Design & Interieur

Fingerabdrücke adé: Alles über Anti-Fingerprint-Beschichtungen für moderne Küchen

Lange Zeit galt in der Küchenwelt: Wer Schönheit will, muss leiden, oder zumindest ständig zum Mikrofasertuch greifen. Doch die Technologie hat aufgeholt. Anti-Fingerprint-Beschichtungen (AFP) sind vom teuren Extra zum neuen Branchenstandard avanciert.

Von Julia Weninger

Es gibt Probleme, die man erst bemerkt, wenn man gerade die Küche geputzt hat. Man tritt einen Schritt zurück, sieht das Ergebnis und schon ist die nächste Hand auf der Frontseite. Wer eine moderne Küche mit matten Fronten besitzt, kennt das. Die Oberflächen sehen wunderschön aus. Und sie zeigen jeden Tapser.

Die Industrie hat reagiert. Unter dem Begriff Anti-Fingerprint-Beschichtung (AFP) hat sich in den vergangenen Jahren ein ganzes Technologiefeld entwickelt, das aus einer einfachen Frage entstanden ist: Wie baut man eine Küche, die man täglich anfassen kann, ohne sie täglich polieren zu müssen?

Warum ausgerechnet Mattes so empfindlich ist

Das klingt zunächst kontraintuitiv. Hochglanzfronten wischen sich schnell ab, zeigen aber durch ihre Spiegelwirkung sofort jeden Fleck. Matte Oberflächen dagegen streuen das Licht gleichmäßig, was sie ruhiger wirken lässt, aber gleichzeitig dazu führt, dass fettige Abdrücke den Lichtstreuungseffekt lokal verändern und so besonders deutlich hervortreten. Die Physik arbeitet hier gegen die Ästhetik.

Der Trick mit dem Kontrast

AFP-Beschichtungen lösen dieses Problem nicht, indem sie Berührungen abweisen. Sie machen Berührungen optisch unsichtbar. Der Ansatz: Ein hauchdünner Film, der zwischen 170 und 210 Nanometer stark ist, also etwa tausendmal dünner als ein menschliches Haar, wird auf die Oberfläche aufgebracht und durch UV-Strahlung dauerhaft ausgehärtet. Dieser Film besitzt nahezu identische optische Eigenschaften wie das Fett, das ein Finger hinterlässt.

Kontrast weg, Abdruck unsichtbar

Was nach einem simplen Trick klingt, ist materialtechnisch hochkomplex. Und je nachdem, welcher Hersteller die Lösung umsetzt, kommen dabei sehr unterschiedliche Verfahren zum Einsatz.

Vor über zehn Jahren brachte das italienische Unternehmen Arpa Industriale ein Material auf den Markt, das die Diskussion um pflegeleichte Oberflächen neu entfachte: Fenix NTM. Basis ist ein Schichtstoff aus harzdurchtränktem Spezialpapier, der unter hohem Druck verpresst und anschließend mit einem Acrylharzfilm veredelt wird. Der abschließende Schritt – die Elektronenstrahlhärtung – macht die Oberfläche so dicht und porenfrei, dass Abdrücke buchstäblich keinen Halt finden. Wer das Material anfasst, ist überrascht: Es fühlt sich fast wie Stoff an. Samtig, kühl, angenehm. Und es kann etwas, das kein anderes Küchenmaterial kann: Kratzer heilen sich selbst. Genauer gesagt lassen sie sich durch Wärme – Bügeleisen, warme Hand, Reibung – wieder aus der Oberfläche herausarbeiten. Das funktioniert, weil dieselbe thermische Reaktionsfähigkeit, die Kratzer verschwinden lässt, das Material auch empfindlich gegen direkte Hitzequellen macht.

© Fenix

Für Fronten, Korpora und Arbeitsplatten in gehobenen Küchen ist Fenix dennoch erste Wahl vieler Hersteller . es existiert auch eine Variante mit Metalloptik, die industriellen Charme mit den gleichen Schutzeigenschaften verbindet.

Ohne es zu wissen

AFP-Beschichtungen kommen häufig in Form von Eggers PerfectSense vor, denn Egger beliefert als Plattenhersteller hunderte Küchenbauer, Tischlereien und Innenausstatter mit seinem UV-lackierten Trägermaterial. Matt ist dabei die relevante Variante: Softtouch-Haptik, deutlich reduzierte Fingerabdrucksichtbarkeit, gute Beständigkeit gegen Kratzer und Reinigungsmittel. Als Hochglanzvariante bedient das Material auch Kunden, die lieber mit Tiefenwirkung und Reflexion arbeiten.

© egger /Andreas WImmer

Verdichtung statt Beschichtung

Cosentino denkt das Thema von einer anderen Seite. Beim Quarzwerkstoff Silestone wird keine Schutzschicht aufgetragen, stattdessen verändert die N-Boost-Technologie die Materialstruktur selbst. Auf Nanoebene wird das Quarzgefüge verdichtet, was die Oberfläche so glatt macht, dass Flüssigkeiten und Fette kaum anhaften. Wasser perlt ab. Rotwein auch. Fingerabdrücke hinterlassen wenig, lassen sich leicht entfernen.

Ein Nebeneffekt, der Designern gefällt: N-Boost verstärkt die Farbtiefe. Dunkle Töne wirken satter, fast unendlich tief. Das schwarze Modell „Iconic Black" gilt branchenweit als Referenz für Tiefgründigkeit im Quarzbereich. Die Technologie funktioniert bei matten wie bei hochglanzpolierten Varianten – was Silestone zu einem flexiblen Material für unterschiedliche Küchenkonzepte macht.

© Cosentino

Wenn Glas kein Glas ist

Glasfronten haben in der Küchenplanung eine treue Fangemeinde. Sie glänzen, wirken hochwertig und sind leicht zu reinigen. Aber echtes Glas bricht, ist schwer und muss aufwändig montiert werden. Ballerina Küchen hat dieses Dilemma mit Smartglas gelöst: einem Polymerverbundmaterial, das aussieht wie Glas, sich aber nicht so verhält. Smartglas ist bruchsicher, deutlich leichter und besitzt von Haus aus antibakterielle Eigenschaften. Die AFP-Beschichtung macht Abdrücke und Fettspuren nahezu unsichtbar.

Was können die Oberflächen wirklich?

Man sollte keine Wunder erwarten. Wer nach einem ausgiebigen Kochmarathon mit öligen Händen an der Küchenfront entlangstreift, wird einen Moment des Reinigens nicht vermeiden. Was sich ändert, ist die Frequenz und der Aufwand. Ein feuchtes Tuch reicht. Kein Polieren, kein Schrubben und auch kein Staunen, wie schnell eine frisch geputzte Küche wieder aussieht wie eine nicht geputzte.

Titelbilder: © Cosentino

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