
Panorama_Most pieszo-rowerowy © Łukasz Kopeć
Warschau – immer im Werden
Warschau erschließt sich nicht über ein geschlossenes Stadtbild. Zwischen Vorkriegsarchitektur, Nachkriegsmoderne, neuen Kulturbauten, Cafés, Restaurants und einer erstaunlich wilden Weichselseite entfaltet sich eine Stadt, deren vielleicht größte Qualität darin liegt, nie ganz fertig zu sein. Fünf Locals zeigen uns ihr Warschau.
Warschau erfordert etwas Geduld. Auf den ersten Blick wirkt die Stadt heterogen und mitunter widersprüchlich. Ein Vorkriegshaus steht neben einem Nachkriegsblock, dahinter wächst ein Hochhaus in den Himmel. Nur wenige Straßen weiter führt der Weg durch einen Park, eine ehemalige Industrieanlage oder direkt hinunter zur Weichsel, deren rechtes Ufer stellenweise erstaunlich unberührt geblieben ist.
Gerade diese Brüche erzählen viel darüber, wie hier heute gestaltet wird. Neues muss sich selten auf einem weißen Blatt behaupten. Es trifft auf Geschichte, Rekonstruktion, Fragmente und Erinnerungen – und auf eine Stadt, die sich seit Jahrzehnten verändert.
Das zeigt auch die Auswahl unserer fünf Locals. Ein Architekturbüro, eine Designerin, eine Galeristin, eine Gastronomin und ein Coffee-Shop-Betreiber führen an sehr unterschiedliche Orte. Manche Empfehlungen überschneiden sich. Das ist kein Zufall. Das Museum of Modern Art, die Weichsel, Bar Rascal oder PURO tauchen mehrfach auf und werden damit fast zu festen Koordinaten einer kreativen Stadt, deren Szene überschaubar genug geblieben ist, um sich immer wieder zu begegnen.
What to expect: Keine Stadt aus einem Guss – sondern eine, in der unterschiedliche Zeiten dicht nebeneinander existieren. Warschau ist direkt, manchmal rau und immer in Bewegung. Design begegnet einem hier nicht als festgeschriebener Stil, sondern als kreativer Umgang mit dem Vorhandenen.
MEET THE LOCALS: 5 Perspektiven auf Warschau
Fünf Menschen, fünf Zugänge zur Stadt: Architektur, Design, Gastronomie, Kaffee und kuratierte Objekte. Ihre Empfehlungen überschneiden sich an einigen Stellen, führen aber immer wieder in andere Viertel und Milieus. Zusammen entsteht kein vollständiges Bild von Warschau – sondern ein persönliches Geflecht aus Orten, an denen sich zeigt, wie hier heute gelebt und gestaltet wird.

© NOKE Architects - Karol Pasternak i Piotr Maciaszek

© NOMAD.WARSAW - Joanna Marcysiak

Peaches_Monika Mazurek © Maciej Cioch
THE 5×5 – CURATED BY LOCALS
1 – NOKE Architects
Seit 2012 arbeiten Piotr Maciaszek und Karol Pasternak mit NOKE Architects von Warschau aus an Architektur, Interiors, Möbeln und visuellen Konzepten. Das Spektrum reicht von privaten Räumen bis zu Hotels und Gastronomie; häufig entstehen Projekte gemeinsam mit Künstlern, Handwerkern und anderen Gestaltern.
Dass ihr Warschau beim Hotel Warszawa beginnt, passt. Das ehemalige Prudential-Hochhaus war in den 1930er-Jahren ein Symbol des modernen Warschaus, wurde im Krieg schwer beschädigt, in der Nachkriegszeit verändert und Jahrzehnte später erneut umgebaut. Heute liegen hinter der zurückgenommenen Fassade viel Stein, dunkles Holz und ein vollständig mit Naturstein ausgekleideter Pool. Ein Gebäude, an dem sich mehrere Versionen dieser Stadt ablesen lassen. Für Kunst führt NOKE ins CSW im Ujazdowski-Schloss und ins neue Museum of Modern Art am Plac Defilad. Letzteres eröffnete im Oktober 2024 nach Plänen von Thomas Phifer and Partners unmittelbar neben dem Kulturpalast – ein heller, fast demonstrativ ruhiger Bau in einem der aufgeladensten Stadträume Warschaus. Beim Einkaufen nennen sie Mysia 3, NAP und ihre selbst gestaltete Schmuckboutique KOPI in der Oleandrów. Spannender wird ihr Blick jedoch dort, wo die Architektur zurücktritt: an der Weichsel. Wer Zeit hat, soll nicht nur über die Boulevards laufen, sondern ein Kajak nehmen und flussabwärts in Richtung Zentrum paddeln. Oder nach Żoliborz fahren und durch die Straßen Brodzińskiego, Wieniawskiego und Kozietulskiego spazieren, wo sich noch viel von der kleinteiligen Vorkriegsstadt erhalten hat.



