Life & Style

Küchen und Autos: Wenn Hochküche und Hochvolt dieselbe Designsprache sprechen

Zwei Welten, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben, sprechen inzwischen oftmals eine gemeinsame Sprache: die Sprache des reduzierten Luxus. Des Materials, das für sich selbst spricht. Der Haptik, die man nicht erklären, sondern nur erleben kann. Und einer Stille, die beide Domänen derzeit gleichermaßen neu erfindet.

Von Gregor Josel

Es gibt Momente, in denen man innehält. In denen das Licht auf einer Oberfläche so fällt, dass Form und Funktion für einen Augenblick ununterscheidbar werden. Solche Momente kennt man aus einer Küche, in der alles stimmt: aus dem Spiel einer Armatur, die man erst beim zweiten Hinschauen bemerkt, so sehr ist sie Teil des Raumes geworden. Aus der Schwere einer Schublade, die lautlos schliesst. Aus der Stille, wenn der Induktionskochbereich hochläuft und man ihn nicht hört, sondern nur in der Hitze spürt. Und zunehmend kennt man diese Momente auch aus den besten Automobilen der Gegenwart.

Wer genau hinschaut, erkennt: Die Designtrends beider Welten folgen denselben Gesetzen. Sie haben sich nur nie offiziell vorgestellt. Höchste Zeit also für ein erstes Date!

Der verschwundene Griff

Der bedeutendste Trend in der Hochküche der Gegenwart ist paradoxerweise unsichtbar. Er zeigt sich durch das, was nicht mehr da ist. Keine Griffe. Keine sichtbaren Scharniere. Keine Fugen, die sich dem Auge aufdrängen. Die Hochküche strebt nach einer Form von Vollständigkeit, die alle Werkzeuge in sich aufnimmt und dabei so wenig wie möglich von sich preisgibt. Fronten schließen bürgerlich mit der Wand. Geräte verbergen sich hinter Oberflächen, die nichts verraten. Integrierte Einbauten sind längst keine Besonderheit mehr - sie sind die Mindestvoraussetzung für jeden Anspruch auf Luxus.

Das klingt wie die Beschreibung eines modernen Elektroautos. Und das ist kein Zufall. Auch hier ist der verschwundene Kühlergrill zum Designprogramm geworden - die geschlossene Front, die nichts mehr belüften muss und deshalb auch nichts mehr erklären will. Tesla hat damit begonnen, die Branche hat nachgezogen. Das Resultat: Automobile, die von vorne wie abstrahierte Skulpturen wirken. Kein Schlitz, kein Gitter, kein funktionales Geständnis. Nur Fläche - und Reduktion. Der Kühlergrill war das Gesicht des Autos. Sein Verschwinden ist eine Designaussage von ähnlicher Radikalität wie das Verschwinden des Griffes in der Hochküche.

© Mercedes Maybach

© Mercedes Maybach

© Mercedes Maybach

© Mercedes

© Mercedes

©Alpine

© Polestar

© Bentley

Bentley denkt diesen Gedanken mit der Designstudie EXP 15 am konsequentesten weiter: eine Formensprache, die alles Beiläufige weglegt, ohne das Wesentliche zu verraten. Sanfte Linien, die Kraft suggerieren. Oberflächen, die man berühren möchte, bevor man sie benennt. Ein automobiles Mise en Place, bei dem jedes Element seinen Platz hat - und seinen Grund.

Der Krieg der Oberflächen

Nirgendwo zeigt sich die Designphilosophie eines Produkts deutlicher als in der Frage: Was passiert, wenn ich es berühre? In der Küche hat sich ein tiefer Graben aufgetan zwischen zwei Lagern. Das eine setzt auf absolute Reinheit: Glasflächen, Keramik, polierter Stein. Oberflächen, die jeden Fingerabdruck registrieren und jeden Schmutz sichtbar machen, weil sie dem Benutzer zumuten, sie so zu behandeln, wie sie aussehen. Maßgehalten. Das andere Lager antwortet mit Soft-Touch-Materialien, samtigen Beschichtungen, mikrostrukturierten Oberflächen, die den Abdruck aufnehmen, ohne ihn festzuhalten.

Genau diese Debatte findet sich im Automobilinterieur der Gegenwart wieder - und sie wird dort gerade mit besonderer Schärfe geführt. Auf der einen Seite: das Versprechen des großen Touchscreens, der alles kann, alles weiß und nichts zurückgibt ausser einem schwarzen Glasrechteck, das im Stand kalt und im Betrieb überfordernd wirkt. Auf der anderen Seite: die Rückkehr des Physischen. Regler, die man dreht. Schalter, die klicken. Tasten, die sich unterschiedlich anfühlen, je nachdem, welche Funktion sie erfüllen. Der Ferrari Luce, übrigens das erste vollständig elektrische Auto aus Maranello, dessen Innenraum von Apple-Legende Jony Ive und Marc Newson gestaltet wurde, macht aus dieser Debatte eine Entscheidung: kein einziger Touchscreen. Stattdessen ein Lenkrad aus 19 CNC-gefrästen Teilen in recyceltem Aluminium, Bedienelemente nach dem Vorbild von Formel-1-Lenkrädern, physische Rückmeldung an jedem Punkt. Das ist kein Rückschritt. Das ist ein Statement.

