
Von Wiener Werkstätte bis Frauenauto: Gibt es einen „weiblichen“ Blick im Design?
Design DE LUXE spricht mit österreichischen Designerinnen über ihren Zugang, über die Weiblichkeit der Wiener Werkstätte und nimmt ein Auto von Frauen für – ja eigentlich alle unter die Lupe.
„Patricia Urquiola wird medial ja oft als große Galionsfigur für weibliches Design dargestellt“, beobachtet Anna Prinzhorn, Gründerin von One For Hundred, „mit ihren weichen Formen und geschwungenen Linien.“ Aber eigentlich sind es ja nicht die „weiblichen Formen“, mit denen wir uns in diesem Artikel beschäftigen wollen. Vielmehr ist es die Frage, ob in einer Welt, die von Geschlechterrollen so geprägt ist wie die unsere, Design jemals neutral sein kann. „Weibliches Design ist ein schwieriger Begriff“, gibt Prinzhorn zu, „denn ich und meine Kolleginnen wollen uns natürlich nicht primär durch den Fokus ,weiblich’ betrachten lassen. So habe ich mich als Designerin selbst auch nie begriffen. Aber wir sind nun einmal Frauen und ich glaube schon, dass wir manche Dinge anders sehen.“
Sind wir ehrlich: wir Menschen lieben die Dualität, die gerade im digitalen Zeitalter die Welt so schön in 1 und 0 gießen kann: Tag/Nacht, Schwarz/Weiß, Gut/Böse – und natürlich Männlich/Weiblich. Dass es sich bei all dem weniger um Absolute handelt, sondern vielmehr um Zuschreibungen, die man gar nicht so einfach abgrenzen kann, das lassen wir dabei nur allzu gerne außer Acht. Deshalb lassen Sie uns, liebe Leserinnen und Leser, eines gleich vorab klarstellen: In diesem Artikel verstehen wir die Begriffe „weiblich“ und „männlich“ nicht biologisch. Es sind zwei Endpunkte eines Spektrums von Zuschreibungen und Assoziationen, zwischen denen sich ein unendlicher Facettenreichtum von argumentativen Fettnäpfchen versammelt. Ein Artikel wie dieser wird es niemals schaffen, sie alle zu umschiffen. In diesem Sinne ist unser Appell: beschnuppern wir gemeinsam das ein oder andere Stereotyp, treten wir in so manches Fettnäpfchen – und sehen uns an, was sich darunter verbirgt.
Das Leben ist nicht neutral
„Design bildet gesellschaftliche Normen, Werte und Machtverhältnisse ab – auch in Bezug auf Geschlechterrollen und -vorstellungen“, so Monica Singer, die gemeinsam mit Marie Rahm das Designduo Polka bildet, „daher ist Design nie neutral. Geschlechterstereotype zeigen sich zum Beispiel in der Verwendung ,typischer’ Farben oder darin, dass viele Produkte auf den Durchschnitt eines 175 cm großen Mannes abgestimmt sind. Dabei wird die Lebensrealität von Frauen häufig vernachlässigt: sei es beispielsweise bei Sitzhöhen, weniger oder kleine Taschen in Kleidung, oder in der Stadtplanung – etwa bei der Gestaltung sicherer Wege. Mehr Frauen müssen in Gestaltungsprozesse eingebunden werden.“ Auch Marion Koidl, Leiterin der Organisationsberatung beim Social-Non-Profit Institut ABZ sieht hier einen blinden Fleck: „Der weibliche Blick im Design fehlt vor allem deshalb, weil Frauen zwar Design studieren, aber viel seltener in Führungspositionen gelangen. Dort werden jedoch die grundlegenden Entscheidungen getroffen.