Kunst & Kultur

Bernhard Kramer im Interview über die Einzelausstellung von Hermann Nitsch in der Werkhalle

Hermann Nitsch in einer Werkhalle, Seite an Seite mit Pflanzen, mittendrin, wo gearbeitet wird? Das passt findet man bei Kramer und Kramer, die so etwas wie die Avantgardisten ihrer Branche sind.

Von Nicola Afchar

Normalerweise fallen lateinische Pflanzennamen, Substrathöhen, Pros und Kontras, wenn man mit Garten-Experten spricht. Doch Kramer und Kramer sind mehr als das. Ihr Ökosystem besteht aus Baumschule, Landschaftsarchitektur und -Bau, Concept Store, Showroom – und ab Mitte April auch Ausstellungsraum. Ein Gespräch über das Rohe und Substanzielle, die Inspiration und das anders sein.

Am 16. April startet in ihrer Werkhalle eine umfangreiche Ausstellung von Hermann Nitsch-Werken, konkret einer Malaktion zu Wagners ‚Die Walküre‘ im Jahr 2021. Warum Kunst, warum Nitsch?

Bernhard Kramer: Vorweg gesagt: die Werkhalle gab es ja immer schon, hier ziehen wir von Oktober bis März die Pflanzen, sprich: Hier ist unsere Produktion untergebracht. Wir haben sie jetzt umfassend saniert und stellen sie der Kunst zur Verfügung. Mit der Hermann Nitsch Foundation gibt es eine Kooperation, seine Werke passen einfach zu uns. Was wir in der Halle – die übrigens einen irren Charme hat – zeigen, ist der rohe Zustand, unser rohes Arbeitsmaterial, wir reden hier von einem quasi laborartigen Zustand. Wir veranschaulichen unsere DNA.

Gibt es denn internationale Vorbilder – oder Referenzen – was diese Art von Symbiose aus Natur bzw. Grünraum und Kunst angeht?

Ehrlich gesagt orientieren wir uns eher an Architekten, insbesondere der Moderne. Mies van der Rohe ist hier sicher als Erster zu nennen, mit seiner minimalistischen Klarheit, den offenen Grundrissen und dem Fokus auf die Materialien. Oder Richard Neutra. Wir lassen uns aber auch von Modedesignern inspirieren, wie Karl Lagerfeld oder Jean-Paul Gaultier. Ersterer war unfassbar diszipliniert, hat aber nicht nur kostenorientiert gearbeitet. Und Gaultier, weil er …

… anders war?

Genau. Anders, frei, bunt. Wir lieben starke Farben, das Leidenschaftliche, deswegen arbeiten wir zum Beispiel auch gerne mit Möbeln der italienischen Marke Paola Lenti – wir führen ja auch den Wiener Flagshipstore. Wir werden in der Werkhalle übrigens auch ihr ‚monochromatisches Alphabet‘ zeigen, das diesen April in Mailand präsentiert wird (Anm.: Salone de Mobile). Diese Farbpalette bzw. eben das ‚Farbalphabet‘ bildet die Grundlage für die Entwicklung ihrer Stoffe und Produkte – und genau hier schließt sich wieder der Kreis zu unserer Werkhalle. Es geht um die Basis, sie zu verstehen – das hilft dem Kunden, sich für eine Welt zu entscheiden, in der man sich in der Gestaltung bewegen möchte.

Apropos bewegen: Kann man sich in der Werkhalle frei bewegen als Kunde?

Absolut, unbedingt sogar. Genau das beeindruckt die Menschen. Gleich ob Werkhalle oder Baumschule mit unseren uniqueTrees (Anm.: besonders charaktervolle Solitärgehölze): Man sieht, was hier geschieht, das Baufahrzeug, das den Solitär hochhievt, die Erde, den Schmutz. Was uns ausmacht, ist dieser unmittelbar, persönliche Zugang und eine absolute Dienstleistungsorientierung.

Neben der Baumschule, dem Concept Store in Niederösterreich und dem Standort im Palais Harrach in Wien gibt es noch den Bereich Landschaftsbau- und Architektur. Wie ist denn das Verhältnis zwischen Privat- und Firmenkunden? Gibt es auch Projekte, die zu klein sind für Kramer und Kramer?

Circa 80 % der Kunden sind derzeit aus dem Privatbereich, der Rest setzt sich aus Hotels, Gastro und Büros zusammen. Was ganz klar ist: Der Firmenbereich wird immer wichtiger werden, Unternehmer verstehen, dass es hier um einen großen Mehrwert für die Arbeitnehmer geht. Und von wegen zu klein: klares Nein. Auch der Kauf eines Pflanzengefäß von Domani ist unserer Meinung nach ein Projekt, schon deshalb, weil wir ihn liefern und bepflanzen.

Kramer und Kramer existiert seit fast 80 Jahren, wie hat sich die Bedeutung ihres Berufs in dieser Zeit verändert?

Begonnen hat alles mit einem landwirtschaftlichen Betrieb, gerade in der Nachkriegszeit waren Obstbäume das Um und Auf. Später, im Wirtschaftsboom, ging es verstärkt um Zierpflanzen und Exoten. Heute sehen wir eine oft hochgradige Spezialisierung, tatsächlich gibt es sehr viele gute Betriebe in Europa. Wissen Sie, etliche Unternehmen versuchen eine Geschichte rings um die Natur zu erfinden, wir haben diese Geschichte, arbeiten jeden Tag mit ihr. In der Zukunft werden Bäume einen enormen Stellenwert haben, überspitzt formuliert: Vielleicht werden besondere Exemplare wie Kunstwerke gehandelt werden. Ich bin mir jedenfalls sicher: Wir werden der Natur wieder mehr Platz einräumen. Einräumen müssen.

Von Versailles nach Zöfing

Gärten waren schon immer viel mehr als einfach nur ein Stückchen Grün, sie waren immer auch Inszenierung – vom barocken Parterre bis zum Landschaftsgarten, wie man ihn aus Versailles kennt, der sorgfältig komponiert war wie ein Bild.

Mit der Moderne und dem Bauhaus rückten Funktion und Konstruktion in den Vordergrund, die Verbindung kühlte ab. Erst mit der Land Art kehrte Natur als Material und Thema in die Kunst zurück. Heute wird diese Beziehung neu gedacht: Gärten waren schon immer viel mehr als gestaltete Räume zwischen Ästhetik, Ökologie und kulturellem Anspruch.

Dass Kramer und Kramer in ihrer Werkhalle auf Hermann Nitsch setzen, ist spannend. Der Niederösterreicher ist so etwas wie das Gegenkonzept zur gezähmten Natur des Barock, seine Arbeit mit Naturmaterialien war ungezügelt, roh, unmittelbar.

Bis September in der Werkhalle:
Hauptstraße 18, 3441 Zöfing bei Tulln

Fotos: © Oliver Gast, Manfred Thumberger

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