Design & Interieur

Hightech für die Lagune: Wie ein venezianisches Startup Murano-Glas mit 3D-Druck neu denkt

Venedig ohne Glas ist undenkbar, doch die Tradition hat ein Abfallproblem: Tonnen an Murano-Glas landen jährlich auf dem Müll. Das Startup rehub rettet dieses Erbe nun mit einer radikalen Idee und verwandelt Glasabfall mittels 3D-Druck in moderne Designobjekte.

Von Julia Weninger

1000 Tonnen Glas landen auf Mülldeponien rund um Venedig. Da dieses Kunstglas chemisch zu komplex für herkömmliches Recycling ist, entstand ein ökologischer und ökonomischer Teufelskreis.

Gegründet wurde rehub von Marta Donà und Matteo Silverio. Silverio ist Architekt, absolvierte sein Studium an der IUAV in Venedig sowie einen Master in Advanced Architecture in Barcelona und beschäftigt sich seit mehr als 15 Jahren mit additiver Fertigung.

Schon früh faszinierte ihn die Idee, Brücken zwischen Kunst, Design, Handwerk und Technologie zu schlagen. Eine Metapher, die in Venedig kaum passender sein könnte.

„Ich habe den 3D-Druck während meines Studiums entdeckt, als die Technologie hier in Venedig noch kaum bekannt war“, erzählt Silverio dem Magazin 3dnatives. „Damals bin ich online auf das RepRap-Projekt gestoßen – und es war sofort eine Art Liebe auf den ersten Blick.“

Nach internationalen Arbeitserfahrungen kehrte er vor rund zehn Jahren nach Venedig zurück und begann, intensiv mit Murano-Glas zu arbeiten. Dabei wurde schnell klar, wie problematisch die bestehende Liefer- und Entsorgungskette tatsächlich ist.

Lucietta: the electric taxi boat

Das Recyclingproblem von Glas

Viele Menschen gehen davon aus, dass Glas grundsätzlich recycelbar ist. Tatsächlich gilt das aber nur für sogenanntes Verpackungsglas. Trinkgläser, Lampen, Fenster oder Windschutzscheiben landen meist auf Deponien oder werden in minderwertige Materialien umgewandelt.

Gerade in Murano entsteht dadurch ein massives Problem. Die Glashütten bezahlen nicht nur für die Entsorgung des Materials, sondern anschließend erneut für neue Rohstoffe – ein kostspieliger Kreislauf mit enormem Ressourcenverbrauch.

Besonders problematisch ist dabei der Einsatz von Sand. Nach Wasser ist Sand der zweitmeistgenutzte Rohstoff der Welt und essenziell für die Glasproduktion. Gleichzeitig benötigt die Herstellung enorme Mengen an Energie.

Für Silverio war klar: Wenn traditionelle Handwerkskunst langfristig bestehen soll, braucht sie neue technologische Lösungen.

Upglas: sustainable table lamps

Glasabfall wird zum Designmaterial

Zwischen 2019 und 2020 entstanden die ersten Experimente, 2022 wurde daraus schließlich rehub. Ziel des Unternehmens ist es, nicht recycelbarem Altglas neuen Wert zu geben – und daraus hochwertige Designobjekte zu fertigen.

Der Prozess beginnt direkt bei den Glasöfen in Murano oder bei Industriepartnern. Dort sammelt rehub Glasreste, die normalerweise entsorgt würden. Nach der Reinigung und Zerkleinerung wird das Material bei Raumtemperatur in eine formbare, lehmartige Paste verwandelt.

Diese Paste kann anschließend mit industriellen Verfahren oder per 3D-Druck verarbeitet werden. Erst danach erfolgt eine Wärmebehandlung bei vergleichsweise niedrigen Temperaturen, die das Material dauerhaft aushärtet.

Der entscheidende Vorteil: Laut rehub benötigt das Verfahren rund 70 Prozent weniger Energie als klassische Glasproduktion. Gleichzeitig entstehen vollständig plastikfreie Produkte aus recyceltem Material.

Custodi del Fare

Eigene Drucker für ein schwieriges Material

Die technische Herausforderung dabei ist enorm. Glas verhält sich völlig anders als klassische Materialien im 3D-Druck und gilt als besonders abrasiv.

Deshalb entwickelte rehub eigene Maschinen samt patentiertem Extruder. Der derzeit eingesetzte Drucker besitzt eine Druckfläche von 50 x 50 x 70 Zentimetern und kann mehrere Kilogramm Material gleichzeitig verarbeiten.

Je nach Projekt kommen unterschiedlich große Düsen zum Einsatz. Gedruckt werden vor allem Objekte und Einrichtungselemente mit komplexen Geometrien, die mit traditionellen Verfahren kaum oder gar nicht umsetzbar wären.

Das Material trägt den Namen Revéro und basiert vollständig auf recycelten Glasabfällen.

Coffee Tabels

Zwischen Interior, Luxus und Nachhaltigkeit

Heute arbeitet rehub vor allem in den Bereichen Interior Design und Architektur. Besonders dort sieht das Unternehmen großes Potenzial für nachhaltige Materialien mit technologischer Komponente. Für Maison203 entwickelte rehub etwa die sogenannte Guava-Kollektion, also Schmuckstücke aus 3D-gedrucktem Recyclingglas.

Bildmaterial: © rehub

Newsletter Anmeldung

* Angaben erforderlich

Indem Sie unten auf „Abonnieren“ klicken, bestätigen Sie, dass Ihre Informationen zur Verarbeitung an unseren Newsletter Partner übermittelt werden. Weitere Informationen entnehmen Sie unserer Datenschutzerklärung.