Kunst & Kultur

Wer gestaltet das Morgen?

Zum 20-jährigen Jubiläum richtet die Vienna Design Week den Blick auf die nächste Generation: Ausbildungsstätten aus Österreich, Deutschland und Luxemburg zeigen, wie junge Designer*innen mit neuen Materialien, sozialen Fragen und ungewohnten Perspektiven an die Gestaltung der Zukunft herangehen.

Von Julia Weninger

Ein Jubiläum ist nicht nur ein Moment für den Rückblick. Es ist auch eine Gelegenheit zu fragen, was als Nächstes kommt. Genau hier setzt die diesjährige Debüt-Reihe der VIENNA DESIGN WEEK an. Zum 20. Mal findet das Festival von 25. September bis 4. Oktober 2026 statt und widmet sich dabei stärker denn je der Designausbildung im In- und Ausland. Statt fertige Karrieren zu präsentieren, rücken Ausbildungsstätten, ihre Methoden und vor allem die Ideen ihrer Student*innen in den Mittelpunkt.

Vier Gruppen aus Karlsruhe, Potsdam, Luxemburg und Wien haben gemeinsam mit ihren Lehrenden Projekte speziell für das Festival entwickelt. Die Themen könnten dabei kaum unterschiedlicher sein: Es geht um Kuchen und kulturelle Erinnerung, um Mikroben und symbiotische Lebensformen, um regenerative Zukunftsszenarien und um die Frage, wie aus Geräuschen eine räumliche Gestaltung entstehen kann. Gemeinsam ist den Projekten der Versuch, Design nicht nur als Gestaltung von Dingen zu verstehen, sondern als Möglichkeit, Beziehungen, Systeme und Lebenswelten neu zu denken.

Hochschule für Gestaltung Karlsruhe: Was kann ein Kuchen erzählen?

Bei THERE WILL BE CAKE! beschäftigt sich der Produkt- und Kommunikationsdesign-Nachwuchs der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe mit etwas scheinbar Alltäglichem: dem Kuchen. Dahinter steckt jedoch eine viel größere Frage. Rezepte wandern über Generationen, Länder und Küchen und werden dadurch zu einer Form immateriellen Kulturerbes.

Die Student*innen verfolgen diese Transformation vom Rohstoff über Werkzeuge und Formen bis zum fertigen Kuchen. Entstanden sind Werkzeuge, Formen und Rituale rund um das Backen, die nicht nur funktional gedacht werden, sondern auch kulturelle Weitergabe sichtbar machen. Mit dabei sind Selina Decker, Kira Fuchs, Hannah Gebert, Emilia Goettert, Arthur Hanstein, Ellen Kayasu, Pauline Kuch, Silas Benedikt Mauch, Lauren Nightingale und Mariya Zorina. Das Projekt entstand im Rahmen einer Lehrveranstaltung von Anne-Sophie Oberkrome, Lisa Ertel von Studio Œ und Simon Gehring. Während der Ausstellung gibt es täglich ab 15.30 Uhr auch eine Kuchenverkostung.

Damit wird ein vertrautes Objekt zum Ausgangspunkt für eine Auseinandersetzung mit Erinnerung, Ritual und Gestaltung. Design steckt hier nicht nur in der Form des Backwerkzeugs, sondern auch in dem, was durch es weitergegeben wird.

© Hochschule für Gestaltung Karlsruhe

Fachhochschule Potsdam: Zusammenleben mit dem Nichtmenschlichen

Einen deutlich experimentelleren Weg schlägt MICROBIAL FUTURES der Fachhochschule Potsdam ein. Student*innen der interdisziplinären Gestaltungsgrundlagen beschäftigen sich mit Lebensformen, die im Alltag meist kaum wahrgenommen werden: Pilze, Flechten, Algen und Mikroorganismen.

Ausgangspunkt ist das Konzept des Holobionten, also eines Organismus, der als Gemeinschaft aus einem Wirt und zahlreichen Mikroorganismen verstanden wird. Die Student*innen übersetzen diese Idee in Zeichnungen, Typografie, Grafiken und Texte und entwickeln daraus eine raumgreifende Installation. Leben wird dabei nicht als Ansammlung voneinander getrennter Individuen betrachtet, sondern als Geflecht gegenseitiger Abhängigkeiten.

Beteiligt sind Alexander Berezovsky, Jette Wendt und Lilli Rose Martin. Das Projekt entstand in einem Kurs von Anna Rosinke, Susanne Stahl und Helga Schmid und wird im Rahmen der VIENNA DESIGN WEEK erstmals öffentlich präsentiert.

