Design & Interieur

Es ist angerichtet: Die Keypieces im Sommer 2026

Wenn der Sommer endlich wieder die Rolle des Gastgebers übernimmt, stehen wir ihm nur allzu gern zur Seite. Warum Trends wie Gäste sind, die nur kurz vorbeischauen und welche Stücke jetzt einfach unverzichtbar sind.

Es gibt diesen Moment, in dem ein Tisch zum Zentrum von allem wird. Das Sommerlicht der Golden Hour steht tiefer, streift über Gläser und Kanten, verfängt sich in der geschliffenen Oberfläche der skulpturalen Kristall-Kerzenständer (eklektisch: Reflections Copenhagen) – und es beginnt, Muster zu zeichnen. Kleine Farbspuren wandern über Leinen, huschen über Hände, verschwinden wieder. Für einen Augenblick wird aus einer einfachen Tafel ein flirrendes Bild, das sich ständig verändert. Man lehnt sich vor, fast unbewusst. Folgt den Reflexen mit den Fingern, als ließen sie sich greifen. Nichts daran ist laut oder aufdringlich – und doch zieht es den Blick immer wieder zurück, man verliert sich fast darin. Es sind Momente, wie diese, über die kaum jemand nach einer Dinner-Einladung spricht, die einen aber oft lange begleiten, Wochen später für einen Moment erden, wenn gerade alles zu viel wird. Und es sind die Momente, in denen wir uns das ganze Jahr sehnen. Sie entstehen an perfekten Sommerabenden, von denen es viel zu wenige gibt und die genau deshalb so kostbar sind. Sie beginnen mit handgeschriebenen Einladungen und ab dann ist alles offen, alles möglich.

©Venini

© Lisa Corti

Musts gibt es in diesem Sinne keine mehr, der Trend – wenn man es denn so nennen will – geht weg vom Perfektionismus, hin zum Gesamterlebnis. Die Tafel wird zur Bühne, die Tableware zum Set Design, Checklisten verschwinden. Während die Kultur des Gastgebens sich gerade radikal wandelt, bleibt ein Klassiker fast unverändert bestehen: Martha Stewarts „Entertaining“. Ende 2025 wurde es als 1:1-Neuauflage wieder aufgelegt – jedes Wort, jedes Layout exakt wie im Original von 1982, ohne sprachliche Updates, ohne neue Kapitel. Ein Buch wie ein Zeitzeuge: festgefroren in einer Ära, in der perfekte Abläufe, ausgeklügelte Menüs und makellose Tafeln das Ideal definierten. Heute, mehr als vier Jahrzehnte später, zeigt sich, wie sehr sich die Idee von Hosting und Tischkultur verschoben hat. Statt minutiös geplanter Abläufe sind es Licht, Materialien und Stimmung, die den Moment bestimmen. Die Produkte, sie sollen Freude bereiten.

Auch Designer Marcel Wanders betont das – in Bezug auf den kürzlichen Launch seiner „Bella Crystal Cut“-Tischleuchte, deren Form an eine Glocke erinnert. „Bella macht Licht und Klang zu purem Vergnügen. Mit Bella haben wir etwas geschaffen, das Menschen auf charmante Weise dabei unterstützt, sich auszudrücken – und so Freundschaft und Verbundenheit entstehen zu lassen.“ Genau das muss Tableware heute können, vom Aperitif-Glas (gerne von Vinini), über den Serviettenring (große Serax-Liebe!) bis hin zum Eislöffel (herrlich verspielt: IKEA Fengömmare) und vielen versteckten Lichtquellen, verstreut im Garten. Und den Anfang, den macht natürlich der Tisch selbst.

Überwältigend intim

Eine Tafel wie Andrée von Minotti mit seiner vollständig mit glasierten Keramikfliesen versehenen Oberfläche wird zum Hauptdarsteller, auch der sonnengelbe Pallas-Tisch (ClassiCon) mit seiner zeitgleich industriellen wie eleganten Haptik hat dieses Potenzial und Altopiano (Paola Lenti) wurde für seine Modularität sogar ausgezeichnet. Bei diesen Statement-Pieces wird keiner mit Tischtuch arbeiten – und das ist sowieso sehr zeitgeistig, wie auch TOG-Studio Gründerin Tanja Rose Törk. Die Salzburgerin versteht TOG als „Boutique Creative Affairs Agency“ und spricht davon, keine Events zu kreieren, sondern Momente. „2026 liebt man diese fließende Ästhetik des ungezwungenen Luxus, statische Perfektion wird altmodisch. Ein Tischtuch muss nicht sein, stattdessen mehrlagig arrangierte Tischläufer und drapierte Stoffbahnen, wie schweres Leinen oder Seiden-Velours, die Textur schaffen.“

