
© Foto: Rafaela Proell
Ulrike C. Tscharres Motto: clean trifft Charakter
Clean darf es sein, kalt bitte nicht: Schauspielerin Ulrike C. Tscharre mag helle Räume, Naturmaterialien, warmes Licht und Möbel mit Geschichte. Warum ein Sofa für sie völlig unterschätzt wird, Bücher trotz Ausmistversuch bleiben durften und ein 30 Jahre alter Tisch gemeinsam mit einem großformatigen Gemälde zu ihren ganz persönlichen Lieblingsstücken gehört.
Wer wissen möchte, wie Ulrike C. Tscharre wohnt, sollte sich zunächst einmal sämtliche schrillen Farben aus dem Kopf schlagen. Die Schauspielerin mag es hell, reduziert und aufgeräumt. Puristisch, aber nicht steril. Denn so sehr sie klare Räume schätzt, so wichtig ist ihr, dass eine Wohnung etwas über die Menschen erzählt, die darin leben.
„Mich ziehen Räume an, wenn sie die Persönlichkeit der Person widerspiegeln“, sagt sie. Ob die Einrichtung teuer oder günstig ist, interessiert sie dabei herzlich wenig. Viel wichtiger sind Atmosphäre, Materialien und das Gefühl, das ein Raum vermittelt.
Zuhause braucht eine Tür nach draußen
Aufgewachsen ist Tscharre ländlich – barfuß und mit viel Natur rundherum. Später zog es sie in die Stadt, in die „große Welt“, wie sie sagt. Viele Jahre lebte sie urban, geblieben ist allerdings der Wunsch, die Tür öffnen und unmittelbar ins Freie treten zu können. Ein Balkon sollte es in der Stadt zumindest sein, noch lieber eine uneinsehbare Dachterrasse. Ideal wären Garten und Hof.
Zuhause ist für sie schließlich weit mehr als eine hübsche Adresse. Es ist Rückzugsort, Privatsphäre, Geborgenheit – „Höhle, feste Burg, sicherer Ort“. Und innerhalb dieser Burg gibt es einen Platz, der in Sachen Wichtigkeit ziemlich weit vorne liegt: das Sofa.
„Das Sofa ist der meistunterschätzte Ort in einer Wohnung“, findet Tscharre. Schließlich kann dieses Möbel erstaunlich viel: meditieren, entspannen, lesen, mit Freunden zusammensitzen oder ein Glas Wein trinken. Ihr eigenes ist groß, hell und gemütlich – und damit ziemlich genau das Gegenteil eines jener Sofas, auf denen man aus Designgründen lieber nicht sitzen möchte.

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Bücher gehen einfach nicht
Reduktion schön und gut, an einer Sache scheitert der Purismus allerdings zuverlässig: Büchern. Tscharre war schon als Kind eine begeisterte Leserin. Noch bevor sie zur Schule kam, konnte sie lesen, später lag regelmäßig ein Buch unter ihrem Kopfkissen, weil sie die Geschichten auch nachts nicht loslassen wollte.Vor ihrem letzten Umzug fasste sie trotzdem einen radikalen Plan: Die Bücher sollten weg. Verkaufen, verschenken, reduzieren. Marie Kondo hätte vermutlich anerkennend genickt. Es kam anders.
Tscharre brachte es schlicht und einfach nicht übers Herz. Heute steht im neuen Wohnzimmer wieder eine Bücherwand. Manchmal gewinnt eben nicht der Minimalismus, sondern die Literatur.
Überhaupt lebt sie mit einer Mischung aus Dingen, die sie schon lange begleiten, und solchen, die schlicht praktisch sind. Naturmaterialien spielen dabei eine große Rolle. Holz, Stein, Leinen, Wolle und Filz mag sie besonders. Dinge werden gerne angefasst, Holzböden am liebsten barfuß betreten. Sichtbeton? Bei Dreharbeiten in Apartments oder Hotels sehr gerne – dort schätzt sie dessen Ruhe und Nüchternheit. Für das eigene Zuhause wäre er ihr auf Dauer zu abweisend. Marmor schafft es ebenfalls nicht auf die persönliche Favoritenliste: als Statue gerne, zum Wohnen zu kühl.
Ein bisschen Orange muss sein
Eine kleine Überraschung liegt ausgerechnet unter ihrem Sofa. Dort befindet sich ein handgefertigter antiker Teppich aus Bulgarien – in Orange. Für jemanden, der farblich eigentlich lieber Zurückhaltung übt, beinahe ein kleiner Ausbruch.
Gefunden hat ihn die Regisseurin Valeska Grisebach, die in Bulgarien auf dem Land nach alten Teppichen sucht und sie nach Deutschland bringt und bei einem Pop Up verkauft. Besonders fasziniert die Schauspielerin, dass die Frauen, die diese Teppiche fertigten, eigene Zeichen und Symbole hineinwebten. Damit kommt nicht einfach ein Wohnaccessoire ins Haus, sondern gleich eine Geschichte dazu.
Und genau das scheint ohnehin das Entscheidende zu sein: Dinge dürfen bei ihr Spuren tragen.
