Architektur & Immobilien

Grün ist das neue Gold

Ohne Grün geht’s nicht mehr: Was früher ein Nice-to-have war, hat sich in den vergangenen Jahren bei innerstädtischen Premium-Immobilien zum absoluten Pflichtprogramm gewandelt.

"Die Begrünung ist für den Kunden kaufentscheidend geworden", berichtet Bernhard Kramer, Inhaber von Kramer und Kramer. "Auch den Entwicklern ist klar geworden, dass gerade im städtischen Bereich Freiflächen nicht nur im Dachgeschoß relevant sind, sondern eine fix integrierte, systematisch geplante Bepflanzung notwendig ist."

Was auch im Umgang mit den Budgets spürbar wird: Litten die Grünflächen früher darunter, dass das für sie eingeplante Geld nach der Fertigstellung der Gebäude häufig Budgetlücken gefüllt hat und zumindest stark reduziert war, hat sich das Bewusstsein heute deutlich geändert. "Wenn nicht nur ein grüner Anstrich geliefert werden soll, der nicht mehr akzeptiert wird, muss die Begrünung von Anfang an mit der Architektur mitgedacht werden", betont der Landschaftsarchitekt.

Traum vom Park in der Stadt

Das passiert inzwischen auch immer häufiger, wie Christian Lindle von Lindle+Bukor beobachtet, zu dessen aktuellen Projekten die privaten und öffentlichen Freiflächen des Funkhauses gehören.

"Wir sind seit 15 Jahren in Sachen Begrünung tätig, haben in dieser Zeit immer mehr Verbündete gewonnen und gesehen, wie sehr Grün in der Wertschätzung der Baubranche gestiegen ist."

Früher sei dieses oft lediglich ein Kostenpunkt gewesen, an dem gern gespart wurde; heute sei die Begrünung nicht mehr wegzudenken.

© shutterstock

© shutterstock

"Das hat auch damit zu tun, dass es in den vergangenen Jahren sehr warme Sommer gab, wodurch sich die Wahrnehmung verändert hat. Die Menschen haben gemerkt, wie wohl man sich mit Grün in Hitzeperioden fühlt. Niemand mag eine Betonfläche zwischen den Häusern, aber allen gefällt ein begrünter Innenhof."

Vor allem dann, wenn dieser mehr kann, als nur die Mistkübel zu verbergen, ein bisschen Gras aufzuweisen und vielleicht noch eine Bank.

"Stattdessen kann man in Innenhöfen beispielsweise mit riesigen skulpturalen Bäumen arbeiten, schließlich träumt jeder von einem Haus im Park mitten in der Stadt", nennt Kramer luxuriöse Alternativen. "Oder ein Haus mit 120 Bäumen am Dach bauen, wie wir es schon gemacht haben. Das zeigt, dass wirklich tolle Dinge funktionieren können, wenn man mit dem Investor entsprechend kommuniziert."

Grün wird lukrativ

Wie fast alle schönen Dinge sind Begrünungen spätestens seit Versailles – und in der Folge Schönbrunn – immer auch ein Statussymbol und eine Frage des Geldes. Das ist bei der neu entdeckten Liebe der Entwickler zur grünen Üppigkeit nicht anders.

"Ein wesentlicher Hebel ist, dass sich Grün früher nicht in lukrative Geldbeträge umwandeln ließ. Heute ist auf Kundenseite die Wahrnehmung dafür deutlich gestiegen, wie mit Grün umgegangen und wie nachhaltig agiert wird", kennt Lindle die Gründe für den Sinneswandel mancher einst eher sparsamen Bauträger.

Denn Freiräume tragen sowohl sichtbar wie auch unsichtbar zum Stadtklima bei. "Es wird beispielsweise auch in Versickerung investiert", so Lindle. "Dahinter stehen sowohl die Kunden als auch die öffentliche Hand, die Rahmenbedingungen wie Baumschutz, Anreize und Pönalen vorgibt. Man darf ohne Bauprojekte gar keinen Baum fällen, und inzwischen kostet ein nicht nachgepflanzter Baum etwa 5.000 Euro."