Am anderen Ende des Spektrums steht der neue Mercedes-Benz VLE - und er meint es ernst. Die neue Grand Limousine setzt bewusst auf digitale Immersion: Über den Frontsitzen verbirgt sich im Dachhimmel ein ausfahrbarer 79-Zentimeter-Panoramascreen in 8K, auf Sprachbefehl gleitet er aus seiner Garage, die Sitze fahren in Kinoposition, die Rollos schließen. Das Fahrzeug verwandelt sich in einen Rückzugsort. Auch das ist eine klare Designentscheidung: nicht Askese, sondern bewusste Opulenz für ein bestimmtes Lebensgefühl. Zwischen dem nackten Aluminium des Luce und dem leuchtenden Deckenkino des VLE liegt die gesamte Bandbreite dessen, was Automobil-Interieur heute bedeuten kann.

Auch in der neuen S-Klasse und dem Maybach zieht Mercedes-Benz klare Grenzen: Digitale Integration ja, aber nicht um jeden Preis. Der Innenraum bleibt ein Ort der Würde, nicht der Demonstration. Touchflächen werden ergänzt durch haptisch befriedigende Drehregler und Schalter, die sich gut anfühlen, weil sie das sollen. Gutes Design löst keine Konflikte durch Weglassen - es entscheidet, was bleiben darf.

Der Ring. Der Kreis. Die Reduktion.

Die präziseste Entsprechung zwischen Küche und Automobil der Gegenwart ist nicht eine formale - sie ist eine philosophische. Und sie lässt sich an einem einzigen Objekt ablesen: dem Bedienring. In der Hochküche hat sich in den letzten Jahren ein Gerätetyp durchgesetzt, bei dem die gesamte Benutzerschnittstelle auf ein einziges Element reduziert ist: einen frei schwebenden Ring aus gefrästetem Edelstahl, der dreht, drückt und dabei eine haptische Rückmeldung gibt, die man nicht vergisst. Kein Display darunter, das ablenkt. Kein Label darüber, das erklärt. Nur der Ring und das Vertrauen, dass der Benutzer ihn versteht.

Das Lenkrad des Ferrari Luce funktioniert nach demselben Prinzip. Aus 19 Einzelteilen gefräst, kein Kunststoff, kein Leder als Entschuldigung für das Material darunter. Reduktion ist keine Vereinfachung. Sie ist das Schwerste, was man tun kann.

Die Armatur als Skulptur - das Lenkrad als Handschlag

Wenn in der Hochküche ein einziges Objekt die Gesamthaltung eines Raumes kommunizieren muss, dann ist es die Armatur. Sie ist das erste, was der Gast sieht, wenn er den Blick über die Kochinsel schweifen lässt. Sie ist das Einzige, das man täglich berührt und das dabei nicht versteckt wird. Sie ist das Gesicht der Küche, und damit die ehrlichste Aussage, die ein Raum über sich machen kann. Armaturen auf höchstem Niveau werden deshalb nicht einfach funktionell installiert, sie werden positioniert, ja sogar inszeniert. Ihre Geometrie - ob rechteckiger Querschnitt, zylindrisch, geschwungen oder streng achsensymmetrisch - ist keine Formfrage, sondern eine Charakterfrage.

Das Lenkrad ist das Äquivalent im Automobil. Man berührt es vor jeder anderen Fläche. Man hält es die gesamte Fahrt. Und seine Qualität - das Gefühl des Leders, die Präzision der Naht, der Widerstand beim Drehen - entscheidet darüber, ob man sich gut aufgehoben fühlt oder nicht. Rolls-Royce hat das früher verstanden als die meisten: Der Spectre, das vollelektrische Coupé aus Goodwood, bietet ein Lenkrad, dessen Nähte von Hand gesetzt werden - in einem Auto, das keinen Verbrennungsmotor mehr hat und dessen Stille so vollständig ist, dass man die eigenen Handflächen auf dem Leder hört. Das ist kein Zufall. Das ist Designbewusstsein auf der höchsten Stufe.

Aber es muss auch nicht immer die Luxus-Abteilung sein. Alpine versteht dasselbe aus einem anderen Blickwinkel. Der A390, der elektrische Fastback, mit dem Renaults Sportmarke ihre Neuerfindung vollzieht, hat ein Cockpit, das an ein professionelles Küchenarrangement erinnert: übersichtlich geordnet, jedes Element in Reichweite, nichts Dekoratives, das nicht auch funktioniert. Die Bedienelemente sind dort, wo man sie erwartet. Die Verarbeitung verrät, dass hier jemand entschieden hat und nicht nur gelayoutet hat.