“ Solche Beispiele sind für sie Symptom einer Branche, in der Normen (oft unbewusst) am männlichen Durchschnitt ausgerichtet werden. Unlängst hat sie selbst das schmerzlich erfahren, erzählt sie anekdotisch: die leidenschaftliche Radfahrerin kaufte sich eine teure Brille, die aber leider an den Bügeln eine extra-rutschfeste Beschichtung aufweist. Warum leider? Langhaarträger:innen wissen es, denn bei jedem Absetzen der Brille bleiben ein paar Haare hängen. „Ich war der festen Überzeugung, dass ich irrtümlich eine Herrenbrille gekauft habe – aber dem war nicht so.“
Das Frauenauto für alle
Anfang der 2000er richtet Volvo den weiblichen Blick auf seine Fahrzeuge: Das Concept Car YCC wird von einem reinen Frauen-Team entworfen. Ein starkes Statement von einer Industrie, deren größter Beitrag zur Gender Equality wahrscheinlich der Schminkspiegel auf der Fahrerseite ist. Das Ergebnis, das auf dem Genfer Salon 2004 präsentier wurde, war ein schlankes Flügeltüren-Coupé in einem Bronze-Silberton mit einem 215-PS-Hybridantrieb. Die Mittelkonsole wurde von der Handbremse befreit und wies dafür Ablagefächer für kleinere Gegenstände und Taschen auf. Besonderes letzteres könnte man auch als Sicherheitsfeature verstehen, schießt doch der Arm jeder Fahrerin bei härteren Bremsungen sofort zum Beifahrersitz, um die Handtasche am Davonfliegen zu hindern. Eine Tatsache, die (zumindest im Fall der Autorin dieser Zeilen) für Beifahrer fast wie ein tätlicher Angriff wirken mag.
Kopfstützen haben Einbuchtungen für Pferdeschwanz und Dutt, die Sitze werden beim Kauf mittels Bodyscan auf die individuelle Idealposition eingestellt. Große Flügeltüren erleichtern das Einladen auf den Rücksitz. Und so begab es sich, dass Volvo bei dem Versuch, ein „modernes Frauenauto“ zu entwickeln diverse Features vorstellte, die ganz einfach praktisch waren. Denn der Legende nach laden auch Männer manchmal Kinder und Einkäufe ins Auto ein und haben Taschen oder Rucksäcke an ihrer Seite. „Vielleicht liegt das Weibliche im Design auch darin, den Blick stärker auf Details zu richten“, sinniert Karin Santorso, die gemeinsam mit Barbara Ambrosz das Designstudio Lucy.D führt, „ein Projekt einfach wirklich bis zum Ende zu denken. Die Frage zu stellen, wer dieses Produkt schließlich nutzt, wie der Kontext aussieht, die Lebenssituation.“
„Wir arbeiten mittlerweile auch besonders gern in Bereichen, in denen Design bisher kaum eine Rolle gespielt hat“, schildert Ambrosz den Ansatz von Lucy.D „In den letzten eineinhalb Jahren haben wir zum Beispiel eine Stuhlserie für Altenheime entwickelt – mit dem Anspruch, älteren und gebrechlichen Menschen nicht nur optimalen Sitzkomfort zu bieten, sondern ihnen Möbel zu geben, die ästhetisch sind, freundlich wirken und sich harmonisch in ihre Umgebung einfügen.“ Es geht also um den gezielten Blick auf den Menschen und seine Bedürfnisse.
