Design & Interieur

Wo das Handwerk zu Hause ist

Fünf Regionen, fünf Materialien, fünf Objekte: Wer Design verstehen will, muss manchmal dorthin schauen, wo die Dinge entstehen. Zwischen venezianischen Glasöfen, alpinem Holz, Wiener Porzellan, Gmundner Keramik und Carrara-Marmor wird sichtbar, wie eng Gestaltung mit Landschaft, Geschichte und überliefertem Können verbunden ist.

Von Julia Weninger

Design entsteht nicht immer am Schreibtisch eines Studios. Oft beginnt es viel früher – mit einem Material, das in einer Region verfügbar ist, mit Techniken, die über Generationen weitergegeben wurden, oder mit einer Landschaft, die den Blick auf Formen und Oberflächen prägt. Manche Orte sind deshalb untrennbar mit einem bestimmten Handwerk verbunden. Murano steht für Glas, Wien für Porzellan, Gmunden für Keramik und Carrara für Marmor. Im alpinen Raum wiederum zeigt sich, wie Holz zum Ausgangspunkt für zeitgenössische, skulpturale Gestaltung werden kann.

Heute werden diese Traditionen nicht einfach konserviert. Designerinnen und Manufakturen übersetzen sie in neue Formen und holen sie damit in die Gegenwart. Ein Blick auf fünf Regionen und die Objekte, die ihr gestalterisches Erbe weitertragen.

Murano: Glas zwischen Lagune und Feuer

Kaum ein Ort ist so eng mit einem Material verbunden wie Murano mit Glas. Die kleine Insel in der venezianischen Lagune wurde über Jahrhunderte zum Zentrum einer hochspezialisierten Glaskunst. Was dort entsteht, lebt von Hitze, Präzision und Erfahrung und von Techniken, bei denen die Hand des Glasbläsers unmittelbar sichtbar bleibt.

Wie zeitgenössisch diese Tradition aussehen kann, zeigt die Sestiere Vase von Patricia Urquiola für Cassina. Die 2022 entstandene Kollektion verbindet mundgeblasenes Murano-Glas mit den sogenannten „Morise“: farbigen Glaskordeln, die von Hand auf den Korpus aufgebracht werden. Dazu kommt das für die Lagune typische Streifenmuster „Rigadin“. Die einzelnen Kordeln werden noch im warmen, formbaren Zustand des Glases gestaltet und unterscheiden sich deshalb leicht voneinander. So wird aus der industriell wirkenden Vase bewusst ein Einzelstück – mit kräftigen Farben, grafischer Wirkung und deutlich sichtbarer Handarbeit.

© Design Italy

Alpenraum: Holz, das seine Geschichte behält

In den Bergen ist Holz nicht nur Baustoff, sondern Teil der Landschaft und des Alltags. Beim italienischen Architekten und Woodworker Riccardo Monte wird daraus eine zeitgenössische Form von Möbelkunst. Sein Studio befindet sich in Ornavasso in den italienischen Alpen nahe der Schweizer Grenze. Nach Jahren als Architekt in London kehrte Monte 2016 in seine Heimat zurück und widmete sich verstärkt natürlichen Materialien und handwerklicher Arbeit.

Seine Arbeiten entstehen mit bewusst wenigen Eingriffen. Holz wird nicht auf Hochglanz gebracht, sondern in seiner ursprünglichen Struktur lesbar gelassen. Ein gutes Beispiel ist die Cedar Bench: Sie wird direkt aus einem Baumstamm gefertigt, von Hand bearbeitet und natürlich behandelt. Maserungen, Bewegungen und Veränderungen der Oberfläche bleiben sichtbar und werden nicht als Unregelmäßigkeit kaschiert. Gerade darin liegt der Reiz. Das Möbelstück wirkt weniger wie ein industriell gefertigtes Produkt als wie ein Stück Landschaft, das in eine neue Funktion überführt wurde.

Auch Feuer wird bei Monte zum Gestaltungsmittel. Bei der verkohlten Variante der Zedernbank kommt die japanische Technik Shou Sugi Ban zum Einsatz. Die Oberfläche wird durch Feuer konserviert und erhält zugleich eine dunkle, fast skulpturale Erscheinung.

