© Mats Engfors

Architektur & Immobilien

"Grounding", "Earthing" und die Faszination des achtsamen Naturkontakt

Spätestens jetzt hat sich unsere Geschäftigkeit voll und ganz nach draußen verlegt . Und während man so – ganz ohne Smartphone und mit den Händen in der Erde – ins Sinnieren kommt, stellt sich die Frage: Was macht das Draußen für uns so faszinierend?

Von Barbara Wallner

Seit Menschengedenken, von den Höhlenmalereien von Lascaux bis zum Barcelona Chair arbeiten wir daran, das Drinnen zu perfektionieren, nur um dann den Designsessel für einen Rasenplatz zu verlassen – buchstäblich.

"Grounding" oder "Earthing": So heißt der Trend, der sich längst etabliert hat: Stehend, liegend, sitzend, barfuß und mit bloßen Händen verbindet man sich wieder bewusst mit der Erde. Wer die 360-Grad-Experience sucht, findet im Waldbaden sein Glück – der japanische Trend Shinrin Yoku, der den bewussten, achtsamen Aufenthalt im Wald bezeichnet, ist erwiesenermaßen gesundheitsfördernd. Es ist nicht zu leugnen, dass der direkte Kontakt mit der Natur uns beruhigt – kurz: uns erdet. Aufenthalte im Grünen werden in Studien mit Stressreduktion und besseren Werten bei Parametern wie Blutdruck oder Stimmung in Verbindung gebracht; auch die Aufmerksamkeit scheint sich zu erholen, wenn sie nicht permanent auf Displays zielt.

© Mats Engfors

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© Jonas Westling

© Jonas Westling

Freilich hat auch die Hotellerie den Trend zum achtsamen Naturkontakt für sich entdeckt und designstark umgesetzt. Eine Mischung aus Natur- und Architekturerlebnis ist etwa das Treehotel in Schwedisch-Lappland: Sieben Zimmer schweben hier vier bis sechs Meter über dem Boden und öffnen den Blick in das Tal des Luleälven, über endlose Wälder und einen Fluss, der eher Präsenz als Postkartenmotiv ist. Wahrlich im Herzen der Natur darf man sich in der "Biosphere" wähnen: Eingebettet in einen ökologisch gedachten Lebensraum, wird man hier Teil der umgebenden Vogelwelt und erlebt den Wald als unmittelbare Gegenwart. Erreichbar ist die "Biosphere" über eine schwebende Brücke, die sich vom Waldboden bis hinauf ins Blätterdach spannt – ein Zugang, der schon für sich genommen wie ein stilles Ritual des Eintauchens wirkt. Auch die anderen Zimmer wie etwa "Dragonfly", "Mirrorcube" oder "UFO" werden ihren Namen mehr als gerecht.

Seinen Ursprung hat Shinrin Yoku wie bereits beschrieben in Japan. Dort paart sich das Metaphorische mit dem Tatsächlichen, denn die traditionellen Onsen, das sind heiße Quellen, in denen das Bad nicht nur der körperlichen, sondern auch geistigen und kulturellen Reinigung dient – blicken einerseits auf eine Jahrtausende lange Geschichte zurück und werden andererseits in designstarke Spa-Landschaften integriert. Zuweilen findet sich dann der persönliche Privatonsen mit Infinitypool direkt im Zimmer. Dass das Spa-Erlebnis im Freien einen ganz besonderen Reiz hat, ist auch in unseren Breiten längst kein Geheimnis mehr – auch wenn aus dem natürlich gespeisten Onsen dann eher der Whirlpool im Garten wird.

Du bist, was du isst

Die vielleicht direkteste Integration mit der Natur, die wir haben können, ist das Essen, und diese Tatsache beeinflusst auch die Art, wie wir unsere persönlichen Freiräume gestalten – heute mehr denn je.

Trends wie Foodscaping und Potager-Gardening mögen hip klingen, sind aber letztlich die Wiederentdeckung der ersten kulturellen Revolution der Menschheit – der landwirtschaftlichen. Diesmal aber bitte mit Designfaktor. Noch sehr ursprünglich in seiner Komposition orientiert ist der Potager Garden, ein formal gestalteter Küchengarten, in dem Gemüse, Kräuter, Obst und oft auch essbare Blüten nicht einfach angebaut, sondern wie ein Ziergarten komponiert werden: in klaren Geometrien, Beeten mit Kanten, Achsen und Wegen – häufig sogar symmetrisch. Typisch ist die Mischung aus Nutzen und Ästhetik: Der Garten soll ernten lassen und gleichzeitig schön aussehen, oft mit dekorativen Pflanzen als Begleitung, damit Struktur und Farbe über die Saison hinweg „stehen“. Foodscaping hingegen hält sich nicht an das Prinzip des separaten „Küchenecks“, sondern integriert das Essbare als Gestaltungsmittel im ganzen Garten.

