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Wie Gender Bias Produkt-, Stadt- und Interior-Design prägt
„Shrink it and pink it“: Wenn der Sessel Rückenschmerzen verursacht, die Küchenzeile zu hoch ist, liegt das selten an der Person. Es liegt am „Gender Design Gap“. Historisch wurden Räume und Möbel von Männern für das männliche Standardmaß entworfen.
Jede Kurve eines Sessels, jede Höhe einer Arbeitsplatte und jeder Lichtkegel einer Straßenlaterne basiert auf einer Entscheidung. Doch über Jahrzehnte hinweg wurde diese Entscheidung meist für eine ganz bestimmte Zielgruppe getroffen.
Gutes Design hat eine einfache Aufgabe: Es soll unseren Alltag unterstützen, ohne dass wir darüber nachdenken müssen. Lange Zeit orientierte sich die Gestaltung von Möbeln und Städten jedoch an einem sehr spezifischen Durchschnittsmaß. Heute erleben wir einen spannenden Wandel. Designer und Stadtplaner erkennen immer mehr, dass starre Normen nicht mehr in unsere moderne, diverse Welt passen.
Bürosessel
Im Bereich des Interior Designs lässt sich dieser Wandel besonders gut an den Kernstücken unseres Arbeitsalltags beobachten. Lange Zeit war der „Standard-Nutzer“ im Büro etwa 1,80 m groß und kräftig gebaut. Das beeinflusste vor allem die Konzeption des klassischen Bürosessels. Diese Modelle waren oft so tief und breit konzipiert, dass kleinere Personen kaum die Rückenlehne erreichten, ohne dass die Sitzkante unangenehm in die Kniekehlen drückte. Moderne Hersteller haben darauf reagiert und das Konzept des starren „Chefsessels“ hinter sich gelassen. Der Trend geht hin zu adaptiven Modellen, die durch eine fließende Formgebung verschiedene Körpertypen stützen. Ein moderner Sessel zeichnet sich heute dadurch aus, dass er sich dem Menschen anpasst und nicht umgekehrt.
(c) Cally (Calendoo Studios)
Ähnliches lässt sich bei der Tischplatte beobachten, die früher als fixer Punkt im Raum galt. In vielen Küchen oder Büros war die Arbeitshöhe auf ein Maß festgelegt, das für viele Nutzer schlicht zu hoch oder zu niedrig war, was oft zu Verspannungen im Nacken- und Schulterbereich führte. Die Lösung im zeitgemäßen Interior Design liegt in der Flexibilität. Ob im Home-Office oder bei der Kücheninsel – höhenverstellbare Systeme ermöglichen es heute, dass die Umgebung mit dem Nutzer mitatmet. So wird der Raum für eine größere Gruppe von Menschen nutzbar, ohne dass ergonomische Kompromisse eingegangen werden müssen.
Türgriffe und Armaturen
Ein oft übersehenes, aber entscheidendes Beispiel für diesen Fortschritt sind Türgriffe und Armaturen. In älteren Entwürfen waren Griffe oft so geformt, dass man eine gewisse Handspanne und Kraft benötigte, um sie sicher zu bedienen. Heute setzt man verstärkt auf das Prinzip des Universal Designs. Griffe werden so gestaltet, dass sie auch mit dem Ellbogen, einer kleineren Hand oder bei eingeschränkter Kraft leicht zu betätigen sind. Das ist kein spezielles Nischendesign, sondern schlichtweg eine intelligentere Lösung, die den Komfort für alle steigert.
(c) UNION Corporation/ ELMES
Städte
Auch unsere Städte verändern sich spürbar. Während früher der Fokus oft auf der effizienten Verbindung von A nach B für den motorisierten Verkehr lag, rückt heute der Mensch als Fußgänger in den Mittelpunkt. Stadtplanung bedeutet heute, Angsträume gar nicht erst entstehen zu lassen. Durch eine bessere Beleuchtung von Gehwegen und eine übersichtlichere Gestaltung von Parks fühlen sich alle Bürger – besonders in der Dämmerung – deutlich sicherer. In Vorreiter-Städten wie Wien wird zudem darauf geachtet, dass der öffentliche Raum in allen Details funktioniert. Das reicht von breiteren Gehwegen für Kinderwagen und Rollatoren bis hin zu strategisch platzierten Bänken mit Armlehnen, die Schwangeren oder älteren Menschen das Aufstehen massiv erleichtern.
Am Ende zeigt sich: Die besten Entwürfe von heute sind die, die niemanden ausschließen.
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