© Riccardo Monte

Wien: Porzellan als lebendige Designtradition

Wien blickt auf eine mehr als 300-jährige Porzellangeschichte zurück. 1718 erhielt Claudius Innocentius du Paquier das kaiserliche Privileg zur Herstellung von Porzellan in Österreich. Damit entstand in Wien eine der ältesten Porzellanmanufakturen Europas. Die Tradition wird heute von der Porzellanmanufaktur Augarten weitergeführt, mitten im Wiener Augarten und weiterhin mit viel Handarbeit.

Dabei ist Wiener Porzellan längst nicht nur ein historisches Sammelobjekt. Klassische Formen und Dekore werden immer wieder neu interpretiert. Ein schönes Beispiel ist die Vase in Trompetenform mit dem Dekor Streuröschen. Die zarte Form trifft auf ein feines Rosenmotiv und einen schmalen Goldrand. Das Dekor geht auf eine historische Tradition zurück: Bereits 1790 wurde ein Ornament aus einzelnen kleinen Rosenblüten entwickelt, das später von Augarten wieder aufgenommen und für die Moderne stilisiert wurde. So zeigt ein vergleichsweise kleines Objekt, wie sich Wiener Porzellan zwischen Geschichte und zeitgemäßem Wohnen bewegt.

© Augarten Wien

Gmunden: Keramik vom Traunsee

Gmunden im Salzkammergut ist seit Jahrhunderten ein Zentrum keramischer Produktion. Die Geschichte der Gmundner Keramik reicht urkundlich bis 1492 zurück. Besonders prägend wurde die charakteristische Technik des „Flammens“, bei der Farbe nicht einfach aufgemalt, sondern mit einem feinen Schlauch auf die Keramik aufgebracht wird. Die typische grüne Flammung auf weißem Grund wurde zu einem unverwechselbaren Markenzeichen der Region und ist seit 2021 als immaterielles Kulturerbe anerkannt.

Ein klassisches Beispiel ist die Reifschüssel in Grüngeflammt. Das 28 Zentimeter große Stück wird von Hand gefertigt und mit der charakteristischen Flammtechnik verziert. Dabei entsteht jedes Muster etwas anders – genau das macht den Reiz der Keramik aus. Rund 60 Arbeitsschritte und viele verschiedene Hände können an einem Stück beteiligt sein. Gmundner Keramik produziert bis heute vollständig am Standort in Gmunden und verbindet damit regionale Herstellung mit einer Ästhetik, die längst über das Salzkammergut hinaus bekannt ist.

© Gmundner Keramik

Carrara: Marmor wird zum Designobjekt

In der nordtoskanischen Stadt Carrara gehört Marmor seit Jahrhunderten zum Landschaftsbild und zur kulturellen Identität. Die Steinbrüche der Region haben den charakteristischen weißen Marmor weltweit bekannt gemacht. Heute geht es dabei nicht mehr nur um monumentale Architektur oder Skulptur: Designstudios zeigen, wie aus dem schweren Naturstein überraschend leichte, abstrakte und alltagstaugliche Objekte entstehen können.

Luce di Carrara verbindet genau diese lange Tradition mit zeitgenössischem Design. Das Unternehmen beschreibt seinen Ansatz als Verbindung der Einzigartigkeit von Naturstein mit einer modernen Designhaltung. Dabei bleibt die individuelle Maserung des Materials erhalten. Jedes Stück erzählt damit auch etwas über den Stein, aus dem es gefertigt wurde.

Besonders skulptural ist die OMO-Kollektion des Designers Sean Dix. Die kleinen Marmorfiguren reduzieren die menschliche Form auf wenige, elementare Linien. Jede Figur wird aus einem einzigen Marmorblock gefertigt und von Hand veredelt. Erst in der Gruppe entfalten die einzelnen Formen ihre Wirkung: Aus mehreren Einzelobjekten entsteht eine kleine abstrakte Gemeinschaft. Damit wird Marmor vom klassischen Baustoff zum beinahe spielerischen Wohnobjekt.

© Luce di Carrara

Titelbilder: © Riccardo Monte, © Luce di Carrara

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