
TikTok-Trends einfach erklärt: Skirted Furniture, Broken Floor Plan, Cabbagecore & Co
Von der digitalen Inspiration direkt ins Zuhause: So werden aktuelle Wohnästhetiken zu echten Stilvorlagen.
Skirted Furniture, Broken Floor Plan oder Cabbagecore. Was auf den ersten Blick wie ein Sammelsurium aus Nostalgie, Wohnpsychologie und Internet-Hype wirkt, ist in Wahrheit Ausdruck einer klaren Bewegung: weg von glatter, austauschbarer Funktionalität, hin zu Räumen mit mehr Charakter, Textur und Atmosphäre. Die neuen Wohntrends zeigen, dass Interior Design wieder stärker emotional, erzählerisch und bewusst inszeniert gedacht wird.
Die Rückkehr der Stoffe
Skirted Furniture bezeichnet Möbel, deren Unterbau mit Stoff verdeckt ist. Statt sichtbarer Beine tragen Sofas, Sessel, Tische oder Poufs einen „Rock“, der den Korpus bis zum Boden kaschiert. Der Look wirkt weich, elegant und etwas klassisch, ist aber derzeit alles andere als verstaubt.
Der Trend knüpft an eine lange Geschichte an. Textile Verkleidungen an Möbeln reichen weit zurück bis ins Mittelalter und in die Renaissance, als Stoffe nicht nur dekorativ, sondern auch Statussymbole waren. Tapisserien, schwere Gewebe und textile Überwürfe dienten damals dazu, Wärme, Reichtum und Mobilität zu inszenieren. Die oft erzählte viktorianische Anekdote, man habe Möbel aus Prüderie vor sichtbaren Stuhlbeinen eingekleidet, gilt dagegen eher als charmante Legende als als gesicherte Tatsache.
Warum ist der Look heute wieder da? Weil er eine Gegenbewegung zu den letzten Jahren der „leggy“ Möbel darstellt, also zu leichten, offenen, oft sehr minimalistischen Silhouetten. Skirted Furniture bringt visuelle Ruhe, kaschiert Unordnung und verleiht Räumen eine bewusst wohnliche, fast couturehafte Note. In modernen Interiors wirkt der Stil besonders spannend, wenn er nicht historisierend, sondern gebrochen eingesetzt wird – etwa mit frischen Stoffen, klaren Linien oder ungewöhnlichen Proportionen.

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Broken Floor Plan
Der Broken Floor Plan ist die architektonische Antwort auf die Ermüdung am offenen Grundriss. Gemeint ist ein Wohnkonzept, das größere Flächen in klar definierte Zonen unterteilt, ohne komplett geschlossene Räume zu schaffen. Statt durchgehender Offenheit gibt es Übergänge, Halbwände, Einbauten, Glasflächen, Niveauwechsel oder Möbel als Raumteiler.
Die Idee ist einfach: Man behält Licht, Sichtbezüge und Großzügigkeit, gewinnt aber gleichzeitig mehr Intimität, Funktionalität und Ruhe. Gerade in Zeiten von Homeoffice, multifunktionalen Haushalten und wachsender Sehnsucht nach Rückzug wirkt das plausibel. Denn viele offene Wohnkonzepte haben sich in der Praxis als akustisch anstrengend, wenig privat und schwer zu organisieren erwiesen.
Der Broken Floor Plan ist deshalb kein Rückfall in kleinteilige Zimmerlogik, sondern ein Update. Er nimmt dem offenen Grundriss seine radikale Offenheit und macht ihn alltagstauglicher. Das passt sehr gut zu einer Wohnkultur, die nicht nur repräsentativ sein soll, sondern auch flexibel, leise und nutzungsorientiert.

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Gemüse mit Stil: Cabbagecore
Cabbagecore ist der wohl spielerischste der drei Begriffe. Dahinter steckt eine verspielte, naturinspirierte Ästhetik, die Kohl, Blätter, organische Formen und grünliche Farbtöne in Szene setzt. Das klingt zunächst nach Internet-Gag, ist aber längst zu einer ernstzunehmenden Mood-Ästhetik geworden.
Cabbagecore bewegt sich zwischen Cottagecore, Gartenromantik und einem leicht surrealen Sinn für Humor. Anders als klassischer Landhausstil nimmt sich dieser Trend nicht zu ernst. Er spielt bewusst mit dem Überladenen, dem Dekorativen und dem etwas Schrulligen. Besonders gut funktioniert er in kleinen Dosen: in einem Gäste-WC, auf dem gedeckten Tisch, als Keramikobjekt, in Textilien oder als Akzenttapete.
Spannend ist auch die kulturelle Tiefe des Trends. Gemüseformen in der Dekoration sind keineswegs neu. Historische Vorbilder reichen von Keramiktraditionen des 19. Jahrhunderts bis zu späteren Tischkultur-Ikonen, die Gemüseästhetik in den Bereich des gehobenen Wohnens überführten. Cabbagecore ist also kein bloßer Social-Media-Effekt, sondern eine aktuelle Reaktivierung älterer Gestaltungsmotive – nur mit einem spielerischeren, ironischeren Ton.

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Was diese Trends verbindet
So unterschiedlich die Begriffe klingen, sie erzählen alle dieselbe Grundgeschichte: Interior Design entfernt sich vom rein Funktionalen und sucht wieder stärker nach Stimmung, Textur und Identität. Skirted Furniture bringt Weichheit und dekorative Tiefe. Broken Floor Plan schafft Zonen statt Daueroffenheit. Cabbagecore bringt Natur, Nostalgie und ein Augenzwinkern in die Einrichtung.
Darin zeigt sich auch eine größere Verschiebung in der Wohnkultur. Nach Jahren der glatten Minimalästhetik, des perfekten Open Space und der visuellen Reduktion wächst das Bedürfnis nach Räumen, die individueller, dichter und emotional aufgeladener wirken. Es geht nicht mehr nur darum, wie ein Raum aussieht, sondern auch darum, wie er sich anfühlt.

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Aber warum jetzt?
Die aktuellen Trends sind auch eine Reaktion auf gesellschaftliche Veränderungen. Homeoffice, hybride Lebensformen und das Bedürfnis nach mentaler Entlastung haben das Wohnen komplizierter gemacht. Gleichzeitig wächst die Sehnsucht nach Geborgenheit, Handwerk, Historie und einer gewissen Unperfektheit.
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