Design & Interieur

Collectible Design: Wenn Luxusmöbel zu Kunstobjekten werden

Ist das noch ein Möbelstück oder bereits eine Skulptur? Luxusmarken lösen die Grenzen zwischen Kunst und Design zunehmend auf. Doch nicht jedes spektakuläre Objekt ist automatisch ein Sammlerstück.

Ein Sessel, auf dem man sitzen kann, der aber ebenso gut in einer Galerie stehen könnte. Eine Teekanne, die weniger an Earl Grey als an zeitgenössische Keramikkunst denken lässt. Oder ein Regal, das auf einer antiken Skulptur basiert. Willkommen in der Welt des Collectible Design – einem Markt, in dem Möbel nicht bloß eingerichtet, sondern gesammelt werden.

Was lange vor allem in spezialisierten Galerien und auf Messen wie der Design Miami zu sehen war, hat inzwischen die großen Luxusmarken erreicht. Sie beauftragen Künstler:innen und Designer:innen mit Unikaten, präsentieren nummerierte Editionen und verwandeln vertraute Alltagsgegenstände in kulturell aufgeladene Objekte. Mode, Kunst, Handwerk und Interior Design wachsen dabei zu einem neuen Luxusverständnis zusammen.

Was Collectible Design wirklich bedeutet

Collectible Design bezeichnet Möbel, Leuchten und Wohnobjekte, die zwar eine Funktion besitzen, deren Bedeutung aber weit darüber hinausgeht. Sie transportieren eine künstlerische Idee, tragen eine klar erkennbare Handschrift und entstehen meist als Unikat, limitierte Edition oder aufwendig gefertigte Kleinserie.

Im Unterschied zum klassischen Industriedesign steht nicht die möglichst breite Verfügbarkeit im Mittelpunkt. Entscheidend sind vielmehr Autorenschaft, Material, Herstellungsprozess und kultureller Kontext. Mundgeblasenes Glas, experimentelle Keramik, besondere Holzarten, Metall, Harz oder aufwendig verarbeitetes Leder sind ebenso charakteristisch wie traditionelle Handwerkstechniken und digitale Produktionsverfahren

© Longchamp

Vertrieben werden diese Arbeiten häufig über Galerien, Ateliers, Designmessen und Auktionen. Auch ihre Provenienz spielt eine Rolle: Eine Ausstellung in einem Museum, die Aufnahme in eine bedeutende Sammlung oder die wachsende Bekanntheit des Entwerfers können den Marktwert beeinflussen. Eine Wertsteigerung ist dennoch niemals garantiert.

Loewe macht die Teekanne zum Kunstobjekt

Wie selbstverständlich sich Luxusmarken inzwischen in diesem Feld bewegen, zeigt Loewe. Für die Ausstellung „Loewe Teapots“ interpretierten 25 Künstler:innen, Designer:innen und Architekt:innen die Teekanne neu – darunter Patricia Urquiola, Rosemarie Trockel, David Chipperfield, Naoto Fukasawa und Wang Shu.

Entstanden sind höchst unterschiedliche Arbeiten, die das vertraute Gefäß teilweise bis an die Grenze der Wiedererkennbarkeit führen. Einige bleiben eindeutig benutzbar, andere wirken wie autonome Keramikskulpturen. Ausgangspunkt ist das Teetrinken als kulturelles Ritual, übersetzt in unterschiedliche Materialien, Techniken und Formensprachen.

Gerade deshalb ist das Projekt ein besonders präzises Beispiel für Collectible Design. Die Objekte besitzen eine Funktion, werden aber durch ihre Autorenschaft, handwerkliche Ausführung und kuratorische Präsentation zu Sammlerstücken. Loewe selbst beschreibt die jährlichen Ausstellungen beim Salone del Mobile als kreative Experimente, die Designgeschichte und handwerkliches Wissen weiterdenken. Loewe

Longchamp nimmt auf einer Skulptur Platz

Auch Longchamp wagte den Schritt vom Lederaccessoire zum Möbel. Für die Milan Design Week entwickelte der französische Designer Pierre Renart eine „Wave“-Bank und acht „Ruban“-Stühle. Die geschwungenen Holzkonstruktionen wurden mit weichem Rindsleder aus dem Hause Longchamp bezogen.

