
3 Days of Design und Bommas poetische Installation zwischen Kunst, Handwerk und Atmosphäre.
© Radek Úlehla
Make This Moment Matter: Warum die 3 Days of Design weit mehr sind als ein Designfestival.
Gegen den Wind durch Kopenhagen zu radeln gehört während der 3 Days of Design fast schon zum Pflichtprogramm. Obwohl sich Wolken über der Stadt zusammenbrauen, sitzen die Menschen draußen, trinken Kaffee und essen das typische, blättrige Plundergebäck Wienerbrød. Sie unterhalten sich, als wäre Hochsommer – wozu gibt es schließlich schicke Mützen und Regenjacken!! Die Sonne zeigt sich nur sporadisch, doch das scheint niemanden zu stören. Vielleicht beschreibt genau das am besten, worum es beim diesjährigen Designfestival ging: Präsenz. Aufmerksamkeit. Den gegenwärtigen Moment bewusst wahrzunehmen.
„Make This Moment Matter“ – selten hat ein Leitthema so gut zum Charakter einer Stadt gepasst wie bei den 3 Days of Design 2026.
Was 2013 als kleine Initiative einiger dänischer Designunternehmen begann, hat sich längst zum wichtigsten Designfestival Skandinaviens entwickelt. Im Gegensatz zu klassischen Messen findet es nicht in einer Halle statt, sondern verteilt sich über die gesamte Stadt. Historische Gebäude, ehemalige Lagerhäuser, Innenhöfe, Galerien, Hotels und Showrooms werden für drei Tage zur Bühne für Design, Architektur, Handwerk und Begegnung. Gerade diese Verzahnung mit dem urbanen Leben macht den besonderen Reiz des Festivals aus. Man läuft nicht von Halle zu Halle, sondern entdeckt Kopenhagen selbst neu – auf dem Fahrrad, entlang der Kanäle, durch versteckte Gassen und zwischen Menschen, für die Gestaltung ein selbstverständlicher Teil des Alltags zu sein scheint.

Kopenhagener Rathaus © Linda Pezzei

Kopenhagen ist eine Fahrradstadt © Linda Pezzei
Licht als Erlebnis
Zu den eindrucksvollsten Themen der diesjährigen Ausgabe gehörte Licht – nicht als technische Innovation, sondern als emotionales und räumliches Erlebnis. Besonders eindrucksvoll gelang dies der Künstlerin Christina Augustesen gemeinsam mit VELUX. Ihre Installation machte Tageslicht in den Pas Normal Studios selbst zum Protagonisten. Das Licht wurde nicht inszeniert, sondern beobachtet: Je nach Wetterlage, Tageszeit und Perspektive veränderten sich Wahrnehmung und Atmosphäre. Die Arbeit veranschaulichte eindrucksvoll, wie sehr Licht unsere Beziehung zu Räumen prägt und wie selten wir uns dieser Wirkung tatsächlich bewusst sind.
Auch Louis Poulsen widmete sich mit der Jubiläumsinstallation „Into the Shades” der emotionalen Kraft von Licht und Schatten. Anstelle von Neuheiten stand die Frage im Raum, wie Licht unsere Stimmung, unsere Wahrnehmung und unser Wohlbefinden beeinflusst. Und selbst außerhalb der klassischen Showrooms spielte Licht eine zentrale Rolle. So verwandelte BOMMA das kürzlich restaurierte Hoftheater mit hunderten Leuchten aus recycelten Kristallfragmenten in eine poetische Installation am Schnittpunkt von Kunst, Handwerk und Ästhetik. Tanz, Duft und Bewegung verschmolzen zu einem Erlebnis, das weit über eine klassische Produktpräsentation hinausging und deshalb ebenso wie die Installation von Augustesen im Gedächtnis blieb.

