
Versteckte Welten: Warum Speakeasy-Bars wieder faszinieren
Das Konzept der Speakeasy-Bar feiert eine Renaissance. Dabei geht es natürlich nicht um heimliches Trinken von Schwarzgebrannten, sondern vielmehr um Gamification, Genuss – und Design.
Es hat etwas Märchenhaftes, durch einen Spiegel, durch ein Gemälde oder gar einen Getränkeautomaten zu treten, hinter dem sich eine neue Welt eröffnet. Dieser Moment des Übergangs – die Schwelle zwischen Alltag und Inszenierung – ist der Kern der Faszination der Speakeasys, die sich in Wien seit einigen Jahren großer Beliebtheit erfreuen. Man weiß, dass man gleich etwas entdeckt, das nicht jeder kennt. Es sind Orte, die nicht einfach betreten werden. Zunächst gilt es, sie zu finden, zu erobern.
Die Speakeasys mögen ihren Ursprung in der amerikanischen Prohibition der 1920er-Jahre haben, doch hier geht es längst nicht mehr darum, im Geheimen dem Schwarzgebrannten zu frönen. Das Verborgene, das Geheimnisvolle hat seinen Reiz nicht im Geringsten verloren – im Gegenteil: Es schafft ein ganz eigenes Gefühl von Gemeinschaft und wirkt dabei fast wie ein kleiner, feiner Geheimbund, der seine eigenen Rituale und Codes pflegt.
Diese Rituale sind heute vor allem eines: designstark.
Design in Speakeasys ist mehr als Interior Design. Es ist ein Zusammenspiel aus Raumgestaltung, Beleuchtung, Dekoration, Musik – und natürlich den Drinks. Der erste Blick, der erste Ton, der erste Schluck: alles Teil eines dramaturgisch sorgfältig geplanten Gesamterlebnisses.
Das Spiel beginnt vor dem ersten Schluck
Der Reiz beginnt lange bevor der erste Drink serviert wird. In der Chapel Bar steht man vor einem Gemälde und tastet nach dem geheimen Griff, mit dem man es letztlich aufschwenken kann. Die eigentliche Bar betritt man durch einen hölzernen Beichtstuhl – der Legende nach aus einer echten alten Kirche, erzählt Barchef Marius Willenbücher mit einem Augenzwinkern, das ein bisschen zweifeln lässt. Aber die Geschichte ist schön.
„Ich nenne es gerne einen ,Reverse Escape Room‘“, so Willenbücher, „man sucht den Eingang, nicht den Ausgang.“
Im BirdYard geht es durch das Restaurant und hinunter – durch einen Spiegel mit integrierter Tür. Das Fitzcarraldo empfängt seine Gäste erst, wenn an einem Getränkeautomaten die richtige Nummer ausgewählt wurde, woraufhin er sich zur Seite schiebt.
Die Tür 7 beschreibt Inhaber Gerhard Tsar eigentlich nicht als Speakeasy, sondern bevorzugt als „Hidden Bar“. Hier klingelt man an einer unauffälligen Eingangstür. Jemand vom Team öffnet persönlich, fragt nach der Anmeldung und führt zum Platz. „Hier soll man das Gefühl haben, wie bei Freunden zu Gast zu sein.“
Wer klingelt, macht sich freilich nicht lautstark bei der ganzen Bar unbeliebt. Stattdessen leuchtet eine rote Campari-Lampe auf und kündigt den kommenden Gast dezent an.
Beim Interior Design erzählt jede Bar ihre eigene Geschichte – dazu später mehr. Was sie alle gemeinsam haben, sind dunkles Holz, satte Farben, weiche Stoffe und eine fantasievolle Inszenierung, die sich durch alle Details zieht.
Vom Purismus bis zur Opulenz im Glas
Auch in den Gläsern zeigen sich unterschiedliche Philosophien. Manche Häuser bleiben bewusst puristisch.
„Wir versuchen uns klassisch zu halten: klare Schlagwörter, klassische Gläser, sodass der Gast sofort weiß: So wird es schmecken, das mag ich“, heißt es von Feng Kiu, Barbesitzer des BirdYard.
Andere setzen auf spektakuläre Inszenierung: Drinks im Schuh, unter Spotlights serviert, dekoriert mit Rauch oder funkelnden Elementen – alles „very instagrammable“.
„Natürlich posten die Leute solche Drinks gerne“, erzählt Sammy Walfisch, Inhaber des Fitzcarraldo, „das ist auch durchaus Teil unserer Marketingstrategie.“
Hier kann ein Gin Fizz in einer chinesischen Take-away-Box serviert werden oder eine schwebende Kokoswolke über dem Glas tanzen, bis sie sich in süßem Duft auflöst.