Dieser Mischung aus der neuen Wertschätzung für das urbane Leben im Grünen, dem Druck der Kunden und der Stadt beugen sich die Bauträger zunehmend: "Wir werden oft schon ab dem Wettbewerb beteiligt, und während der Bauphase gibt es immer häufiger klare Vorgaben und Werkzeuge, um Projekte bis zum Ende zu begleiten."

Für das Stadtbild und potenzielle Käufer von Immobilien steht naturgemäß eher die Frage "Was sieht man?" im Mittelpunkt, und diese ist sowohl national als auch international inzwischen recht spektakulär beantwortet worden. "Zur Königsklasse gehören dabei in die Fassade integrierte Begrünungen“, so Lindle.

Eines der ersten Projekte dieser Art war in Wien die Fassade der MA 48 am Gürtel, die inzwischen schon über 15 Jahre alt ist. "Das ist eine aufwendige Gestaltung mit gewissen Risiken, weil Ausfälle schwer zu ersetzen sind, aber eine starke architektonische Lösung, die sofort ein Bild erzeugt."

Zu den herausragenden internationalen Beispielen gehört für Lindle die Begrünung des Musée du quai Branly von Jean Nouvel in Paris. "Dafür wurde ein System aus Filzschichten und Taschen, die befüllt werden, eingesetzt“, berichtet er. "Diese werden hydroponisch gedüngt und von zirkulierendem Wasser durchströmt, was für den flächigen Bewuchs sorgt."

Internationale Ikonen

Das berühmte Museum ist eines der radikalsten Beispiele für die Verschmelzung von Architektur und Vegetation im urbanen Kontext. Der Botaniker Patrick Blanc hat dafür eine ikonische Pflanzenwand entwickelt, die die Fassade in ein lebendiges Ökosystem transformiert und sie wie ein organisches Bild wirken lässt, das sich ständig verändert, statt statisch zu bleiben.

Architekt Nouvel nutzt die Begrünung dabei als Gegenpol zur strengen Geometrie des Gebäudes und zeigt, dass die Bepflanzung hier nicht Dekor ist, sondern Bestandteil der architektonischen Identität des Museums, bei der die Natur in der Stadt nicht simuliert wird, sondern wirklich konstruktiv eingebunden ist.

Für Kramer finden sich vor allem in New York Beispiele für die gelungene Integration von Natur in urbanen Settings. Dazu gehören öffentliche Projekte wie der High Line Park oder Little Island sowie das spektakuläre UBM-Biotop über Manhattan und das RH Luxury Interior Studio im Meatpacking District mit seinem baumbestandenen Dachgarten mitten in der Stadt.

"Diese Beispiele haben auch vielen heimischen Entwicklern klar gemacht, wie wichtig entsprechende Konzepte sein können", ist der Landschaftsgärtner überzeugt.

Der vertikale Wald

Als Urvater der grünen Architektur in Europa gilt der Bosco Verticale, der „vertikale Wald“ in Mailand, den Stefano Boeri bereits 2014 fertiggestellt hat. Die Ikone der grünen Hochhausarchitektur besteht aus zwei rund hundert Meter hohen Türmen, auf deren Balkonen über 800 Bäume und mehr als 20.000 Pflanzen wachsen, die nicht nur ein architektonisches Statement abgeben, sondern auch zur Verbesserung des Mikroklimas beitragen.

Die Vegetation filtert Feinstaub, reduziert Lärmemissionen, schafft Lebensräume für Tiere und ist somit ein komplexes Ökosystem mitten in der Stadt, das für eine neue Typologie von Wohnarchitektur steht, in der Natur weit mehr als Dekoration ist.

