
Ein Wochenende, eine Adresse: Südtirol, der unterschätzte Hotspot für modernes Design
Südtirol kann weit mehr als Bauernstube und Chalet-Romantik. Zwischen Weinbergen und Dolomiten gibt es eine eigenständige Architekturszene, die natürliche Materialien, lokale Handwerkskunst und modernes Design selbstverständlich zusammenbringt.
Südtirol ist bekannt für seine Berge, seine Weine und seine Küche. Weniger bekannt ist, dass die Region auch architektonisch zu den spannendsten Gegenden Europas gehört. Denn zwischen Meran, Bozen und den Dolomiten finden sich ungewöhnlich viele Hotels, Weingüter, Berghütten und Wohnhäuser mit einem klaren, modernen Design.
Was diese Projekte verbindet, ist ihr selbstverständlicher Umgang mit der Umgebung, mit dem sie die Landschaft nicht übertrumpfen, sondern Teil von ihr werden wollen. Holz, Naturstein, Glas und Sichtbeton kommen dabei nicht als alpine Dekoration zum Einsatz. Sie werden klar, reduziert und zeitgemäß verarbeitet.
So ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine eigene Südtiroler Architektursprache entstanden: modern, aber nicht kühl; regional verwurzelt, aber frei von rustikalen Klischees, könnte man sie beschreiben.
"Eco, not ego"
Kaum ein Gebäude steht so sehr für das Gefühl wie das Vigilius Mountain Resort auf dem Vigiljoch oberhalb von Lana. Das von Matteo Thun entworfene Hotel liegt auf 1.500 Metern und ist ausschließlich mit der Seilbahn erreichbar. Das Auto bleibt also im Tal, denn das Resort befindet sich mitten in einem autofreien Naturschutzgebiet.
Die besondere Anreise gehört zum Konzept, weil auch schon die Fahrt nach oben Abstand zum Alltag bringen soll, so die Devise des Hotels. Oben angekommen, wartet kein monumentales Luxushotel, sondern ein langgestrecktes Gebäude, das sich recht unauffällig in den Hang einfügt. Das Gebäude folgt dem Verlauf des Geländes, statt sich demonstrativ auf den Berg zu stellen.
Matteo Thun setzt auf Lärchenholz, Glas, Naturstein und Lehm. Große Fenster öffnen die Räume zur Landschaft, während sich die Architektur bewusst zurücknimmt.
"Eco, not ego" lautet das Prinzip dahinter. Das bedeutet: Architektur soll nicht nur gut aussehen, sondern verantwortungsvoll mit ihrem Standort umgehen. Heute klingt das selbstverständlich. Als das Vigilius entstand, war diese Haltung in der Luxushotellerie jedoch noch alles andere als üblich.

Das Resort war das erste KlimaHaus-A-zertifizierte Hotel Italiens. Die Konstruktion hält den Heizenergiebedarf trotz der exponierten Lage niedrig. Geheizt wird seit Beginn mit Biomasse beziehungsweise Hackschnitzeln von Bergbauern aus der unmittelbaren Umgebung. Nachhaltigkeit wurde hier nicht nachträglich zum Konzept erklärt, sondern von Anfang an mitgedacht.
Luxus ohne große Show
Auch im Inneren bleibt das Vigilius dieser Linie treu. Gemeinsam mit der Innenarchitektin Christina Biasi-von Berg entwickelte Matteo Thun Räume, die vor allem durch natürliche Materialien, viel Licht und gute Proportionen wirken.Die 35 Zimmer sind jeweils 36 Quadratmeter groß, die sechs Suiten bieten 72 Quadratmeter. Je nach Ausrichtung blickt man auf die Dolomiten in der Morgensonne oder auf den Wald und die Abendsonne. Große Fenster machen die Landschaft zum wichtigsten Bild im Raum.
Die Einrichtung wirkt hochwertig, aber nicht überladen. Holz bleibt als Holz erkennbar, Naturstein darf seine raue Oberfläche behalten und Lehm sorgt für Wärme. Nichts im Raum versucht, mit der Aussicht zu konkurrieren.
Genau deshalb wirkt das Hotel auch mehr als zwei Jahrzehnte nach seiner Eröffnung noch aktuell. Es folgt keinem kurzlebigen Interior-Trend. Hier gibt es weder übertriebene Alpenromantik noch den austauschbaren Beige-Look, der derzeit in vielen Designhotels zu sehen ist. Die Räume sind reduziert, aber nicht kühl. Und sie zeigen, dass Luxus nicht immer glänzen oder besonders laut auftreten muss. Manchmal reichen Ruhe, Platz, hochwertige Materialien und ein freier Blick in die Natur.