Besonders die „Chaise Ruban“ bewegt sich sichtbar zwischen Sitzmöbel und Skulptur. Ihre Silhouette erinnert an ein Band, das sich in einer fließenden Bewegung durch den Raum zieht. Jeder der acht Stühle wurde in einer eigenen Farbe ausgeführt und als Unikat angeboten. Damit erfüllen die Arbeiten zentrale Kriterien des Collectible Design: Sie sind einzigartig, klar einem Designer zugeordnet, handwerklich aufwendig gefertigt und nur sehr selektiv erhältlich.

© Loewe

Das Projekt zeigt zugleich, weshalb sich Modehäuser so stark für diesen Bereich interessieren. Leder wird hier nicht bloß als Bezugsmaterial eingesetzt, sondern als Verbindung zur eigenen Markengeschichte. Das Möbel wird zum räumlichen Ausdruck jener Codes, die sonst Taschen und Accessoires prägen.

Hermès: Design zwischen Bewegung und Material

Hermès beschäftigt sich bereits seit Jahren intensiv mit Möbeln und Wohnobjekten. Der „Pivot“-Beistelltisch von Tomás Alonso bringt lackiertes Glas mit japanischem Zedernholz zusammen. Eine drehbare runde Box verändert Position und Erscheinungsbild des Möbels und macht aus einem funktionalen Tisch ein bewegliches Objekt.

Der Entwurf besitzt zweifellos skulpturale Qualität, ist streng genommen aber nicht automatisch Collectible Design. Wird ein Möbel regulär und über einen längeren Zeitraum innerhalb einer Kollektion produziert, gehört es zunächst zum hochwertigen Produktdesign – selbst wenn Material, Preis und gestalterischer Anspruch außergewöhnlich sind.

Der „Pivot“-Tisch eignet sich deshalb hervorragend, um die fließende Grenze des Begriffs zu zeigen: Er sieht aus wie ein Sammlerobjekt und kann langfristig eines werden, doch seine ästhetische Exklusivität allein reicht dafür nicht aus. Entscheidend wären unter anderem die Auflagenhöhe, eine Nummerierung, Zertifizierung und eine entsprechend selektive Distribution.

Sebastian Errazuriz nimmt die Antike beim Wort

Nahezu idealtypisch verkörpert Sebastian Errazuriz die Verbindung von Kunst und Funktion. Für seine Serie „Antiquities“ greift der chilenisch-amerikanische Künstler und Designer auf Skulpturen der griechischen und römischen Antike zurück. Historische Figuren werden dreidimensional erfasst, digital verändert und in funktionale Objekte übersetzt. Aus Körpern entstehen Regale, Konsolen und Möbel, die zugleich vertraut und irritierend wirken.

Errazuriz verwendet die Antike nicht als dekoratives Zitat. Er behandelt sie als digitales Ausgangsmaterial und stellt damit Fragen nach Urheberschaft, Reproduktion und kulturellem Besitz. Seine Arbeiten sind benutzbar, funktionieren aber ebenso als eigenständige Kunstwerke.

© Hermes

Nicht alles, was teuer aussieht, ist sammelwürdig

Der Boom rund um Collectible Design bringt allerdings eine gewisse begriffliche Unschärfe mit sich. Luxusmarken wissen, wie begehrlich limitierte Produkte wirken. Eine plakative Form, ein hoher Preis oder die Signatur eines bekannten Namens machen aus einem Objekt aber noch kein relevantes Sammlerstück.

Entscheidend ist das Zusammenspiel mehrerer Faktoren: eine nachvollziehbare Autorenschaft, eine tatsächlich begrenzte Verfügbarkeit, außergewöhnliche handwerkliche oder technische Qualität, ein eigenständiges Konzept und eine dokumentierte Herkunft. Auch der kulturelle Resonanzraum zählt – etwa Ausstellungen, Publikationen, Museumsankäufe oder die langfristige Bedeutung des Entwerfers.

Die stärksten Arbeiten müssen sich dabei nicht zwischen Kunst und Gebrauch entscheiden. Genau darin liegt ihr Reiz: Man kann auf ihnen sitzen, etwas auf ihnen abstellen oder Tee aus ihnen einschenken. Gleichzeitig verändern sie den Raum wie eine Skulptur.

Titelbild:© Philadelphia Museum of Art

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