2 – Joanna Marcysiak – NOMAD
Für Joanna Marcysiak ist Warschau schlicht ihr Zuhause. Sie wurde hier geboren, studierte Kunstgeschichte in Südfrankreich und kam zurück, um in Powiśle NOMAD aufzubauen – einen Concept Store und eine Galerie, die Handwerk nicht nach Ländern, sondern nach Haltung kuratiert. Marokkanische Teppiche bilden den Ausgangspunkt; dazu kommen Arbeiten internationaler Studios und Künstler wie LRNCE oder Clandestine Céramique.
Was sie an ihrer Stadt interessiert, ist weniger ein bestimmtes Bild als ihr unfertiger Zustand. Warschau, sagt Marcysiak, entwickle und erfinde sich permanent neu. Darin liege eine Freiheit, die andernorts schwerer zu finden sei. Gerade weil noch keine über Jahrzehnte fixierte Designidentität existiere, werde ausprobiert, zusammengearbeitet und neu gedacht. Ihr eigenes Warschau lässt sich gut zu Fuß erschließen. Von der Mokotowska mit unabhängigen polnischen Labels wie Jagg, Le Petit Trou und Chylak geht es Richtung Plac Zbawiciela, wo Charlotte für Marcysiak nicht mehr nur ein gemütliches Café, sondern bereits Teil der Erinnerung an ein Viertel ist. Noch näher liegt ihr Powiśle. Hier befindet sich NOMAD, und hier findet sie jenes Warschau, das sie am liebsten mag: kreativ, belebt, aber nicht vollständig poliert. Wenn es ruhiger sein soll, fährt sie nach Stary Mokotów zum Nowy Teatr. Das ehemalige Industrieareal funktioniert heute bewusst über den Theaterraum hinaus – mit Hof, Buchhandlung, Bar und einem Programm, das Kultur in den Alltag des Viertels zieht. Danach gehört für sie ein Kaffee im Relaks dazu. Und zum Abendessen Bibenda, saisonal und unkompliziert, oder ein Glas Naturwein im Garten von Bar Rascal.

© NOMAD

© chylak store

© BAR RASCAL - Bistro
3 – Monika Mazurek – PEACHES
Bei Monika Mazurek, Co-Owner und General Manager des Restaurants Peaches, verschiebt sich der Blick weg von der klassischen Designszene hin zu dem, was eine Stadt im Alltag zusammenhält: Cafés, Bäckereien, Märkte, Bars und Orte am Wasser. Mazurek arbeitet seit rund eineinhalb Jahrzehnten in der Warschauer Gastronomie.
Für den Morgen empfiehlt sie die vegane Bäckerei NAMO in Muranów oder Mała auf der anderen Seite der Weichsel in Praga, wo sich noch viel Vorkriegsbebauung erhalten hat. Dazu kommen kleine Produzenten und Märkte – von der Majlert Farm bis zum Markt in Forteca Kręglickich. Dass für sie Kultur im Sommer direkt ans Flussufer zieht, passt zu dieser Perspektive. Plac Zabaw und Barka verbinden Programm, Musik und Nachtleben mit dem öffentlichen Raum an der Weichsel. Auch das neue Museum of Modern Art empfiehlt sie ausdrücklich nicht nur wegen seiner Ausstellungen, sondern wegen seiner Architektur. Zum Einkaufen schickt sie in die Mokotowska, etwa zu Bęc Zmiana, wo polnisches Design, Publikationen und Stadtkultur zusammenkommen. Ihr persönlicher Gegenpol dazu liegt auf der anderen Flussseite: die Łąki Golędzinowskie, weite Wiesen am wilden Weichselufer. Hier wird deutlich, wie ungewöhnlich Warschaus Verhältnis zu seinem Fluss ist. Nur wenige Minuten vom Zentrum entfernt lässt die Stadt plötzlich erstaunlich viel Raum offen.
@peaches_gastrogirls

