Architektur & Immobilien

Design DE LUXE Einblicke in den Wilmina Kosmos

In Berlin-Charlottenburg öffnet sich ein Ensemble aus Hotel, Gastronomie, Bäckerei, Apartments und Kulturraum – geprägt von Architekten, die geblieben sind: als Bauherren, Betreiber und Gastgeber.

Von Linda Pezzei

Man könnte durch Berlin laufen, an einem dieser Nachmittage, an denen alles nach Tempo klingt: Autos, Spätis, Stimmen, ein ständiges Kommen und Gehen. Und doch gibt es hier eine Schwelle, die nicht um Aufmerksamkeit bittet. Kein großes Schild, kein „Must-see“-Gestus. Nur ein Tor.

Wer hindurchtritt, merkt schnell: Berlin bleibt nicht stehen – aber es wird leiser. Plötzlich ist da Grün. Luft. Ein anderer Takt. Ein Ort, der nicht herausfordert, sondern einlädt. Der Effekt ist so stark, weil er nicht erklärt wird. Das Ensemble lässt einen ankommen, ohne sich zu inszenieren.

Was heute so selbstverständlich wirkt – Ruhe, Offenheit, Durchlässigkeit – ist Teil einer andauernden Transformation. Denn Wilmina war lange ein Ort, den man übersah: ein ehemaliges Gerichtsgebäude an der Straße, dahinter – im Blockinneren verborgen – ein Frauengefängnis. Viele aus der Nachbarschaft hatten es irgendwann nicht mehr auf dem Radar. Es war physisch da, sozial abwesend.

Heute erzählt das Ensemble Berlin beiläufig neu: Hotel, Restaurant und Bar (Lovis), Tagesbar (Lotta), Bäckerei (Wilmina Brot), Apartments (Carlotta) und Kulturraum (Amtsalon). Kein abgekapseltes „Hoteluniversum“, sondern ein System, das Alltagsrituale und besondere Momente nebeneinander zulässt.

© Slowdown Hotels

© wilmina/ Robert Rieger

© wilmina Robert Rieger

Ein Ort, der wieder auftaucht

Die Ausgangsfrage, sagen Almut Grüntuch-Ernst und Armand Grüntuch, war herausfordernd – es ging um die Veränderung der emotionalen Wahrnehmung: Wie lässt sich ein Ort, der über Jahrzehnte physisch und sozial abgeschottet war, wieder in die Stadt und in den Alltag zurückführen? Bei der ersten Begehung war da weniger ein klares Bild als ein Gefühl: eine Ambivalenz, die sich bis heute in der Atmosphäre hält – die besondere Geschichte, aber auch etwas Verwunschenes, fast Märchenhaftes. In der überwucherten Fassade, in der ungewöhnlichen Stille mitten in der Stadt, in dem Eindruck, dass hier Zeit anders organisiert ist.

Die Vision war nicht, den Ort zu überformen, sondern eine weitere Zeitschicht hinzuzufügen – mit möglichst wenigen Eingriffen und maximalem Respekt vor der vorhandenen Substanz. Nicht das Vergangene sollte dominieren, sondern das, was hier heute möglich ist. So entstand Schritt für Schritt ein Nutzungsmix, der sich um einen ruhigen, grünen Kern gruppiert. Und genau dieses „Schritt für Schritt“ ist entscheidend: Wilmina wirkt nicht wie ein Projekt, das fertig ist. Eher wie ein Ort, der gelernt hat, offen zu sein.

© wilmina/ Robert Rieger

© wilmina/ Robert Rieger

Architekten, die geblieben sind

2010 fiel die Entscheidung, die Wilmina von vielen anderen Umnutzungsstorys unterscheidet: Grüntuch Ernst realisierten das Projekt nicht nur als Architekten, sondern auch als Eigentümer und Betreiber. Ursprünglich waren sie von einem Bauherrn beauftragt worden, auf dem freien Grundstücksteil etwas zu planen. Das Gefängnis selbst galt als wirtschaftlich kaum nutzbar: denkmalgeschützt, enormes Raumvolumen, wenig „verwertbare“ Fläche. Als der Bauherr das Interesse verlor, wuchs ihre eigene Neugier. Architektonisch – und emotional.

„Uns wurde klar, dass dieser Ort eine klare Haltung erfordert – nicht nur gestalterisch.“ Mit der Entscheidung, Bauherrschaft und Betrieb selbst zu übernehmen, wurde Wilmina zur Herzensangelegenheit. Vor allem aber entstand dadurch eine seltene Kontinuität: Architektur, Nutzung, Betrieb und Programm konnten zusammen gedacht werden – nicht als Übergabe, sondern als langfristige Autorenschaft.

Vielleicht ist das das Ungewöhnliche an Wilmina: Man spürt, dass hier jemand nicht „abgeliefert“, sondern Verantwortung übernommen hat – auch für den Alltag, der nach der Eröffnung begann.

© wilmina/ Chris Abatzis

© wilmina/ Robert Rieger

Spuren, ja – aber ohne Spektakel

Die Balance zwischen architektonischer Neuprogrammierung und dem historischen Erbe wurde nicht über dramatische Gesten gelöst. Zellentüren, Galerien, Fensterformate und die Grundordnung bleiben ablesbar – nur werden sie räumlich neu interpretiert. Nie als Zitat, sondern als leise Referenz. Entscheidend war dabei eine Strategie, die zugleich technisch und atmosphärisch ist: das Haus wieder zum Licht öffnen.