Auch außerhalb Europas zeigen Projekte wie One Central Park in Sydney oder begrünte Hochhäuser in Singapur, dass sich vertikale Vegetation global als Modell für nachhaltiges Wohnen etabliert, das künftig nicht mehr wegzudenken sein wird.

Denn urbane Begrünung reduziert die Hitzeentwicklung in Städten signifikant, senkt den Energiebedarf für Kühlung und bindet CO₂. Eine europaweite Studie zeigt, dass eine Ausweitung von Grünflächen erhebliche Einsparungen bei Energie und Emissionen ermöglichen würde und gleichzeitig Wasserhaushalt und Biodiversität verbessert. Gerade in dicht bebauten Innenstädten dienen begrünte Fassaden und Dächer als mikroklimatische Regulatoren, die beispielsweise Hitzeinseln abschwächen.

Neben der nachhaltigen Wirkung ist diese Architektur, wenn sie gut gemacht ist, auch optisch ein Vergnügen, wie sich unter anderem in Singapur zeigt. Hier ist Begrünung längst nicht mehr optional, sondern verpflichtend – und der Stadtstaat hat sich zu einem wahren Pilgerziel für Architektur-Fans aus der ganzen Welt entwickelt.

© Funkhaus

Neue Oasen

Auch in Wien suchen die Bauträger nach Wegen und Möglichkeiten, um das Leben mit Vegetation in ihren Projekten umzusetzen. Die einfachste und "grünste" Methode ist dabei schon von der schieren Menge her die Wahl einer Lage, in der es von Haus aus viel Grün gibt, das anschließend in das Projekt integriert wird.

Wie das sogar innerstädtisch funktionieren kann, zeigt Rhomberg im historischen Funkhaus im Wiener Diplomatenviertel. Dort entstehen nicht nur ein Neubau in Holz-Hybrid-Bauweise, sondern auch Wohnungen im Bestand des Traditionshauses. Von diesen blickt man teils auf eine Grünfläche, die man in dieser zentralen Lage nicht erwarten würde – den großzügigen Park des angrenzenden Theresianums, der einen rund 300 Meter weiten, unverbauten Blick ins Grüne ermöglicht und so das Gefühl der privaten Freifläche noch erweitert.

Andere Bauträger wie die ÖRAG nutzen die Idylle des Wienerwaldes, um den Wunsch der Menschen nach mehr Grün in ihrem Leben zu erfüllen. Unter anderem mit einem durchdachten Wohnkonzept in Kaltenleutgeben, wo die beiden Baukörper namens Eiche und Föhre am Hang allen neuen Bewohnern der Eigentumswohnungen endlose Grünblicke von ihren privaten Freiflächen aus ermöglichen.

Von Anfang an mitgeplant

Wie grünes Luxuswohnen am Hang aussehen kann, lässt sich derzeit auch am Wiener Schafberg besichtigen: beim 3SI-Projekt The Superior, das seinen Namen verdient hat. Elf Wohnungen werden sich hier über mehrere Ebenen erstrecken, jede mit eigener Identität und sorgfältig kuratiertem Ausblick.

Durch eine kluge, versetzte Höhenstaffelung haben die Architekten hier Panoramaachsen geschaffen, die Licht, Landschaft und Stadt miteinander verbinden. Eigengärten sorgen hier für persönliche Rückzugsorte, bodentiefe Fenster für einen optisch nahtlosen Übergang von Innen- und Außenräumen – und große Terrassen für begrünte Freiflächen direkt am Wohnzimmer, die immer häufiger schon von Anfang an nicht nur als Quadratmeter an der frischen Luft, sondern als grüne Orte mitgeplant und -gebaut werden.

"Pflanztröge auf den Balkonen sind inzwischen oft bereits Standard“, berichtet Lindle, genau wie Bewässerungssysteme für Gärten und Terrassen. "Meist wird auch eine Initialbepflanzung vorgeschlagen, damit sich die Bewohner nicht selbst darum kümmern müssen."

