
Mit „Multitude“ verwandelt das Mailänder Designstudio studioutte den Innenhof des Palazzo Clerici in einen abstrakten urbanen Wald. Zwischen fünf Meter hohen Aluminiumelementen präsentiert Poliform die neuen Outdoor-Entwürfe von Jean-Marie Massaud und Emmanuel Gallina. Fotos © Poliform
Was uns die neue Designsaison bringt
Die neue Designsaison sucht nicht nach dem nächsten großen Effekt. Sie entdeckt etwas viel Interessanteres: Räume mit Tiefe, Möbel mit Präsenz und die Lust daran, Gegensätze miteinander zu verbinden.
Noch ist der Sommer nicht vorbei, doch im Design beginnt bereits eine neue Saison. Und sie kündigt sich erstaunlich leise an. Keine Farbe, die alles bestimmt. Keine Form, die zum neuen Must-have erklärt werden muss. Stattdessen zeichnet sich eine Verschiebung ab, die subtiler ist und gerade deshalb interessant. Räume werden wieder vielschichtiger. Materialien werden spürbar, Möbel zeigen Präsenz und unterschiedliche Epochen existieren selbstverständlich nebeneinander. Das perfekt aufeinander abgestimmte Interior bekommt Konkurrenz von Räumen, die aussehen, als wären sie über Jahre gewachsen. Wie reizvoll das sein kann, zeigt die Collection 2026 von Poliform. Im historischen Palazzo Clerici in Mailand treffen zeitgenössische Entwürfe auf Fresken, vergoldete Ornamente und venezianische Kronleuchter. Der Kontrast könnte größer kaum sein. Und doch wirkt nichts daran inszeniert.
Das Ende der perfekten Harmonie
Lange bedeutete ein gelungenes Interior vor allem Konsequenz. Farben folgten einer Palette, Möbel einer Formensprache, Materialien einem klaren Konzept. Nun scheint gerade das Unvorhersehbare wieder an Reiz zu gewinnen. Ein reduziertes Sofa vor jahrhundertealten Wandvertäfelungen oder dunkle Einbauten unter opulenten Decken. Ein Ledersessel, dessen weiche Silhouette sich bewusst von der Strenge des restlichen Raumes absetzt. Alt und Neu müssen sich nicht länger angleichen, ihre Unterschiede dürfen vielmehr sichtbar inszeniert werden. Gerade das macht Räume persönlicher.
Liegt die deutlichste Veränderung im Detail?
Auch die Formen verändern sich. Die Härte des Minimalismus weicht einer weicheren, körperlicheren Gestaltung. Kanten werden gerundet, Polster großzügiger, Volumen selbstbewusster. Dabei geht es nicht um die Rückkehr zu einer bestimmten Epoche. Die neuen Silhouetten zitieren nicht. Sie wirken mehr vertraut, ohne nostalgisch zu werden. Besonders bei Sitzmöbeln zeigt sich diese neue Lässigkeit. Ein Sessel darf heute beinahe wie eine Skulptur im Raum stehen. Ein Sofa muss nicht möglichst geradlinig erscheinen, sondern darf ein Ort sein, in den man tatsächlich hineinsinken möchte.
Statt dekorativer Gesten übernehmen Materialien die Hauptrolle: Holz mit sichtbarer Maserung, weiches Leder, strukturierte Textilien, Stein und Metall. Creme komibiniert mit Cognac, tiefes Braun setzt sich neben Schwarz, einzelne glänzende Akzente zieren matte Oberflächen. Was hochwertig ist, muss nicht sofort danach aussehen. Man erkennt es an Proportionen, an Übergängen, an der Art, wie Licht über eine Oberfläche fällt.
Die neue Freiheit
Dieser Gedanke setzt sich bis in die funktionalsten Bereiche des Wohnens fort. Küchen werden zu ruhigem Volumen, Technik tritt optisch zurück. Stauraum wird nicht versteckt, sondern architektonisch gedacht. Großzügige Schrankwände strukturieren Räume, offene Nischen unterbrechen geschlossene Flächen, integriertes Licht zeichnet Konturen nach. Die Küche wiederum wirkt klar, monolithisch und erstaunlich zurückhaltend – fast wie ein einzelnes Möbelstück. Je komplexer die Funktion im Hintergrund wird, desto ruhiger darf ihre Gestaltung nach außen erscheinen.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Nachricht dieser Designsaison: Es gibt weniger Regeln. Nicht alles muss aus derselben Zeit stammen. Nicht jeder Raum braucht einen offensichtlichen Blickfang. Nicht jedes neue Möbelstück muss beweisen, wie neu es ist. Stattdessen entsteht eine neue Selbstverständlichkeit im Umgang mit gutem Design. Minimalismus darf warm sein. Luxus darf sich zurücknehmen. Und das Neue muss nicht mit dem Bestehenden konkurrieren, um aufzufallen.