© tikamoon

© Marcel Wanders

Der für sie perfekte Tisch: „Eine fast überdimensionale Tafel, mindestens 12 Meter lang, aus uraltem, silbergrauem Olivenholz mit tiefen Rissen und natürlichen Maserungen.“ Servietten werden „locker gefaltet oder einmal geknotet“, die Tischwäsche der deutschen Manufaktur Luiz würde sich hier etwa gut machen. Wichtig: die Elemente sollten generell nie zu eng stehen, „der Tisch atmet“. Man möchte im Kopf ergänzen: damit Platz für das Zwischenmenschliche bleibt. Dürfte sie sich nur für drei Key-Elemente entscheiden, dann wären das für Rose Törk: 1. Leinen-Servietten, 2. eine einzelne große matte Porzellan- oder Steingut-Platte in der Mitte des Tisches, beladen mit saisonalen Früchten, Kräutern und ein paar essbaren Blüten und 3. eine kleine Kollektion schmaler handgezogener Bienenwachs-Kerzen, am liebsten in verschiedenen Längen, lose in Grüppchen verteilt. „Diese drei Dinge erzeugen für mich zusammen den Kern eines unvergesslichen Sommerabends: Berührung, szenische Fülle und warmes Licht.“ Die Momente-Magierin tischt Bilder auf, die in ihrer Opulenz der sommerlichen Natur in nichts nachstehen. „Überwältigend und dennoch intim“, so umreißt sie ihr Setting. Was Rose Törk fast immer einsetze, gleich ob „privates Dinner oder Marken-Event, weil es ein Gefühl von ‚das ist echt‘ erzeugt: Essbare Elemente, die man berühren und pflücken darf. Also ein paar Basilikum- oder Minze-Pflänzchen mitten auf dem Tisch oder sogar kleine duftende Tomatensträucher.“ Sie plädiert fürs Hinlegen, statt stylen, „weil es die Menschen einlädt, selbst unperfekt zu sein.“ Für diejenigen, die doch lieber auf Schälchen und Schüsseln setzen: die neue Keramik-Kollektion der Mailänder Marke Lisa Corti kombiniert Streifen (geht immer!) und orientalisch angehauchte Motive.

Licht als Regisseur

Trends gibt es immer. Gastgeben wie in der Serie Bridgerton, Teller in Grünkohlform (ja, wirklich), Spitzen, Fransen, Florales. Man kann es sich aussuchen. Der Sinn ist halt fraglich, wie auch die Event-Planerin meint. Sie findet einen prägnanten Vergleich: „Trends sind für mich wie Gäste, die nur kurz vorbeschauen. Nett, aber selten die, die man wirklich vermisst, wenn sie weg sind.“ Viel wichtiger: das Licht, der „heimliche Regisseur jedes Abends.“ Die Kernaussage: „Es soll die Menschen betonen, nicht das Setting.“ Wenn das Tageslicht schwindet, dann wird es wirklich interessant. „Kerzen und ein paar hängende Kugeln bzw. Laternen langsam dimmen oder entzünden. Später: Kerzen dominieren, ergänzt durch hängende Elemente in den Bäumen, die das ganze wie einen goldenen Baldachin wirken lassen.“ 

© Seeds

Wenn es die Örtlichkeit hergibt: mehrere Rattangeflecht-Lampen, etwa Zolaira von Loberon, geschickt auf unterschiedlichen Höhen montiert, beamen einen schnell man gefühlt in den mediterranen Beachclub. Und genau darin liegt die eigentliche Qualität dieser Inszenierung: Sie ist kein Selbstzweck, sondern schafft einen Rahmen, der trägt, ohne sich aufzudrängen. Vielleicht bleibt ein Abend nicht ewig. Aber die Atmosphäre, die entsteht, wenn alle Komponenten ineinandergreifen, bleibt. In diesen flüchtigen Augenblicken zeigt sich, wofür all die Mühe, die Gedanken, die Gestaltung wirklich stehen: Für Nähe. Für Freude. Für den Sommer, der immer wieder neu beginnt.

Extra-Tipp von Tanja Rose Törk, TOG Studio

„Erwägen Sie Pflanzen und Blumen, die erst abends ihren Duft entfalten, wie Nachtkerze, Geißblatt, Engelstrompete und Mondviolen. Der Duftwechsel ist wie eine unsichtbare Regieanweisung: Jetzt geht es tiefer.“

Die vollständige Bildstrecke finden Sie im aktuellen Magazin

Titelbild: © Succulentia di Bosa, firmata da Elena Salmistraro

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