Was bereits zeitnah zur Fertigstellung eine einheitlich begrünte Hausansicht schafft, auch wenn noch nicht alle Einheiten verkauft sind – und die bereits eingezogenen Eigentümer haben verständlicherweise zunächst anderes zu tun, als Blumen zu setzen. "Außerdem sorgt eine solche Bepflanzung auch dafür, dass die Bewohner ein Haus nicht verschandeln können", nennt Bernhard Kramer die Dinge beim Namen.

Was leicht passiert, wenn die Vorstellungen von Natur auseinandergehen, manche Wohnungen vielleicht nur temporär bewohnt sind oder Geranien-Liebhaber und Minimalisten Seite an Seite wohnen müssen.

"Manchmal schafft man aber auch bewusst die Möglichkeit, dass die Menschen im privaten Bereich selbst gärtnern und sich dabei die Hände schmutzig machen können", berichtet Lindle. Entscheidend sei bei allen Konzepten der Dialog mit der Architektur und die Frage, was möglich ist.

© 3SI

Grün bis zum Himmel

Auf eine individuelle Begrünung in Kombination mit spektakulären Ausblicken über die Donau und den Prater wurde etwa seinerzeit beim Marina Tower gesetzt. Hier wurden die vielen Balkone als private Freiräume konzipiert, die individuell bepflanzt werden können, in Summe aber eine vertikale Durchgrünung des Turmes schaffen.

Mit dieser lebendigen, sich immer wieder verändernden Fassadenwirkung wird die Natur in den urbanen Kontext integriert. Am Fuße des Turmes hat man auf eine durchdachte Landschaftsarchitektur gesetzt: Hier sorgen die gestalteten Freiflächen, Wege und Aufenthaltsbereiche für einen fließenden Übergang zwischen Gebäude und Donauufer. Und das eingesetzte Grün somit nicht nur für optische Qualitäten, sondern auch für ein Mikroklima, in dem man sich gern aufhält.

Star-Architekt Dominique Perrault setzt beim DC2 in Wien auf eine zurückhaltende, dafür aber präzise Landschaftsarchitektur, die weniger auf sichtbare Begrünung als auf räumliche Strategien setzt. Statt die Fassade zu bepflanzen, transformiert er die Landschaft in eine urbane Topografie.

© DC2

© DC2

Dafür nutzt er die zwischen den Türmen befindliche Terrassenebene, die wie ein künstliches Plateau wirken, den Stadtraum bis zur Donau verlängern und das Erlebnis einer begehbaren Landschaft vermitteln soll. In der Höhe setzen umlaufende Freiflächen diese Idee fort: Sie dienen als individuelle Außenräume, die sich die Turmbewohner nach persönlichen Vorstellungen gestalten können. Und darauf dann nicht nur das Grün der Pflanzen, sondern durch die reflektierende, gefaltete Glasfassade auch den verstärkten Anblick von Licht, Himmel und Wasser genießen können.

Luxus Natur

Eine Kombination, die einer veränderten Wahrnehmung von Luxus Rechnung trägt. Denn der Fokus verschiebt sich bei der Frage, was echter Luxus ist, immer mehr hin zu immateriellen Qualitäten wie Luftqualität, Ruhe und Zugang zur Natur und weg von materiellen Statussymbolen.

Was sich auch in Zahlen niederschlägt, da sich grüne Architektur auch positiv auf Immobilienwerte auswirkt und die Nähe zu Grünflächen als signifikanter Standortfaktor gilt.

Oder, um es mit den Worten von Bernhard Kramer auszudrücken: "In zehn bis 20 Jahren wird niemand mehr in ein totes Gebäude investieren wollen."

Titelbild: © 3SI

Newsletter Anmeldung

* Angaben erforderlich

Indem Sie unten auf „Abonnieren“ klicken, bestätigen Sie, dass Ihre Informationen zur Verarbeitung an unseren Newsletter Partner übermittelt werden. Weitere Informationen entnehmen Sie unserer Datenschutzerklärung.