Ein Haus, das Ruhe ernst nimmt
Auch in den öffentlichen Bereichen gehen Architektur, Natur, Kulinarik und Wellness fließend ineinander über.
Das Restaurant 1500 verbindet klare Linien und natürliche Materialien mit einem weiten Blick über die Landschaft rund um Lana. Auf den Tellern stehen frische, regionale Produkte, die zum Teil eigens für das Haus hergestellt werden. Traditioneller wird es in der Stube Ida. Ihr rund 100 Jahre alter Kachelofen stammt noch aus dem früheren Berghotel. Statt daraus eine nostalgische Kulisse zu machen, wurde er ganz selbstverständlich in das moderne Haus integriert. Genau dieses Zusammenspiel von Alt und Neu ist typisch für viele gute Projekte in Südtirol.
Auch der 1.200 Quadratmeter große Aquiléia Spa setzt nicht auf unnötige Inszenierung. Zum Bereich gehören ein 14 Meter langer Pool, ein Innen- und Außenwhirlpool, Sauna, Dampfbad, Ruhebereiche und ein Meditationsraum. Wasser, Stein, Holz und der Blick nach draußen bestimmen die Atmosphäre.
Während sich viele Wellnesshotels mit immer neuen Erlebniswelten überbieten, bleibt das Vigilius bewusst einfach. Der Pool ist zum Schwimmen da, der Ruheraum zum Ausruhen und die großen Fenster öffnen den Blick in den Wald. Gerade diese Klarheit macht das Haus so besonders.
Südtirol kann auch spektakulär
Das Vigilius steht nicht allein. In ganz Südtirol finden sich Projekte, die regionale Materialien und traditionelle Bauweisen neu interpretieren. Ein besonders auffälliges Beispiel ist die Kellerei Tramin von Werner Tscholl. Der 2010 fertiggestellte Erweiterungsbau ist von einer skulpturalen grünen Stahlstruktur umgeben. Ihre Form erinnert an Weinreben, Ranken und Blätter. Anders als das zurückhaltende Vigilius darf die Kellerei weithin sichtbar sein. Dennoch bleibt ihre Architektur eng mit dem Ort und ihrer Funktion verbunden. Hinter der markanten Fassade liegen klar organisierte Bereiche für Produktion, Verkauf und Verkostung. Glas, Stahl und Sichtbeton machen aus dem Zweckbau eine moderne Landmarke.
Die Kellerei zeigt, wie sehr Architektur inzwischen zur Identität vieler Südtiroler Betriebe gehört. Ein Produktionsgebäude muss heute nicht mehr nur praktisch sein. Es kann auch zeigen, wofür eine Marke und eine Region stehen.
Eine Berghütte mit neuem Blick
Einen anderen Ansatz verfolgt die Oberholz Mountain Hut in Obereggen. Der Entwurf von Peter Pichler Architecture und Pavol Mikolajcak liegt auf 2.000 Metern Höhe und besteht aus Fichten- und Lärchenholz. Drei Gebäudearme führen aus einem zentralen Baukörper in unterschiedliche Richtungen. Jeder von ihnen ist auf ein bestimmtes Bergpanorama ausgerichtet. Die ungewöhnliche Form sieht spektakulär aus, ergibt sich aber direkt aus der Lage und der Aussicht.
Im Inneren erinnert der sichtbare Dachstuhl an die Äste eines Baumes. Große Fensterflächen holen die Dolomiten direkt in den Raum. Traditioneller Holzbau wird hier nicht einfach wiederholt, sondern mit moderner Planung und präziser Handwerksarbeit weiterentwickelt. Das Ergebnis wirkt gleichzeitig vertraut und neu. Denn man erkennt die klassische Berghütte noch, sieht sie aber in einer völlig anderen Form.
Weg mit dem Chalet-Klischee
Auch das Chalet Lum d’Or in Wolkenstein steht für ein neues Verständnis von alpinem Wohnen. Interior Designer Simon Senoner setzt auf offene Grundrisse, bodentiefe Fenster und maßgefertigte Möbel. Holz, Naturstein und Leder stammen überwiegend aus der Region. Trotzdem entsteht kein rustikaler Chalet-Look. Die Materialien werden sparsam eingesetzt, die Räume bleiben offen und klar.
Statt dekorativer Alpenromantik bestimmen Materialqualität, Proportionen und präzise Details das Interior. Das Chalet zeigt damit auch, wie sich die Vorstellung von Luxus verändert hat. Es geht weniger um opulente Ausstattung oder auffällige Statussymbole. Wichtiger werden individuelle Lösungen, hochwertige Verarbeitung und Räume, die langfristig funktionieren.
Zwischen Italien und den Alpen
Dass in Südtirol so viele gute Projekte entstehen kann natürlich auch mit der besonderen Lage der Region zu tun haben. Weil: hier treffen italienisches Design, alpine Bautradition und hoch spezialisiertes Handwerk aufeinander.

Viele der verwendeten Materialien kommen direkt aus der Umgebung. Gleichzeitig gibt es Betriebe, die komplexe Sonderanfertigungen in Holz, Stein, Glas oder Metall umsetzen können. Das schafft ideale Bedingungen für Architektinnen, Architekten und Interior Designer.
Hinzu kommt eine Landschaft, die klare Entscheidungen verlangt. Im Gebirge müssen Gebäude auf Hänge, Wetter, Licht und eingeschränkte Transportmöglichkeiten reagieren. Gute Architektur kann diese Bedingungen nicht ignorieren. Sie muss mit ihnen arbeiten. Genau deshalb wirken die besten Südtiroler Projekte modern und trotzdem eng mit der Region verbunden. Sie kopieren keine historischen Gebäude, verlieren aber auch nicht den Bezug zur lokalen Baukultur.
Europas unterschätztes Designzentrum
Südtirol zeigt, dass spannende Architektur nicht nur in großen Städten entsteht. Während sich internationale Metropolen mit immer neuen Prestigeprojekten überbieten, geht die Region einen ruhigeren Weg.

Ihre besten Gebäude könnten nicht einfach an einem anderen Ort stehen. Sie reagieren auf die Landschaft, verwenden regionale Materialien und verbinden moderne Gestaltung mit traditionellem Wissen.
Das Vigilius Mountain Resort ist für Experten und Expertinnen dafür noch immer eines der überzeugendsten Beispiele. Mehr als zwei Jahrzehnte nach seiner Entstehung wirkt Matteo Thuns Entwurf nicht wie ein Designhotel aus einer anderen Zeit. Das Haus musste weder auffälliger noch dekorativer werden, um relevant zu bleiben, denn gutes Design muss die Natur nicht übertreffen.
Bilder: © Vigilius Mountain Resort/ Tobias Kaser