
Fünf Highlights der Biennale Venedig 2026
Nach einem schwierigen Auftakt ohne große Eröffnungszeremonie, begleitet von politischen Diskussionen rund um Russland und Israel, richtet sich der Fokus nun auf die Kunst selbst.
Die 61. Kunstbiennale in Venedig hat einen Start hingelegt, der weit weg von „Business as usual“ ist. Zwischen politischen Spannungen um Russland und Israel, dem Rücktritt der Jury und einer abgesagten Eröffnungsfeier herrscht eine aufgeladene Atmosphäre. Doch während die Qualität vieler Länderbeiträge internationale Kritiker eher enttäuscht, gibt es eine klare Aufmnerksamnkeits-Gewinnerin: Florentina Holzinger. Bis zu drei Stunden standen Besucherinnen und Besucher in der Schlange, um Florentina Holzingers Performance-Spektakel live zu erleben. Internationale Kritikergröße Jerry Saltz feierte sie auf Social Media als Ausnahmeerscheinung dieser Biennale-Ausgabe. Das sagt alles.

© Nicole Marlanna Wytyczak
Österreich
Holzinger verwandelt den österreichischen Pavillon in eine Mischung aus Unterwasserthemenpark, Kläranlage und sakralem Raum. Wasser wird dabei zum zentralen Element: als Ressource, als Bedrohung, als Kreislauf und als Symbol für menschliche Eingriffe in natürliche Systeme. Performerinnen und Performer bewohnen den Pavillon wie einen lebenden Organismus, während extreme Körperlichkeit auf präzise choreografierte Bilder trifft.
Die Künstlerin beschäftigt sich seit Jahren mit den Grenzen des Körpers und verbindet dabei Tanz, Theater, Oper und Performance. In Venedig trifft diese Arbeit nun auf eine Stadt, deren Existenz selbst eng mit Wasser und Klimafragen verbunden ist. Der steigende Meeresspiegel, die Fragilität der Lagune und die Folgen des Massentourismus werden Teil der Inszenierung.
Besonders spannend: SEAWORLD VENICE bleibt nicht auf den Pavillon beschränkt. Unter dem Titel Études breitet sich das Projekt auch in der Stadt und in der Lagune aus. Performer tauchen scheinbar aus den Tiefen Venedigs auf – dort, wo sich der Müll des Turbotourismus sammelt.

© Nicole Marlanna Wytyczak
Belgien
Zu den stärksten Performance-Arbeiten zählt auch der belgische Pavillon von Miet Warlop. Dort verschmelzen Tanz, Musik und Skulptur zu einem täglichen Ritual.
Ein Bildhauer, Tänzerinnen und Musikerinnen arbeiten sich körperlich aneinander ab, bis die Performance in einem lauten, beinahe chaotischen Finale endet. Der Pavillon wirkt wie ein Sinnbild einer Gegenwart, die von Überforderung, Dauerkrisen und permanenter Anspannung geprägt ist.
Deutschland
Der deutsche Pavillon zählt zu den stilleren, aber eindringlichsten Beiträgen der Biennale. Sung Tieu und Henrike Naumann beschäftigen sich mit Erinnerung, Architektur und ostdeutscher Geschichte.
Sung Tieu versieht den monumentalen Pavillon mit Fenstern, die ihrem ehemaligen Wohnhaus in Ostberlin nachempfunden sind – einem Plattenbau, der mittlerweile vom Abriss bedroht ist. Im Inneren entstehen minimalistische Installationen über Familie, Kontrolle und körperliche Vermessung.
Henrike Naumann, die kurz vor Fertigstellung des Projekts verstarb, ergänzt den Raum mit Möbeln, Farben und fragmentierten Wohnwelten, die Erinnerungen an die DDR wachrufen. Der Pavillon erzählt von ideologischen Räumen, politischen Systemen und den Spuren, die sie bis heute hinterlassen.

© Victoria Tomaschko
Dänemark
Für Diskussionen sorgt auch der dänische Pavillon von Maja Malou Lyse. Things to Come bewegt sich zwischen Luxus-Kinderwunschklinik, Pornoset und futuristischem Labor.
Ausgangspunkt der Arbeit ist die reale Sorge über sinkende Fruchtbarkeit und fallende Spermienzahlen. Lyse verbindet diese Debatten mit Pornografie, Körperbildern und technologischer Optimierung.
Im Zentrum steht ein Film über ein futuristisches Spermalabor, bevölkert von Pornodarstellern, die sich durch sterile Hightech-Räume bewegen. Die Arbeit ist gleichzeitig absurd, irritierend und erstaunlich nah an aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen. Gerade deshalb zählt sie bereits jetzt zu den meistdiskutierten Beiträgen der Biennale.

© Biennale Denmark
Usbekistan
Zu den poetischsten Pavillons gehört The Aural Sea aus Usbekistan. Die Ausstellung beschäftigt sich mit dem Aralsee, einst das viertgrößte Binnengewässer der Welt, das durch sowjetische Bewässerungsprojekte fast vollständig verschwand.
Installationen, Malerei und kinetische Arbeiten erzählen von Umweltzerstörung, Erinnerung und verlorenen Landschaften. Besonders eindrücklich wirkt eine große Salzinstallation, in der Kinder spielen – ihre Hände weiß vom feinen Salzstaub, der wie die Asche eines verschwundenen Meeres erscheint.

© Aural Sea/ uzbekistanvenice.uz
Die Hauptausstellung setzt auf leise, politische Töne
Auch die zentrale Ausstellung In Minor Keys sorgt für intensive Diskussionen. Die von Koyo Kouoh entwickelte Hauptschau wurde nach dessen frühem Tod 2025 posthum realisiert und gilt als emotionales Zentrum der Biennale.
Statt großer Effekte setzt die Ausstellung auf nachdenkliche, oft stille Arbeiten. Textilien, Erinnerungskultur, Spiritualität und Positionen aus dem Globalen Süden prägen viele Räume. Insgesamt versammelt die Schau 111 Künstlerinnen, Künstler und Kollektive aus unterschiedlichsten geografischen Kontexten – von Dakar bis Beirut, von Salvador bis Nashville.
Die Ausstellung funktioniert weniger über klassische Themenräume als über lose Verbindungen und Resonanzen. Gerade diese Offenheit macht In Minor Keys zu einer der vielschichtigsten Hauptausstellungen der vergangenen Jahre.
Titelbild: © Nicole Marlanna Wytyczak
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