peaches © Cecylia Król

Bęc Zmianą – Photo by Sisi Cecylia for Bęc Zmiana Foundation
4 – TYPIKA
Wer eine Stadt verstehen will, kann morgens auch einfach beobachten, wo die Locals ihren Kaffee trinken. TYPIKA betreibt in Warschau mehrere Standorte und bewegt sich damit mitten in jener jungen Gastronomie- und Kaffeeszene, die unterschiedliche Viertel zunehmend mitprägt.
Die Empfehlungen beginnen entsprechend beim Frühstück: Cała w Mące, BAKEN oder Kubuś Piekarenka; für Kaffee BŁYSK Espresso Bar, El Cafetero und insbesondere der Coffeedesk an der Próżna. Beim Essen reicht die Spannweite bewusst weiter. SZUM in Wola wird für das Verhältnis von Gestaltung, Küche und Preis empfohlen, die Bar Mleczny Prasowy für eine ganz andere, tief im polnischen Alltag verankerte Form der Gastronomie. Für einen längeren Abend stehen Bez Gwiazdek und KONTAKT auf der Liste. Noch interessanter ist die Wahl des Lieblingsviertels: Stare Bielany. Rund um den Plac Konfederacji wird Warschau kleiner und ruhiger. Vorkriegshäuser, niedrige Bebauung und viel Grün liegen weit weg vom Tempo des Zentrums. Mit Orten wie DEJ Piekarnia und Café de la Poste besitzt das Viertel trotzdem ein ausgeprägtes lokales Leben. Auch kulturell empfiehlt TYPIKA Orte, die mehr sind als Ausstellungsräume. Das CSW Zamek Ujazdowski verbindet Kunst, Programmkino, Restaurant und Park. Wer verstehen möchte, warum Warschau aussieht und funktioniert, wie es das heute tut, sollte zudem das Warsaw Uprising Museum nicht auslassen. Es verändert den Blick auf alles, was danach kommt.
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© Bez Gwiazdek Restaurant

Cinema at the Ujazdowski Castle Centre for Contemporary Art. © Jakub Certowicz
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© TYPIKA Wola
5 – MARIA JEGLINSKA-ADAMCZEWSKA
Designer betrachten Städte anders. Maria Jeglińska-Adamczewska tut dies besonders genau. Seit 2012 leitet sie in Warschau das Office for Design & Research und ist in den Bereichen Industrie- und Möbeldesign, Ausstellungen und Forschung tätig. Ihre Arbeit ist international, ihre Beziehung zu Warschau jedoch sehr konkret. „Warschau ist eine Stadt im Wandel, nichts ist von Dauer“, sagt sie über ihre Heimatstadt. Das bedeutet für sie nicht, dass jeder Entwurf unmittelbar aus Warschau entsteht. Interessanter ist die Energie, die aus Zerstörung, Wiederaufbau und wiederholter Veränderung hervorgegangen ist.
Ihre Empfehlungen folgen diesem Blick. Im Nationalmuseum schätzt sie nicht nur die Sammlung polnischer Kunst, sondern auch das Gebäude, das den Zweiten Weltkrieg überstanden hat. Zum Einkaufen führt sie zu Chylak, dem Label ihrer Freundin Zofia Chylak. Zum Essen geht sie zu Ale Wino und für Naturwein in die Bar Rascal. Ein Ort bleibt jedoch konstant, obwohl sie ihren liebsten Platz in Warschau sonst als „immer im Wandel“ bezeichnet: die Nationaloper Warschau. Der ursprünglich von Antonio Corazzi entworfene Bau wurde nach dem Krieg von Bohdan Pniewski neu gestaltet. Dabei fasziniert Jeglińska besonders, wie Architektur, Keramik, Wandteppiche, Mosaik und angewandte Kunst zu einem Ganzen zusammenkommen. Wer Warschau zum ersten Mal besucht, würde sie trotzdem nicht an den historischen Orten vorbeischicken. Im Gegenteil. Die Altstadt, der Kulturpalast und die Geschichte des Wiederaufbaus sind die Grundlage. Danach Powiśle. Dort stehen alte und neue Stadt so selbstverständlich nebeneinander, dass man langsam versteht, was sie mit ihrem vielleicht treffendsten Satz meint:
„Warschau ist ein chaotisches Durcheinander. Aber genau das macht die Stadt so besonders.“

