Design & Interieur

Design Glossar: Wabi-Sabi

Perfektion hat ausgedient: Während Hochglanz-Oberflächen und millimetergenaue Symmetrie oft unterkühlt wirken, zieht mit Wabi-Sabi eine tiefe, gelassene Wärme in die Wohnräume ein. Design DE LUXE zeigt mit welchen Tricks der japanische Interior-Trend garantiert gelingt.

Von Julia Weninger

Perfekte Oberflächen, glatte Linien, makellose Räume: lange Zeit galt genau das als Ideal. Wabi-Sabi setzt bewusst einen Kontrapunkt. Der japanische Designansatz rückt das Unfertige, Gealterte und Unperfekte ins Zentrum – und trifft damit einen Nerv in einer Zeit, in der Räume wieder ruhiger, ehrlicher und nachhaltiger gedacht werden.

Wabi-Sabi beschreibt eine Ästhetik aus dem Zen-Buddhismus, die Einfachheit, Natürlichkeit und Vergänglichkeit verbindet. „Wabi“ steht für schlichte Zurückhaltung, „Sabi“ für die Schönheit des Alterns. Im Interior bedeutet das: weniger Inszenierung, mehr Authentizität. Materialien dürfen altern, Formen unregelmäßig sein, Oberflächen Spuren zeigen.

Was wie ein Gegenentwurf zu klassischen Wohntrends wirkt, ist in Wahrheit eine Weiterentwicklung des Minimalismus. Statt steriler Reduktion geht es um Atmosphäre und um Räume, die nicht perfekt aussehen müssen, um schön zu sein und gut zu funktionieren.

© The Ghazi

Die Prinzipien hinter dem Look

Im Zentrum steht die Idee, dass Dinge nicht für die Ewigkeit gemacht sind: Risse in Keramik, verwittertes Holz oder ungleichmäßige Oberflächen werden nicht kaschiert, sondern bewusst sichtbar gelassen. Materialien altern und verändern sich, Räume entwickeln mit der Zeit eine eigene Patina.

Gleichzeitig lebt Wabi-Sabi von Reduktion. Wenige, bewusst gewählte Elemente prägen den Raum. Leere ist kein Mangel, sondern Teil des Konzepts. Sie schafft Ruhe und lenkt den Blick auf das Wesentliche.

© cottonbro studio

So funktioniert Wabi-Sabi im Interior

Der Einstieg gelingt über Materialien. Statt Hochglanz dominieren rohe, matte Oberflächen: unbehandeltes Holz, grobe Keramik, Leinen, Stein. Entscheidend ist die Haptik, denn Dinge sollen sich echt anfühlen, nicht perfekt produziert.

Auch die Platzierung bricht mit klassischen Regeln. Möbel stehen nicht zwingend symmetrisch, sondern wirken eher beiläufig arrangiert. Ein Tisch darf leicht versetzt im Raum stehen, eine Vase bewusst nicht zentriert.

© The Ghazi

Beim Licht gilt: so weich wie möglich. Papierlampen, indirekte Lichtquellen oder Kerzen ersetzen harte Spots. Ziel ist eine warme, diffuse Stimmung statt funktionaler Ausleuchtung.

Dekoration bleibt reduziert, aber bewusst gewählt. Trockene Zweige, handgefertigte Objekte oder Fundstücke wie Treibholz setzen Akzente, ohne den Raum zu überladen. Jeder Gegenstand braucht eine Funktion – oder zumindest eine klare Präsenz.

© Tori Gordon

Ein zentraler Hebel ist die Raumwirkung selbst. Wabi-Sabi funktioniert nur, wenn Platz bleibt. Rund 70 Prozent eines Raums dürfen leer wirken. Eine strukturierte Wand – etwa mit Lehmputz oder rauem Finish – reicht oft aus, um Tiefe zu erzeugen.

Titelbilder: © The Ghazi, © Thới Nam Cao, © Nikita

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