Kräuter, Beeren, Mangold werden zu kuratierter Wildnis, Obstspaliere zu gewachsenen Skulpturen. Wir wollen wieder nah an unserem Essen sein, wollen die Herkunft vor Augen haben. Kulinarik mag eine kulturelle Erfindung sein, aber sie bleibt verwurzelt in einem Grundbedürfnis.

Das wissen auch die ganz Großen. Erst 2023 ließ das Kopenhagener Restaurant Noma – seines Zeichens bekannt als das beste der Welt – seinen Garten neu gestalten.

© Noma

Dafür tat sich der nun ehemalige Küchenchef René Redzepi mit keinem Geringeren zusammen als mit Piet Oudolf. Oudolf legte die Pflanzung wie eine langsame Dramaturgie an – als Weg, der einen aus dem Stadtmodus herausführt und in die Saison hinein. Nomas Küche nutzt diesen Freiraum nicht als Dekoration, sondern als Quelle und Taktgeber: Zutaten werden teils wenige Stunden vor der Zubereitung geerntet – und wenn das Wetter nicht mitspielt, dann gibt es das ein oder andere Gericht auch einmal nicht.

Potager du Roi © Sumiyo Ida

In Versailles nimmt gerade "Le Chantier du siècle" (die Baustelle des Jahrhunderts) Fahrt auf: Vor 400 Jahren angelegt für die Versorgung des französischen Königshofes, wird der "Potager du Roi" nun Schritt für Schritt instand gesetzt, inklusive Erneuerung historischer Spalier- und Obstbaumlinien (mit alten wie klimaresilienteren Sorten) und der Restaurierung von Gebäuden wie der historischen Schmiede. Dahinter steckt die Idee, den Potager nicht nur als hübsches Versailles-Relikt zu erhalten, sondern als lebendes Referenzlabor: für überliefertes Gartenhandwerk wie die Spalierkunst, für die Frage, wie historische Nutzgärten mit dem Klimawandel umgehen – und als Ort, an dem Saison, Anbau und Kultur wieder sichtbar werden.

Mein kleines Reich unter freiem Himmel

Große Vorbilder übertragen sich auch ins Kleine, attestieren Gartengestalter (S. 30) – moderne Landschaftsarchitektur denkt Nahrung als Designkonzept mit. Aber warum eigentlich? Und viel wichtiger: Warum jetzt?

Vielleicht ist diese Rückbesinnung auf die Herkunft unserer Nahrung auch bedingt durch unsere Überforderung mit der geopolitischen Lage, mit globalen Lieferketten und immer komplexer werdenden Produktionsprozessen, die schon lange nicht mehr überblickbar sind. Eine akute Bewusstwerdung unserer Abhängigkeit von globalen Märkten und gleichzeitig deren plötzlicher Fragilität. Vor diesem Hintergrund wirkt das Kleine plötzlich nicht klein, sondern vernünftig: das Gemüsebeet als Mikro-Entscheidungshoheit. Ein Bereich, in dem Ursache und Wirkung wieder miteinander sprechen. Säen, gießen, warten, ernten. Keine Push-Nachricht dazwischen. Keine Lieferkette, die irgendwo im Nebel der Weltpolitik umkippt.

Und ja: Die liebevoll wie ein Einzelkind gezogene Zucchini am Balkon wird uns nicht retten. Aber sie gibt uns ein gutes Gefühl.

© Cubic

Und mitten hinein mischt sich das menschliche Bedürfnis nach dem Schönen, das die Ästhetik und das Design zum Brückenschlag zwischen Natur und Kultur zu machen scheint. Vielleicht erklärt das auch den Boom der designstarken Outdoor-Küchen, die in diesem Kontext fast als soziale These daherkommen. Sie machen aus dem Draußen einen Ort, der nicht nur Erholung verspricht, sondern Gemeinschaft. Das Designstück – massive Arbeitsfläche, Feuerstelle, modulare Küchenzeilen, hübsch durchdachte Stauraumlösungen – wird zum Lagerfeuer unserer Zeit, manchmal sogar buchstäblich. Es vereint zwei der tiefsten Grundbedürfnisse, die der Mensch kennt: Nahrung und Kommunikation. Dass das alles auch unter freiem Himmel stattfinden kann, ohne Abstriche zum Kochen im Innenraum, ist ein zusätzlicher Bonus, erweitert um den Charme, dass sich Zutaten in unserer direkten Reichweite befinden.

Die analoge Konstante

In Zeiten, in denen sogar der Mensch selbst digitalisierbar zu sein scheint – von Dating Apps bis zum AI-Girlfriend oder -Boyfriend –, bleiben Nahrung und Natur angenehm unumstößlich analog. Man mag mit der Erkennungs-App beim Schwammerlsuchen Arten identifizieren, über Foodora Abendessen bestellen und mittels Smart-Garden-Gadgets das grüne Refugium bewirtschaften. Aber Natur und Nahrung bleiben ohne digitale Alternative – ein tröstlicher Gedanke in einer Welt, in der sogar der Mensch nicht mehr unersetzlich scheint.

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