Vergitterte, hoch sitzende Fenster wurden nach unten vergrößert, sodass Blickbeziehungen in die Höfe möglich werden. Die zuvor versiegelten Höfe wurden entsiegelt, begrünt, renaturiert; Dächer und Fassaden tragen Grün. Im Atrium verbinden gläserne Pendelleuchten mehrere Geschosse mit dem Penthouse – spielerisch, fast klösterlich. Nicht als Erlösungsgeste, sondern als selbstverständlicher Teil des heutigen Raumerlebnisses. Das Ergebnis ist kein „Look“. Es ist ein Zustand: ruhig, hell, präzise – mit einer Vergangenheit, die nicht verschwindet, aber auch nicht dominiert.

Im Hof des Wilmina Hotels in Berlin lässt es sich mitten im Stadttrubel entschleunigen. © Slowdown Hotels

Ein Ensemble, das wie ein Stadtstück funktioniert

Wilmina ist kein Hotel mit ein bisschen Gastronomie. Es ist ein Ensemble mit unterschiedlichen Adressen und Zugängen – und damit mit unterschiedlichen Arten, hier zu sein.

Hotel Wilmina bietet 44 individuell gestaltete Zimmer und Suiten, dazu Bibliothek, Kaminlounge, Spa, Pool und Gym. Wer hier bleibt, merkt schnell: Die Architektur lädt nicht nur zum Schlafen ein, sondern zum Verweilen – ohne Programmzwang, ohne Entertainment. Der Luxus liegt im Raumangebot und in der Entschleunigung.

Lovis Restaurant liegt im überdachten ehemaligen Schleusenhof – einst Kontrollpunkt, heute ein Ort des Zusammensitzens. Die frühere Funktion tritt dabei fast beiläufig zurück. Entscheidend ist, was jetzt passiert: Begegnung. Dazu kommt eine Küche, die nicht nach Effekt strebt, sondern nach Hingabe: saisonal, regional, contemporary – eine kulinarische Entsprechung zur architektonischen Haltung.

Lovis Bar führt diesen Ton weiter: puristisch, hochwertig, understated. Kein Berliner „Sehen und Gesehenwerden“, eher ein Raum, in dem man kurz die Schultern senkt.

Lotta Tagesbar ist bewusst niederschwellig gedacht. Morgens guter Kaffee, mittags hausgemachte Spezialitäten, später Aperitivo – ein Ort, der nicht auf Hotelgäste zugeschnitten ist, sondern auf Alltag.

Wilmina Brot ist die vielleicht wichtigste Schnittstelle zur Stadt. Die Idee: die Tradition der hoteleigenen Backstube zurückholen – und nicht nur Gäste, sondern auch den Kiez mit Natursauerteigbrot versorgen. Sauerteig ist ein Handwerk, das Zeit braucht. Dass es hier Raum bekommt, ist mehr als ein Detail: Es ist ein Statement über Tempo.

Amtsalon ist ein multidisziplinärer Raum für temporäre Projekte aus Kunst, Architektur, Design – mit eigenem Zugang. Er macht klar: Wilmina ist nicht nur Rückzug. Es ist auch Anschlussfähigkeit.

Und dann ist da Carlotta – das Apartmenthaus „next to Wilmina“. Die Architektur ist klar zeitgenössisch, bleibt aber im Maßstab nah genug am Bestand, um als Teil des Ensembles lesbar zu sein. Hinter der gefalteten Fassade entstehen unterschiedliche Wohnungstypen; auf der Hofseite öffnen sich Loggien in den begrünten Innenhof, gerahmt von Efeu, der über Jahrzehnte gewachsen ist.

So wird aus einzelnen Orten ein System: Alltagsadresse und Destination, Kiez und Rückzug, Essen und Bleiben, Kultur und Ruhe. Nicht „alles für Gäste“. Nicht „alles für Berliner“. Sondern eine Mischung, die genau deshalb funktioniert.

© carlotta/ Chris Abatzis

© carlotta/ Markus Gröteke

© wilmina/ Chris Abatzis

Familie als Struktur, Team als Herz

„Familiengeführt“ klingt schnell nach Marketing. Bei Wilmina ist es gelebte Struktur: Die Kinder sind konkret involviert – in der Voreröffnungsphase, beim Amtsalon, beim Aufbau des Hotelteams, bei Wilmina Brot. Gleichzeitig betonen die Grüntuchs, dass das Herzstück das Team ist: Menschen, die mit Erfahrung und Haltung arbeiten.

Und Charlottenburg ist nicht das Berlin der Klischees. Eher eine Stadt aus Schichten – bürgerlich, international, manchmal nostalgisch. Und die Kantstraße ist ihre verdichtete Hauptschlagader. Florian Siebeck nennt sie „eine Achse des Neuanfangs. Ein Ort für Pioniere.“ Wilmina ist hier kein Fremdkörper, sondern ein Gegenpuls: ein leiser Ort in einer lauten Straße.

Wenn man Wilmina einen Tag lang erlebt, geht es nicht um Programmpunkte, sondern um Rhythmus: Frühstück mit handgemachten Backwaren, Lesen in der Bibliothek, ein Weg durch Höfe und Gärten, ein Drink in der Bar, ein Abendessen im ehemaligen Schleusenhof. Der Tag ordnet sich neu.

Vielleicht ist das die eigentliche Leistung dieses Kosmos: Nicht die Geschichte zu erklären, sondern Gegenwart erfahrbar zu machen.]Man verlässt Wilmina nicht mit dem Gefühl, Berlin entkommen zu sein. Eher mit einer stillen Ahnung: dass es noch eine andere Art gibt, hier zu sein.

© wilmina/ Markus Gröteke

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