung – weg vom Objekt als Designbeweis, hin zum stillen Mitspieler – ist vielleicht die radikalste Geste des Hauses.

Auch das Licht ist hier kein Effekt, sondern Werkzeug. Es wandert durch die Räume und legt offen, was ein neutrales Studio glätten würde: Kanten, Oberflächen, Proportionen. Man versteht, warum dieser Ort in Zehlendorf steht: nicht, um Berlin zu verlassen, sondern um Berlin als Arbeitsbedingung zu präzisieren.

© Daniel Farò

© Daniel Farò

© Daniel Farò

© Daniel Farò

Im Gespräch

Bei einem Besuch wird schnell klar: Hier wird nicht dekoriert. Hier wird konstruiert. Die Objekte wirken reduziert, präzise, kompromisslos.

Frau Hering, was bedeutet es für Sie, Porzellan zu konstruieren statt zu dekorieren?

„Indem ich Porzellan nicht romantisiere. Konstruktion bedeutet Klarheit. Wenn Wandstärke, Statik und Funktion stimmen, entsteht Leichtigkeit von selbst. Dekor lenkt ab. Mich interessiert das Verhältnis von Spannung und Ruhe, von Masse und Offenheit, von matten und glänzenden Oberflächen. Die Poesie liegt nicht im Ornament, sondern in der Konsequenz der Form.“

Das ist keine Stilfrage, sondern eine Haltung. Wenn alles stimmt, muss nichts erzählt werden. Material wird zum Maßstab.

Sie arbeiten zunehmend mit Licht. Wo liegt die eigentliche Herausforderung – im Material oder im Denken?

„Die größte Herausforderung war nicht die Technik, sondern die Haltung. Biskuitporzellan ist kompromisslos: Jede Ungenauigkeit bleibt sichtbar. Licht verstärkt das. Die Konstruktion muss präzise sein, aber zurückhaltend. Das Licht entsteht nicht durch Hinzufügen, sondern durch das Material selbst.“

Technologie wird nicht als Update auf Material gesetzt, sondern als Dienstleistung am Werkstoff verstanden – wie in der Tischleuchte Burgeon, aus Biskuitporzellan gefertigt als skulpturales Lichtobjekt. Inverse Engineering: nicht Porzellan ins Jetzt zwingen, sondern das Jetzt so organisieren, dass Material seine Qualität entfalten kann.

Welche Architektur in Berlin bringt Sie zurück in Ihren Takt?

„Mein Lieblingsgebäude ist das Shell-Haus von Emil Fahrenkamp. Diese ruhige Dynamik der Fassade – streng und dennoch in Bewegung. Und das von David Chipperfield restaurierte Neue Museum: Brüche werden nicht kaschiert, sondern präzise weitergeführt. Geschichte bleibt sichtbar und funktioniert trotzdem zeitgenössisch.“

Beide Orte stehen für Präsenz ohne Lautstärke – und für Weiterbauen ohne Glättung. Es ist dieselbe Logik, die auch die Villa prägt.

© Daniel Farò

© Daniel Farò

© Daniel Farò

Das Wesentliche

Biskuit oder glasiert?

Biskuit

Tageslicht oder Kerzenschein?

Tageslicht – es ist ehrlicher

Tee oder Kaffee?

Tee

Perfektion oder Charakter?

Charakter, der aus Präzision entsteht

Prenzlauer Berg oder Zehlendorf?

Zehlendorf

Stille oder Diskurs?

Stille als Voraussetzung für Diskurs

Form follows function oder form follows material?

Form follows material

© Wasinburee Suspanichvoraparch

Visiting – Villa Hering

Die Villa Hering zeigt sich nur im gelebten Kontext. Wer hierher kommt, kommt nicht zum Einkaufen, sondern um zu verstehen, wie Raum, Material, Licht und Zeit zusammenwirken. Ideal sind Vormittage oder frühe Nachmittage, wenn das Tageslicht durch die Räume wandert. Private Shopping ist nach Vereinbarung möglich – nicht als Exklusivität, sondern weil dieser Ort geführt werden muss, um ihn lesen zu können.

VILLA HERING

Lindenthaler Allee 5

14163 Berlin-Schlachtensee

+49 (0)30 – 810 5411-0

info@heringberlin.com

heringberlin.com

Öffnungszeiten Montag und Donnerstag 9-17 Uhr sowie nach Vereinbarung für Private Shopping.

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