Das Material spricht - oder es schweigt

Der tiefste Wandel in der Hochküche der letzten Jahre ist nicht formal, sondern materiell. Weg von weiß, weg von Hochglanz, hin zu Materialien, die zeigen dürfen, was sie sind. Gemaserte Holzfronten, bei denen die Textur nicht trotz ihrer Unregelmäßigkeit schön ist, sondern wegen ihr. Naturstein-Arbeitsflächen, deren Äderung kein Fehler ist, sondern Signatur. Matte Keramikflächen, die einen Fingerabdruck ertragen, ohne ihn zu betonen. Beton, der nach Beton aussieht. Die Küche der Gegenwart schämt sich nicht für ihre Materialien - sie verhandelt sie.

Im Automobil heißt dasselbe Prinzip: Materialechtheit. Polestar hat es zur Kunstform erhoben: Der Polestar 5, der neue elektrische Gran Turismo, verzichtet auf jede Dekoration, die keine Funktion hat. Aluminium bleibt Aluminium. Recycelte Materialien werden nicht versteckt, sondern vorgezeigt. Und die Form der Karosserie folgt der Struktur darunter so konsequent, dass man das Fahrzeug fast röntgen möchte.

Auch in der Küche ist dieser Wunsch nach Materialien, die altern und nicht nur verschleissen, einer der stärksten Trends. Holz, das mit der Zeit eine Patina entwickelt. Stein, der Gebrauchsspuren aufnimmt und sie trägt wie Medaillen. Stahl, der seinen Charakter behält, auch wenn man ihn täglich benutzt. Langlebigkeit ist das neue Statussymbol. Nicht im Sinne von Unvergänglichkeit, sondern im Sinne von Würdevoll-Alt-Werden. Das ist eine Haltung, keine Materialwahl.

Die Insel. Der Raum. Das Zentrum.

Die Kochinsel hat die Hochküche der letzten Jahrzehnte architektonisch definiert. Nicht als funktionaler Zugewinn, sondern als soziales Bekenntnis: Hier wird nicht hinter einer Wand gekocht, sondern mitten im Raum. Die Insel macht den Koch zum Gastgeber, noch bevor das Essen fertig ist. Sie organisiert den Raum um sich - und lädt ein, Teil des Geschehens zu sein, ohne selbst zu kochen. Die besten Küchen der Gegenwart denken die Insel nicht als Möbelstück, sondern als architektonisches Element: ein Körper, der mit dem Boden, der Decke und dem Licht in Bezug steht. Meist aus einem einzigen Material, oft in einem einzigen Stück und immer so gestaltet, dass man lange hinschaut.

Der neue elektrische Mercedes-Benz VLE denkt Raum ebenfalls konsequenter neu als fast jedes andere Fahrzeug der Gegenwart. Die neue Grand Limousine fasst bis zu acht Personen, und ihr Innenraum funktioniert nach demselben Prinzip wie eine gute Kücheninsel: Er ist nicht Durchgangszone, sondern Zentrum. Sitze, die sich per App in jede Konfiguration verschieben lassen - Mercedes nennt es das Sitzballett - verwandeln den Fond nach Bedarf in Wohnzimmer, Konferenzraum oder Laderaum. Das Panoramadach zieht sich nahtlos von der B-Säule bis zum Heck und taucht den Innenraum in Licht. Der VLE ist kein Auto, das man fährt. Es ist ein Raum, den man bewohnt.

Range Rover Electric denkt denselben Raum mit britischer Beharrlichkeit weiter. Die Karosserie trägt dieselbe souveräne Würde wie immer - nur stiller. Innen: nachhaltige Materialien, großzügige Proportionen, ein Gefühl von Permanenz. Wie eine Küche, die man nicht renoviert, sondern pflegt. Und die mit jedem Jahr besser wird.

© Ferrari

© Range Rover

© Range Rover

Was bleibt, wenn der Lärm geht

Die tiefste Gemeinsamkeit zwischen Küchendesign und Automobildesign der Gegenwart ist keine gestalterische - sie ist eine philosophische. Beide Welten haben gleichzeitig begriffen, dass Stille ein Wert ist. Dass weniger Aufwand mehr Haltung sein kann. Dass das Beste sich oft darin zeigt, was weggelassen wurde und nicht in dem, was hinzugefügt wurde.

In der Küche heißt das: kein Knopf, der nicht notwendig ist. Keine Front, die nicht mit dem Raum kommuniziert. Kein Licht, das nicht weiß, wann es sich zurücknimmt. Im Automobil heißt das: kein Touchscreen, der ersetzt, was eine Hand besser kann. Kein Material, das kaschiert, was ein ehrlicheres Material besser zeigen würde. Keine Leistung, die mit Lautstärke belegt wird. Weder Gaggenaus Ring-Interface noch Ferrari Luces Lenkrad schreien. Sie flüstern und sind deshalb um so lauter.

Es ist kein Zufall, dass die großen Entwicklungen beider Welten gerade parallel verlaufen. Die Elektrifizierung des Automobils und die Digitalisierung der Küche haben beide dasselbe ausgelöst: eine Gegenbewegung. Die Sehnsucht nach dem Greifbaren. Nach dem Echten. Nach Objekten, die sich anfühlen, als hätte jemand wirklich nachgedacht, bevor er sie gestaltet hat. Nicht nach Produkten, die beeindrucken wollen. Sondern nach Dingen, die bleiben.

Titelbild quer: © Alpine, hoch: © Ferrari

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