Die Weiblichkeit der Wiener Werkstätte
Als Margarete Schütte-Lihotzky die Frankfurter Küche entwirft, tut sie das in erster Linie für Frauen – aber genutzt hat sie bis heute jedem, der kocht. Wenn sich Geschlechterrollen zwar in der Wahrnehmung hartnäckig halten, aber im Alltag so nicht mehr gelebt werden, geht es letztlich einfach um die Praktikabilität. Schütte Lihotzky ist auch für Monica Singer ein großes Vorbild: „Eine Pionierin in vielerlei Hinsicht. Sie hat sich die Verbesserung des Alltags der Frau zum Ziel gemacht und betrachtete die Küche nicht als Frauenort sondern als Arbeitsplatz, der effizient und gut gestaltet sein sollte. Und auch Felice Rix-Ueno, mit der wir uns für die Ausstellungsgestaltung der gleichnamigen Personale im MAK beschäftigt haben, hat uns mit ihrer zum Ausdruck gebrachten Farbenpracht und Phantasie beeindruckt, sowie der selbstbestimmten, reiselustigen und abenteuerlichen Lebensführung, eine frühe Design-Kosmopolitin.“
Und tatsächlich, wer sich gerade in der Österreichischen Design-Geschichte auf die Suche nach namhaften Frauen macht, der landet schnell bei der Wiener Werkstätte. Liegt auch das vielleicht an dem Fokus auf das Alltagstaugliche, das man hier mit dem Ästhetischen zu verbinden suchte? „Die Wiener Werkstätte hatte viele weibliche Protagonistinnen, das stimmt“, erklärt Prinzhorn, „Oft waren sie allerdings in Bereichen tätig, die damals als ‚weiblich‘ galten: Keramik, Textil, Mode. Es gab keine federführende Architektin in der Werkstätte, aber das Thema Dekor und Detail war zentral. In diesen Feldern setzten die Frauen wichtige Akzente – und sie waren Pionierinnen in einer bis dahin männerdominierten Architektur- und Designwelt. Ihre Arbeiten rücken erst seit Kurzem stärker in den Fokus und werden neu bewertet.“
Und doch – auch in den „weiblichen“ Domänen finden wir männliche Protagonisten. Besonders in den Kreationen, die die Künstler für Lobmeyr Glas entwarfen: die ätherisch-fragile Kugeldose von Oswald Haerdtl, die fließenden Formen von Josef Hoffmanns Trinkservice No. 283 laden zu ganz ähnlichen Beschreibungen ein wie das so „weibliche“ Design von Patricia Uquiola, von dem wir zu Anfangs hörten. Marion Koidl kann das nur bestätigen: „Wir alle tragen beides in uns – weibliche und männliche Anteile“, sagt sie. In der Forschung spricht man inzwischen von Caring Masculinity: einer Form von Männlichkeit, die soziale Verantwortung, Empathie und Gemeinschaftsorientierung betont. „Burschen können genauso gut kooperativ und fürsorglich sein – genau wie Frauen durchsetzungsstark und entscheidungsfreudig auftreten können.“ Entscheidend sei, diese Anteile zuzulassen und in Gestaltungsprozessen zu nutzen.
Nachhaltig weiblich
Wenn wir schon bei sozialer Verantwortung sind – offenbar ist das „zu Ende denken“, das wir vorhin schon erwähnten auch in Sachen Nachhaltigkeit ein Faktor. Koidl erzählt: „Die TU Wien hatte Schwierigkeiten für das Studium Bauingenieurwesen Studentinnen zu finden. Die Lösung war dann erstaunlich einfach: In der Beschreibung wurden Aspekte Nachhaltigkeit und Soziales stärker betont.“ Für Koidl lässt sich ein Teil davon auf die Sozialisierung zurückführen: „Jungs wachsen mit der Botschaft auf, dass Wettbewerb sie stärkt – für Mädchen hingegen gilt oft das Ideal, dass alle gleich gut sind. Doch solche Unterschiede sind keine biologische Tatsache, sondern ein Produkt von Kultur und Sozialisation – und in anderen Gesellschaften oder Kontexten zeigt sich, dass Mädchen im Wettbewerb genauso ehrgeizig auftreten können wie Jungen.“ Man sollte auf jeden Fall nicht verallgemeinern, meint sie – siehe Caring Masculinity. Auch Anna Prinzhorn beobachtet im Design-Nachwuchs einen deutlichen Shift: „Es gibt sehr viele junge Designer, die einen starken Fokus auf Ressourcenbewusstsein, auf Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft legen. Jakob Niemann zum Beispiel oder das Studio Ante up – die machen sehr vieles, das ich voll unterschreiben kann.“ Ihr eigenes Studio One For Hundred pflanzt ja für jeden „vermöbelten“ Baum 100 neue. Zwischen ESG und Nachhaltigkeitsbestrebungen, zwischen Caring Masculinity und Generationenshift – werden die Zeiten „weiblicher“? „Ich hoffe“, seufzt Monica Singer, denn: "Der Welt bleibt es zu wünschen.“
Titelbild © Katharina Gossow
Slider © Lukas Schaller, Nathan Murrell, Stefanie Wurnitsch, Pia Fronia