Willenbücher musste sich daran erst gewöhnen: „Ich komme aus der gehobenen Gastronomie – da hat man Erlebnisgastronomie oft ein wenig naserümpfend betrachtet. Und jetzt bin ich selbst Teil davon.“ Er lacht. „Aber es macht einfach Freude, die Leute zu beobachten, wenn sie immer wieder etwas Neues entdecken.“
The BirdYard – handbemalte Wände, puristische Drinks
2019 eröffnet, ist das BirdYard heute längst mehr als nur der Keller zum Restaurant darüber. Die prachtvollen Wandmotive sind keine Tapeten, sondern handgemalte Werke des rumänischen Künstlers Saddo: großformatige, farbenprächtige Vogel- und Pflanzenmotive, die den Raum in einen leuchtenden, urbanen Dschungel verwandeln. Rund 50 Stunden hat Saddo hier an den Malereien gearbeitet.
Dazu hängende Pflanzen, hohe Decken, warmes Licht. Die Drinks dagegen sind bewusst zurückgenommen: „Die Opulenz ist an den Wänden, die Drinks sind eher puristisch.“
Die Musik – abgestimmt auf den Wochentag – reicht von entspannt bis zum DJ-Set am Wochenende.
The Chapel – die ausgebrannte Kapelle
Kupfer, blauer Samt, geflammtes Holz: Die Chapel Bar, verborgen unter dem flexitarischen Hipster-Beisl Let’s be Frank, ist als ausgebrannte Kapelle inszeniert. Das Holz, „übrigens an Ort und Stelle geflammt“, bildet eine dunkle Leinwand für Sitzgelegenheiten aus blauem Samt, deren Kupfertische wie Lichtinseln wirken.
Eine Marienstatue mit Sonnenbrille und Zigarette streckt lasziv ihr nacktes Bein, Kronleuchter hängen aus Weihrauchgefäßen, Lampenschirme bestehen aus Cocktailshaker-Teilen. Selbst die Christbaumkugeln an der Decke sind geblieben: „Im Dezember sind sie Weihnachtsdeko, den Rest des Jahres Sternenhimmel.“
Über der Bar wacht der heilige Geist höchstselbst, während die Gäste eine Cocktailkarte studieren, die als Mini-Bibel mit Art-déco-Elementen gestaltet ist.
Fitzcarraldo – Automaten-Entrance und Cocktailtheater
Klein, uneinsichtig, ohne Spiegel – bewusst. „Ich mag Spiegel in Bars nicht“, sagt Walfisch, „sie lenken ab.“
Stattdessen verweisen Dschungeltapeten auf den namensgebenden Filmentdecker, ikonisch gespielt von Klaus Kinski. Dessen Konterfei hängt an den Wänden, ergänzt von Joaquin Phoenix’ Joker. „Weil er einfach cool ist.“
Die Sitzplätze liegen in kleinen Nischen, fast wie Logen, die Privatheit schaffen, während der Blick stets auf die Bar gerichtet bleibt. Metallische Akzente und gezieltes Licht setzen Glanzpunkte, ohne zu überladen. Auf der Toilette erklingt übrigens ein erotisches Hörbuch.
Tür 7 – die Bar als Wohnzimmer
Seit Ende 2014 ist die Tür 7 ein Fixpunkt für Kenner. Knapp 35 Plätze, gedämpfte Geräusche dank Teppichboden, persönliche Begrüßung an der Tür. Früher gab es Hausschuhe für Gäste, heute noch Bademäntel für Raucher:innen.
Die Einrichtung entstand mit Architekt Georg Dartmüller und Alexander Holzer, Tapeten von Vivienne Westwood, sorgfältig ausgewählte Stoffe – getestet in Stöckelschuhen und Flip-Flops, um sicherzugehen, dass sich jede und jeder wohlfühlt.
An der vorderen Bar wird rund um beleuchteten Naturstein ausschließlich aus Lobmeyr-Gläsern getrunken, im hinteren Raum aus Vintage-Unikaten. Eine Karte gibt es nicht. Jeder Drink wird nach persönlicher Präferenz gemixt, selbst der Champagner wird im Champagnerzimmer persönlich ausgewählt.

Ein geheimes Wien – nur für Eingeweihte
Jede dieser Bars interpretiert den Speakeasy-Gedanken anders. Mal steht der Raum im Mittelpunkt, mal der Drink. Gemeinsam ist ihnen allen das Spiel mit dem Verborgenen, das den Gast zum Mitspieler macht.
Wer den Eingang findet, betritt nicht einfach eine Bar – er tritt einer Geschichte bei, die weitererzählt werden will.
FOTOS: (c) NIKOLKUS MAUTNER MARKHOF, MW-ARCHITEKTURFOTOGRAFIE



