
Madrid in Form
Mit FORMA erhält das Madrid Design Festival eine neue Bühne – und die Stadt präsentiert sich als eine der derzeit spannendsten Adressen für zeitgenössisches Design.
Madrid ist vielleicht nicht die lauteste, aber auf jeden Fall die lebendigste Designstadt Europas.
Was hier passiert, wirkt weniger inszeniert als in Mailand und weniger durchgestylt als in Kopenhagen. Madrid ist eine offene, neugierige Stadt, manchmal auch ein bisschen roh. Design spielt sich hier nicht nur in Galerien oder auf Messen ab, sondern ist allgegenwärtig – im Café, im Restaurant, im Gespräch.
Orte wie das Infinito Delicias von elii, das Restaurant Tramo von SelgasCano oder das MO de Movimiento von Lucas Muñoz zeigen genau das: Architektur, Gestaltung und Atmosphäre greifen ineinander – bis auf den Teller. Schnell spürt man, dass Design hier nicht als Disziplin, sondern als Teil des Lebens gedacht wird.
Vielleicht ist das der Grund, warum Madrid gerade so spannend ist.
FORMA Madrid: Alte Gemäuer, junges Design und dazwischen ganz viel Raum für Gespräche. © FORMA
FORMA – ein erster Aufschlag
Mit der ersten Ausgabe der FORMA wurde diese Energie nun gebündelt und greifbar gemacht. Eingebettet in das Madrid Design Festival bringt die neue Collectible Messe Galerien, Designer und Künstler zusammen und legt dabei den Fokus auf Sammlerstücke, Materialität und handwerkliche Qualität.
Auffällig ist, dass die FORMA nicht wie eine klassische Messe wirkt. Weniger Verkaufsfläche, mehr Austausch. Viele der gezeigten Arbeiten entstehen im Spannungsfeld von Kunst und Design, oft in kleinen Editionen, mit großer Sorgfalt in Bezug auf Material, Prozess und Oberfläche.
Vor allem aber ist die Distanz zwischen Publikum und Gestaltern gering. Man kommt schnell, direkt und persönlich ins Gespräch. Genau darin liegt die Stärke dieses Formats – und vielleicht auch ein Hinweis darauf, wohin sich Design derzeit entwickelt.
FORMA 2026: hart trifft zart. © Gärna Gallery © Natalia Vazquez © Justino del Cesar
Material als Statement
Dass es dabei nicht nur um Ästhetik geht, wird spätestens dort klar, wo Handwerk und Material ins Zentrum rücken.
Initiativen wie SACO – Teil der Ausstellung Coalescence im Studio von Álvaro Catalán de Ocón – zeigen, wie sich traditionelle Techniken und zeitgenössisches Design verbinden lassen, ohne nostalgisch zu werden. Hier geht es nicht um einen Rückgriff, sondern um eine Weiterentwicklung.
Dabei wird das Material zum eigentlichen Protagonisten. Keramik, Metall und textile Strukturen wirken ruhig, fast selbstverständlich und gleichzeitig äußerst detailgenau. Jede Oberfläche erzählt von Zeit, von Prozess, von Herkunft. Handwerk erscheint hier nicht als Gegenpol zur Moderne, sondern als ihre Voraussetzung.
Oder, wie es in der Ausstellung anklingt: Jede Geste steht im Dialog, jede Textur trägt Bedeutung.
SACO im Studio von Álvaro Catalán de Ocón (ACDO): eine kuratierte Präsentation – u.a. mit Plaart und Josep Font mit Vajillas de Ultramar, die Madrids Handwerksszene zeitgenössisch neu denken.
Im Studio – wo alles beginnt
Besonders eindrücklich wird dies im Studio von Álvaro Catalán de Ocón.
Es ist ein Ort, der weniger wie ein Showroom wirkt, sondern eher wie ein Denkraum. Materialien liegen offen, Objekte stehen nicht auf Podesten, sondern befinden sich mitten im Prozess. Im Rahmen der Ausstellung „Coalescence” treffen hier unterschiedliche handwerkliche Disziplinen wie Keramik, Metall und textile Techniken aufeinander und verbinden sich zu einer gemeinsamen Sprache.
Was dabei entsteht, ist leise. Keine lauten Gesten, keine Effekte. Stattdessen ist eine fast selbstverständliche Eleganz zu erkennen. Man sieht, wie die Dinge gemacht sind. Und versteht gleichzeitig, dass genau darin ihre Qualität liegt.
Viele der Arbeiten beziehen sich auf sehr frühe Formen des Handwerks, auf Techniken, die bis in die Anfänge menschlicher Produktion zurückreichen und heute neu interpretiert werden.
Das wirkt jedoch weder historisch noch nostalgisch. Es wirkt eher wie ein Innehalten.
Oder anders gesagt: Design, das sich Zeit nimmt.
Im Studio von Álvaro Catalán de Ocón: Unter dem Titel Coalescence bündelte SACO traditionelle Techniken von Keramik bis Textil zu einer stillen, präzisen Sprache des zeitgenössischen Handwerks.
