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Design & Interieur, Architektur & Immobilien

Soft Brutalism? Das steckt dahinter

Beton wird sanft, Holz kurvig, Textil architektonisch. Eine neue Materialästhetik gestaltet unsere Räume leiser, ehrlicher und menschlicher.

Von Linda Pezzei

Brutalismus galt lange als kompromisslos, roh und unnahbar. Doch was passiert, wenn Härte nicht mehr provoziert, sondern schützt? Wenn Beton nicht mehr dominiert, sondern trägt? Zwischen Kopenhagen, Marrakesch und Tokio entsteht derzeit eine neue, sanftere Form des Brutalismus – eine, die nicht auf Wirkung zielt, sondern auf Wohlbefinden. Soft Brutalism ist weniger Stil als Haltung: eine Architektur der Reduktion, der Materialehrlichkeit und der sensorischen Tiefe.

Weniger Stil, mehr Fürsorge: Norm Architects und der Brutalismus des Wohlbefindens

Für Norm Architects ist Soft Brutalism kein modischer Begriff, sondern eine Antwort auf eine Welt der Reizüberflutung. Jonas Bjerre-Poulsen und sein Team sprechen nicht von Ästhetik, sondern von Care. Soft Minimalism sei heute weniger ein Stil als eine Form der Fürsorge. Es gehe darum, das Irrelevante zu eliminieren, damit das, was bleibt – Licht, Materialien, Rituale – den Menschen nähren kann. Der Brutalismus bleibt sichtbar: tragende Strukturen, rohe Materialien, klare Geometrien. Doch er wird nicht inszeniert, sondern bewohnt. Taktilität ersetzt Effekte, Patina schlägt Perfektion. Die nächste Phase verstehen Norm Architects als Schritt zu noch größerer Ehrlichkeit: weniger Materialien, mehr Tiefe, weniger Styling, mehr Struktur.

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Architektur zum Berühren: Echoes of Texture – wenn Textil Raum wird

Diese Haltung wurde besonders deutlich in der Ausstellung Echoes of Texture während der 3 Days of Design 2025 in Kopenhagen. Gemeinsam mit Karimoku Case und Linie Design übersetzten Norm Architects Architektur in Materialdialoge. Teppiche lagen nicht am Boden, sondern standen vertikal im Raum. Gerahmt von hölzernen Konstruktionen und inspiriert von japanischen Torii-Toren wurden sie zu architektonischen Elementen. Über Form und Funktion hinaus, so Design Partner Frederik Werner, seien es die haptischen und klanglichen Eigenschaften eines Raumes, die in Erinnerung bleiben. Die Kollektion Woven Matter zeigt, wohin sich die Materialästhetik 2026 bewegt: handkardierte Wolle, unregelmäßige Texturen, ruhige Rhythmen. Textilien erscheinen hier nicht als Dekor, sondern als räumliche Haut.

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Das umgestülpte Gewächshaus: Restaurant ÄNG – Brutalismus als sinnliche Dramaturgie

Im Restaurant ÄNG in Südschweden wird Soft Brutalism zur räumlichen Erfahrung. Ein gläserner Pavillon im Weinberg sitzt über einem dunklen, roh belassenen Weinkeller. Licht oben, Schwere unten. Transparenz trifft Erdung. Ziegelböden erinnern an landwirtschaftliche Gebäude, Akustikpaneele von Kvadrat an Jutesäcke, Möbel aus dunkler Eiche an japanische Schreinkultur. Der emotionale Kern dieser Architektur liegt in der Begegnung zwischen Stärke und Weichheit. Soft Brutalism ist hier kein Look, sondern eine Choreografie – vom Hellen ins Dunkle, vom Offenen ins Geschützte.

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Rustikale Stille: Guest House No. 16 – wenn Reduktion berührt

Noch leiser wird es im Guest House No. 16 an der dänischen Küste. Ein Haus aus den 1930er-Jahren wurde radikal entkernt und neu zusammengesetzt – mit Kalkputz, geseiften Holzböden, Steintrögen und unbehandeltem Eichenholz. Es gibt keine Farben, nur Nuancen. Keine Veredelung, nur Material. Die Farbe entsteht durch Licht, nicht durch Pigment. Soft Brutalism zeigt sich hier als Resensualisierung: Räume, die nicht beeindrucken wollen, sondern ankommen lassen.

(c) Norm Architects_Guest House NO.16

Die andere Richtung: Schwere, Schatten, Erde – Studio KO als Gegenpol

Einen Gegenpol bilden die Arbeiten von Studio KO. Wo Norm Architects filtern und reduzieren, arbeiten sie mit Masse, Dunkelheit und Gravitation. Ihre Architektur ist Architectural Couture – geschichtet, geerdet, sinnlich. Die Villa K in Marokko wirkt wie ein Erdblock aus Lehm, an den Hang geklammert. Ein schwarzer Infinity-Pool lenkt den Blick, statt ihn zu fesseln. Auch das Musée Yves Saint Laurent in Marrakesch erscheint wie ein Kleidungsstück: außen Terrakotta-Ziegel wie gewebter Stoff, innen samtig, glatt und geschützt, wie das Futter einer Couture-Jacke. Studio KO zeigen, dass Soft Brutalism auch schwer sein kann – solange er sinnlich bleibt.

Musée YSL Marrakech_ STUDIO KO__1©Dan Glasser

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