© Alexander Berezovsky, Jette Wendt, Lilli Rose Martin

Regenerative Design Lab Wien: Gestaltung für eine andere Zukunft

Das Regenerative Design Lab der Universität für angewandte Kunst Wien geht noch einen Schritt weiter und stellt die Rolle von Design selbst zur Diskussion. Unter der Leitung von Harald Gründl beschäftigt sich das Lab mit regenerativen Zukünften, neuen Rollen und der politischen Verantwortung von Gestaltung. Designtheorie und Designgeschichte treffen dabei auf konkrete Entwurfspraxis und experimentelle Forschung.

Für die VIENNA DESIGN WEEK entsteht unter anderem ein Kooperationsprojekt mit dem Weltmuseum Wien. Dabei werden Forschungsfragen und Ergebnisse einer Suche nach regenerativen Designstrategien in indigenen Gegenständen aus der Sammlung des Museums untersucht. Ein weiteres Element ist das Filmprojekt XS-2100, in dem interdisziplinäre Student*innen Kurzfilme entwickeln, die sich assoziativ mit dem Jahr 2100 sowie Begriffen wie „XS“, „access“ und „excess“ auseinandersetzen. Auch die KI-Installation Distilled Agents der Doktorandin Zhe Sun von der Tongji Universität gehört zum experimentellen Setting.

Das Lab macht damit sichtbar, dass sich die Designausbildung zunehmend mit Fragen beschäftigt, die weit über das klassische Produkt hinausreichen: Wie können Gestaltung und Forschung auf ökologische Veränderungen reagieren? Welche Verantwortung tragen Designer*innen? Und wie kann Design an Zukunftsszenarien arbeiten, ohne sie nur als abstrakte Visionen zu behandeln?

© khm Museumsverband, Weltmuseum Wien

Lycée des Arts et Métiers: Wenn Sound Form annimmt

Beim Projekt SOUND TAKES SHAPE HERE des Lycée des Arts et Métiers aus Luxemburg wird ein weiterer vertrauter Ausgangspunkt umgedreht. Sechs Student*innen arbeiten mit Geräuschen, die rund um die Festivalzentrale der VIENNA DESIGN WEEK aufgenommen werden. Diese Sounds bestimmen anschließend die Gestaltung eines Objekts – von seiner Form und seinem Rhythmus bis zu seiner Erscheinung.

Das Besondere daran: Die Besucherinnen bleiben nicht außenstehende Betrachterinnen. Sie können mit der mitgebrachten Struktur und unterschiedlichen Materialien selbst arbeiten und damit Einfluss auf das entstehende Objekt nehmen. Design wird so zu einem offenen Prozess, bei dem das Ergebnis nicht vollständig vorgegeben ist.

Entwickelt wurde das Projekt im Rahmen eines Produktdesign-Kurses von Gilles Gardula. Das Lycée des Arts et Métiers ist zugleich Teil des diesjährigen GAST-Auftritts Luxemburgs bei der VIENNA DESIGN WEEK. Präsentiert wird die Work-in-Progress-Installation von 2. bis 4. Oktober 2026 in der Festivalzentrale am Hietzinger Kai 101.

© Gilles Gardula

Die nächste Generation denkt Design weiter

Was die vier Debüt-Projekte verbindet, ist weniger eine gemeinsame Ästhetik als eine gemeinsame Offenheit. Die jungen Designer*innen beschäftigen sich mit Dingen, die bereits vorhanden sind , mit Rezepten, Mikroorganismen, Geräuschen, kulturellen Sammlungen oder möglichen Zukunftsszenarien und fragen, wie Gestaltung diese Beziehungen sichtbar oder erfahrbar machen kann.

Damit wird Debüt zu mehr als einer Nachwuchsschau. Das Format versteht sich als internationale Vernetzungsplattform und zugleich als Versuchslabor für aufstrebendes Design. Gerade im Jubiläumsjahr der VIENNA DESIGN WEEK ist dieser Blick nach vorn besonders interessant: Die Zukunft des Designs zeigt sich hier nicht in einem einheitlichen Stil, sondern in der Bereitschaft, vertraute Kategorien zu verlassen.

Die Projekte sind während der 20. VIENNA DESIGN WEEK von 25. September bis 4. Oktober 2026 zu sehen. Die Festivalzentrale befindet sich am Hietzinger Kai 101 in Wien. Der Eintritt zur Festivalzentrale ist frei.

Titelbild: Vermittlung | Bettina Willnauer © Anna Arnet, Vienna Design Week

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