Zwischen Objekt und Raum
Zurück auf der FORMA und unterwegs in der Stadt zeigt sich diese Haltung in unterschiedlichsten Ausprägungen.
Da ist etwa die Arbeit von Mayice Studio: Glas, Licht und Textil sind darin fein ausbalanciert. Objekte, die fast verschwinden und gerade dadurch präsent sind. Ein Spiel mit Transparenz, Reflexion und Materialstärke, das sich irgendwo zwischen Funktion und Skulptur bewegt.
An anderer Stelle dann ein ganz anderes Setting: das Pop-up Apartment von Catalina de Anglade. Räume, die wie selbstverständlich bewohnt wirken – und gleichzeitig klar kuratiert sind. Materialien, Farben und Oberflächen sind aufeinander abgestimmt, ohne inszeniert zu wirken.
Auch hier zeigt sich: Design wird nicht isoliert gedacht. Es entsteht im Zusammenhang.
Galerien wie die Gärna Gallery oder die Garrido Gallery tragen diese Idee weiter – als Vermittler zwischen Kunst und Design, zwischen Einzelstück und Raum.
Und dann sind da Brands wie Actiu RED, die bewusst auf Austausch setzen. Kein klassischer Showroom, sondern ein Ort für Gespräche, für Begegnung, für Community. Ein Knotenpunkt, der Design nicht nur zeigt, sondern weiterdenkt.
Mayice, Actiu RED und das Pop-up Apartment von Catalina de Anglade zeigen, wie Glas, Licht, kuratierte Objekte und räumliche Atmosphäre auf der FORMA und in der Stadt zu einem zusammenhängenden, gelebten Designverständnis verschmelzen.
Mediterranes Manifest
Was all diese Positionen verbindet, lässt sich vielleicht am besten über den Begriff des „Mediterranen“ fassen, auch wenn dieser schnell zu allgemein erscheint.
Die Ausstellung „Manifiesto Mediterráneo“ versucht genau das zu erfassen: eine Haltung, die weniger mit Stil als mit einem bestimmten Zugang zu Material, Licht und Raum zu tun hat.
Hier geht es nicht um Reduktion im klassischen Sinne, sondern um Nähe. Nähe zu Materialien, zu Prozessen, zu Orten. Oberflächen dürfen altern, Strukturen dürfen sichtbar bleiben und Dinge dürfen sich entwickeln.
Im Gegensatz zu vielen nordeuropäischen Ansätzen, die oft auf Perfektion und Kontrolle setzen, wirkt das hier offener. Wärmer. Vielleicht auch menschlicher.
„Manifiesto Mediterráneo“ übersetzt Wärme, Materialnähe und sichtbare Alterung in eine Haltung, die weniger auf Perfektion als auf menschliche, offene Räume und Prozesse setzt. © Andre Ricard
Warum Madrid gerade zählt
All das erklärt, warum Madrid gerade so viel Aufmerksamkeit bekommt. Es ist nicht nur die neue Plattform mit FORMA. Es ist das Zusammenspiel. Eine Szene, die sich nicht über einzelne Namen definiert, sondern über Verbindungen: zwischen Studio und Galerie, zwischen Handwerk und Industrie, zwischen Alltag und Entwurf.
Design ist hier nicht nur sichtbar, sondern Teil der Stadt. In Cafés, Restaurants, Ausstellungsräumen und Studios. Es passiert im Kleinen genauso wie im Großen. Und genau darin liegt die eigentliche Qualität. Madrid wirkt im Moment wie ein Ort, an dem sich Design wieder erdet, ohne an Relevanz zu verlieren.
Ein vielversprechender Anfang, der neugierig macht, wie es weitergeht.

Design für jeden Tag – wie die Lampe Tatu, zu sehen in der Ausstellung André Ricard. Diseño en uso. © Enric Badrinas
INFOBOX Madrid Design Festival & FORMA
Madrid Design Festival
Das Madrid Design Festival zählt zu den wichtigsten Designplattformen Spaniens und bringt jedes Jahr im Frühjahr internationale Designer, Studios, Galerien und Institutionen in der ganzen Stadt zusammen. Ausstellungen, Installationen, Talks und Interventionen machen Madrid für mehrere Wochen zu einem offenen Designlabor.
FORMA Design Fair
Mit FORMA hat das Festival 2026 erstmals eine eigene Plattform für Collectible Design geschaffen. Der Fokus liegt auf limitierten Editionen, Materialforschung und der Schnittstelle zwischen Kunst und Design. Statt klassischer Messeformate steht hier der Austausch zwischen Gestaltern, Galerien und Publikum im Vordergrund.
Save the Date 2027
Das nächste Madrid Design Festival findet voraussichtlich wieder im Frühjahr statt (Februar/März).
Auch FORMA soll weitergeführt und ausgebaut werden – als Plattform für internationales Collectible Design mit starkem Bezug zu Handwerk und Materialität.
Links
Madrid Design Festival https://madriddesignfestival.lafabrica.com
FORMA Design Fair https://madriddesignfestival.lafabrica.com/forma
SACO / ACDO
Titelbilder: © FORMA





















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