Flohmärkte zählen zwar nicht unbedingt zu Tscharres Lieblingsbeschäftigungen, bei Vintage- und Antiquitätenläden in Dänemark oder Schweden wird sie hingegen neugierig. Und Frankreich ist überhaupt gefährliches Terrain. An Interiorgeschäften vorbeizugehen, ohne etwas mitzunehmen, fällt dort schwer. Besonders anfällig ist sie für zurückhaltend gemusterte Stoffe, Keramik, selbstgetöpferte Tassen, kleine Schüsseln, Geschirrtücher und schönes Leinen. Andere schmuggeln französischen Käse in den Koffer – Tscharre reist im Zweifel mit einer neuen Schüssel ab.


Ein Tisch für viele Leben
Eines ihrer beiden großen Lieblingsstücke begleitet sie bereits seit rund 30 Jahren: ein alter Tisch. Küchentisch war er schon, Schreibtisch ebenfalls, momentan steht er vor dem Fenster. Derzeit ohne Nutzen. Mehrfach wurde er gestrichen, seine Fugen mit Zinn ausgegossen. Die Oberfläche trägt sichtbar ihr Alter und genau dadurch hat das Stück einen unverwechselbaren Charakter bekommen.
Weggeben? Keine Option.
Spannend ist, dass dieser Tisch optisch eine Verbindung zu Tscharres zweitem Lieblingsstück eingeht. Vor rund 15 Jahren lernte sie einen Künstler aus Kalifornien kennen, der heute in Bayern lebt. Nach einem Besuch in seinem Atelier verliebte sie sich gleich in zwei seiner Arbeiten – und entschied sich schließlich für ein sehr großes Gemälde.
„Gold and Silver“ ist nicht gegenständlich, sondern lebt von Fläche und Struktur. Als das Bild bei ihr einzog, fühlte sich das beinahe so an, als würde ein weiterer Bewohner einziehen. Heute ist es aus ihren Lebensräumen nicht mehr wegzudenken. Und die gealterte Oberfläche des Tisches erinnert sie wiederum an die Struktur des Gemäldes. Zwei Stücke, völlig unabhängig voneinander entstanden – und doch gehören sie irgendwie schon zusammen.
Bitte warmes Licht - und keine Edelstahlküche
Mindestens genauso wichtig wie Möbel ist Tscharre das Licht. Große Deckenbeleuchtung hat schlechte Karten. Lieber verteilt sie mehrere einzelne, warme Lichtquellen im Raum und arbeitet mit indirekter Beleuchtung. Nur in der Küche darf es funktionaler und kühler werden.
Ein Designklassiker begleitet sie dabei gleich mehrfach: Drei PH5-Leuchten von Poul Henningsen besitzt sie, die an unterschiedlichen Orten zum Einsatz kommen. Eine Lampe, die für sie offenbar so unkompliziert funktioniert wie die perfekte Jeans: passt eigentlich immer.
Womit sie sich dagegen schwertut? Edelstahlküchen. Vor allem in luftigen Wohnungen erschließt sich ihr deren Reiz nicht so recht. Auch runde Tische findet sie zwar objektiv praktisch, möchte aber selbst keinen haben. Sie sitzt ohnehin am liebsten mit dem Rücken zur Wand – idealerweise gemütlich in einer Ecke.
Schön wohnen - aber bitte im echten Leben
Dass Tscharre sich intensiv für Interior interessiert, merkt man schnell. Sie liebt Designzeitschriften, weil sie darin völlig andere Wohnwelten entdecken kann. Auch bei Dreharbeiten genießt sie es, in fremde Häuser und Wohnungen zu kommen und für kurze Zeit einen Blick in andere Lebenswelten werfen zu dürfen.
Perfekt durchgestylte Räume von Interior Designern betrachtet sie allerdings fast wie einen Museumsbesuch: inspirierend, atmosphärisch, manchmal spektakulär – aber nicht zwingend geeignet für den eigenen Alltag. Denn dort muss das Leben schließlich noch Platz haben. Und außerdem wohnt Tscharre nicht alleine. Würde sie allein entscheiden, wäre vermutlich noch einiges cleaner. Ihr Mann sieht das etwas anders. Also wird verhandelt – und eine gesunde Mischung gefunden.
Trends nimmt sie durchaus wahr, allerdings eher in kleinen Dosen. Einen kompletten Wohnstil zu kopieren, interessiert sie nicht. Dafür begeistert sie zunehmend der Gedanke, vorhandenen Dingen ein zweites Leben zu geben. Sofas, die neu bezogen werden können, statt komplett ersetzt zu werden. Alte Werkbänke, die zu Waschtischen werden. Möbel, die ihre ursprüngliche Funktion verlieren und eine neue bekommen.
Vielleicht passt dazu auch eines ihrer eigenen Möbel besonders gut: Ein altes Metallbett wurde irgendwann zum Sofa und steht inzwischen als Gartensofa draußen. Vom Bett über die Couch bis in den Garten – nachhaltiger kann eine Möbelkarriere kaum verlaufen. Und so ist Tscharres Einrichtungsstil am Ende vielleicht gar nicht so puristisch, wie sie selbst zunächst behauptet.
Die beliebte österreichisch-deutsche Schauspielerin Ulrike C. Tscharre ist demnächst in den neuen Folgen der erfolgreichen Steirerkrimi-Reihe zu sehen.