
Natürliche Materialien, helle Hölzer und eine zurückhaltende Farbpalette verleihen dem Interieur eine ruhige Atmosphäre. © Muuto
War's das mit Dopamine Decor?
Weniger Reiz, mehr Atmosphäre: Gedeckte Farben prägen eine neue Generation von Interieurs und verändern den Blick auf Wohnen grundlegend.
Kräftige Farben, expressive Muster und eine gehörige Portion Optimismus sollten Wohnräume zu Orten machen, die Energie schenken und gute Laune ausstrahlen. Doch inzwischen scheint sich der Blick zu verändern. Er ist viel leiser, erdiger und zurückhaltender. Die eigentliche Frage lautet deshalb: Erleben wir gerade das Ende eines Trends oder den Beginn eines neuen Farbverständnisses? Dass Farbe heute weit mehr ist als reine Gestaltung, zeigt bereits die Diskussion im vergangenem Jahr um die Pantone Color of the Year. Mocha Mousse, ein sanfter Braunton, wurde von den einen als wohltuend und zeitlos gefeiert, von den anderen als uninspiriert oder gar langweilig kritisiert. Selten wurde eine Farbentscheidung so kontrovers aufgenommen. Vielleicht, weil sie exemplarisch für einen größeren Wandel steht.

© Audo Copenhagen
Die Ästhetik des Geerdeten
Nach Jahren permanenter visueller Reize wächst die Sehnsucht nach Räumen, die Ruhe ausstrahlen. Das Zuhause soll heute weniger stimulieren als entschleunigen. Gedeckte Braun- und Sandtöne, warmes Grau, Oliv oder Lehmfarben treffen genau dieses Bedürfnis. Sie wirken vertraut, schaffen Tiefe und lassen Materialien wie Holz, Naturstein oder Leinen stärker in den Vordergrund treten. Parallel dazu etabliert sich ein Begriff, der derzeit immer häufiger in der Designwelt auftaucht: Grounding. Dahinter verbirgt sich der Wunsch nach Interieurs, die Halt vermitteln und eine Verbindung zur Natur herstellen. Farbe wird dabei zum Stimmungsträger. Nicht laut und aufmerksamkeitsstark, sondern ruhig, beständig und langlebig.
Das bedeutet allerdings kaum das Aus für Dopamine Decor. Vielmehr scheint sich der Fokus zu verschieben. Persönlichkeit entsteht heute häufiger durch Materialität, Texturen und feine Nuancen als durch maximale Farbkontraste. Die auffällige Inszenierung weicht einer Atmosphäre, die sich erst mit der Zeit entfaltet. Vielleicht geht es am Ende ohnehin um etwas anderes. Weniger um die Frage, welche Farbe als Nächstes Trend wird. Viel spannender ist, welche Stimmung wir uns für unser Zuhause wünschen. Denn dort zeichnet sich derzeit ein neuer Zeitgeist ab.



 Christian Maislinger_15.webp?md)