© Louis Poulsen - 3 Days of Design 2026

Fragments of Light © Lukas Bukoven
Material, Herkunft und Handwerk
In diesem Jahr beschäftigten sich auffallend viele Beiträge mit der Herkunft von Materialien und der Frage, wie verantwortungsvoll Gestaltung heute sein kann. Dies wurde besonders eindrucksvoll in der Ausstellung Material Matters deutlich, die sich erneut als einer der spannendsten Programmpunkte des Festivals erwies. Im Mittelpunkt standen hier weniger fertige Produkte als vielmehr Prozesse, Materialien und Herstellungsweisen.
Zu den überzeugendsten Beiträgen gehörte die Installation „Wood for the Trees”, die die Besucher auf eine Reise vom Wald bis zum fertigen Produkt mitnahm und die Beziehung zwischen Design, Forstwirtschaft und Ressourcennutzung veranschaulichte. Anstatt Nachhaltigkeit als Marketingbegriff zu verwenden, wurde sie hier als langfristige Verantwortung verstanden.
Auch OCHRE setzte auf Materialität und kulturelle Identität. Die Ausstellung entführte die Besucher nach Armenien und verband traditionelle Handwerkstechniken mit zeitgenössischer Gestaltung. Sie veranschaulichte eindrucksvoll, wie eng Design mit Herkunft, Erinnerung und kulturellen Narrativen verbunden sein kann. Viele der interessantesten Beiträge des Festivals widmeten sich daher nicht dem nächsten Produkt, sondern den Menschen, Materialien und Prozessen dahinter.

OCHRE – A Path of Gestures
© Biayna Mahari

Material Matters
© Sam Harrons

Material Matters x AHEC
© Sam Harrons
Japanische Gelassenheit
Ein zweiter roter Faden zog sich durch zahlreiche Ausstellungen: Japan. Dabei ging es weniger um Ästhetik als um eine innere Haltung. Um Reduktion, Handwerk, Alltag und die Wertschätzung einfacher Rituale. Marken und Studios wie Karimoku Case, MAS, NOSOU, New Light Pottery oder TAMEKO präsentierten Arbeiten, die sich durch Langlebigkeit, Materialverständnis und eine ruhige Formensprache auszeichnen.
Besonders deutlich wurde dies bei KINTO. In Zusammenarbeit mit StudioxKitchen entstand einer der beliebtesten Treffpunkte des Festivals. Die Besucher standen geduldig Schlange für hausgemachtes Gebäck und Limonade. Design wurde hier nicht betrachtet, sondern erlebt – beim Essen, Trinken und Zusammensein. Für mich eine der gelungensten Übersetzungen des Festivalmottos: Gestaltung als Teil des Alltags. Auch die von OEO Studio kuratierte Ausstellung „Japanmade” zeigte exemplarisch, wie eng Design und Handwerk miteinander verbunden sind. Im Mittelpunkt standen dabei nicht einzelne Objekte, sondern die Menschen, Werkstätten und Produktionsprozesse, dahinter.
Die schönsten Momente passieren dazwischen
So beeindruckend viele Ausstellungen auch waren, die eigentliche Stärke der „3 Days of Design” liegt in den Momenten zwischen den Programmpunkten. Beim Gespräch mit Designern und Besuchern. Bei einem Kaffee am Kanal. Auf dem Weg zur nächsten Ausstellung. Oder beim Entdecken eines kleinen Showrooms, von dem man vorher noch nie gehört hatte. Während andere Designveranstaltungen oft von Neuheiten und Inszenierungen leben, entsteht hier etwas anderes: eine Kultur des Austauschs. Das ist vermutlich einer der Gründe, warum das „kleine” Designtreffen Jahr für Jahr an Bedeutung gewinnt. Man besucht nicht nur ein Festival. Man erlebt eine Stadt, die Gestaltung als Teil ihrer Identität versteht.
DESIGN DELUXE FAZIT: Die 3 Days of Design sind längst mehr als eine Designmesse. Sie sind eine Einladung, Kopenhagen mit anderen Augen zu sehen. Zwischen Lichtinstallationen, Materialexperimenten, Handwerk, japanischer Gelassenheit und unerwarteten Begegnungen zeigte sich 2026 vor allem eines: Design ist dann am stärksten, wenn es Teil des Lebens wird. Oder, um es mit dem Motto des Festivals zu sagen: Make This Moment Matter.