Teatr Wielki © Aleksander Małachowski
Fünf Perspektiven, und doch kehren bestimmte Orte immer wieder: die Weichsel, Powiśle, Mokotowska, das neue Museum, Rascal. Dahinter steht jedoch kein geschlossenes Bild einer Designstadt. Eher ein Netz aus Menschen und Orten, in dem Kultur, Gastronomie, Architektur und Gestaltung erstaunlich nahe beieinanderliegen.
Warschau muss sich nicht entscheiden, welche Version seiner selbst die richtige ist. Gerade das macht die Stadt interessant. Man bewegt sich zwischen ihren Schichten und beginnt irgendwann, das Unfertige nicht mehr als Widerspruch, sondern als Teil ihres Charakters zuzulassen.
DESIGN DELUXE Discoveries
Mokotowska → Plac Zbawiciela
Ein Spaziergang zu unabhängigen polnischen Labels, kleinen Läden und Cafés – von Jagg, Le Petit Trou und Chylak bis hin zu Charlotte am Plac Zbawiciela.
Stare Bielany
Ein ruhigeres Warschau mit Vorkriegshäusern, niedriger Bebauung und viel Grün. Rund um den Plac Konfederacji liegen mit DEJ Piekarnia und Café de la Poste gleich zwei gute Gründe, länger zu bleiben.
Relaks
Speciality Coffee, Nachbarschaftstreff und immer wieder polnische Plakatkunst – eine jener Adressen, an denen Kultur ganz selbstverständlich Teil des Alltags wird.
Cała w Mące
Eine kleine Bäckerei nahe dem POLIN Museum – guter Zwischenstopp für Frühstück oder Gebäck, bevor es weiter durch Muranów geht.
Bibenda
Saisonal kochen, Naturwein trinken, sitzen bleiben. Joanna Marcysiak gehört zu denen, die hier regelmäßig länger bleiben als geplant.
Va Bene Cicchetti
Drinks und kleine italienische Gerichte am Plac Konstytucji – dazu ein Interior von NOKE Architects, das den Ort selbst zum Teil der Empfehlung macht.
Żoliborz zu Fuß
Brodzińskiego, Wieniawskiego und Kozietulskiego führen durch eines jener Viertel, in denen sich noch etwas von Warschaus Vorkriegsmaßstab erhalten hat.
Łąki Golędzinowskie
Auf der rechten Weichselseite wird Warschau plötzlich weit: Wiesen, Vögel und fast keine Stadt. Besonders schön zu Fuß oder mit dem Rad.
Barka & Plac Zabaw
Im Sommer wandert Kultur ans Wasser: Konzerte, Drinks und lange Abende an der Weichsel statt geschlossener Kulturinstitution.
Kajak statt Sightseeing-Boot
An der Plaża Romantyczna einsetzen und flussabwärts Richtung Poniatowski-Brücke paddeln. Eineinhalb Stunden später sieht Warschau vom Wasser aus überraschend anders aus.


