Nahaufnahme der polnischen Produktdesignerin Maria Jeglińska in ihrem Studio vor Skizzen und Entwürfen an der Wand.

Maria Jeglinska © Foto: Kasia Bobula

Design & Interieur

Studio Visit: Maria Jeglińska

Maria Jeglińska arbeitet zwischen Möbel, Objekt, Raum und Recherche. In Warschau hat die Designerin dafür einen Ort gefunden, der selbst nie ganz abgeschlossen scheint. Ein Porträt über unterbrochene Kontinuitäten, genaues Beobachten und die Frage, wie wenig es braucht, um Raum zu schaffen.

Von Linda Pezzei

Die erste Verbindung zu Maria Jeglińska führt über PURO. Für die polnische Hotelgruppe entwarf sie 2024 den Kerzenhalter Fyr, einige Jahre zuvor entstand gemeinsam mit Røros Tweed eine Serie von Wolldecken. Es sind kleine Eingriffe in einen größeren räumlichen Zusammenhang – Dinge, diebenutzt werden, Atmosphäre mitbestimmen und trotzdem nicht im Vordergrund stehen.

Diese Herangehensweise begegnet einem in Jeglińskas Arbeit immer wieder. Seit 2012 führt sie in Warschau ihr Office for Design & Research. Nach dem Studium an der ECAL in Lausanne arbeitete sie unter anderem für Galerie kreo in Paris, Konstantin Grcic in München und Alexander Taylor in London. Heute reicht ihr Arbeitsfeld von Industrie- und Möbeldesign über Ausstellungen bis zu forschungsbasierten Projekten. Recherche ist dabei kein vorgeschalteter theoretischer Teil, sondern gehört zum Entwerfen selbst.

Den Kerzenhalter Fyr hat Maria Jeglińska für PURO entworfen.© Foto: Piotr Czyż

Eine Stadt ohne endgültige Gestalt

Warschau bildet dafür einen besonderen Hintergrund. Nicht, weil Jeglińska ihre Formensprache direkt aus der Stadt ableitet. Diesen Zusammenhang zieht sie selbst deutlich vorsichtiger. Entscheidender sei die Energie eines Ortes, der zerstört, wiederaufgebaut und nach Jahrzehnten des Sozialismus erneut grundlegend verändert wurde.

„Warschau ist eine Stadt im Wandel, nichts ist von Dauer“, sagt sie.

Das lässt sich hier beinahe an jeder Straßenecke beobachten. Selbst Wiederaufbau bedeutet in Warschau nicht zwangsläufig Rekonstruktion eines letztgültigen Zustands. Jeglińska verweist auf die Kathedrale der Altstadt, deren Nachkriegsfassung einer früheren gotischen Gestalt folgt, auf die von Bohdan Pniewski neu entworfenen Innenräume der Oper oder auf die bemalten Fassaden der Altstadt. Die Frage nach Geschichte führt damit immer auch zur Frage, welche Geschichte weitergeschrieben wird.

Eines ihrer prägnantesten Möbelstücke setzt genau dort an. Die 2014 entworfene Kollektion Little Black ist von den Warschauer Cafés inspiriert, die zwischen Mitte der 1950er- und Mitte der 1960er-Jahre entstanden. Metallmöbel gehörten zu dieser neuen öffentlichen Kaffeekultur; knappe Materialien und begrenzte Produktionsmöglichkeiten führten zu reduzierten Konstruktionen. Jeglińska versteht ihre Kollektion als Versuch, eine unterbrochene Entwicklung weiterzudenken – nicht nostalgisch, sondern mit Blick nach vorne. 2022 nahm das Vitra Design Museum den Sessel in seine permanente Sammlung auf.

Little Black ist mittlerweile Teil der permanenten Sammlung im Vitra Design Museum.© Foto: Turczynska for Culture PL

Hinsehen, anhalten, weitergehen

Auch Flaner, der 2024 für den polnischen Hersteller MDD entworfen wurde, beginnt mit einer Erinnerung. Jeglińska zeichnete zunächst aus dem Kopf, ohne bestehende Outdoor-Möbel zu recherchieren. Sie suchte nach einer Form, deren Funktion sofort lesbar ist und die dennoch eigenständig bleibt.

Der Name führt zurück in die Stadt: zum Flâneur, der ohne konkretes Ziel unterwegs ist und gerade deshalb genauer hinsieht. Die Stahlmöbel sind für Parks, Straßen und Außenräume gedacht, ihre Flächen werfen Schatten, die Formen bieten einen Ort zum kurzen Anhalten.

Beobachtung gehört zu Jeglińskas Arbeit ebenso wie das Zeichnen. Ihre Möbel lösen sich dabei immer wieder von einer eindeutig festgelegten Rolle. Portable Walls von 2019 können Wand, Podest, Möbel oder Hintergrund sein. Sie schaffen Kontext, statt ihn vorzugeben. Beim Sessel Arcowird die hohe, gebogene Rückenlehne zur räumlichen Grenze. Jeglińska spricht von Dingen als Erweiterungen unseres Körpers; Möbel werden zu Werkzeugen, mit denen wir uns einen Bereich aneignen.

Diese Nähe zur Architektur findet sich auch in jüngeren Arbeiten. CABANA, 2025 für das von Jeglińska mitbegründete Label GestGest entstanden, bezeichnet sie selbst als „small architecture“:einen handgefertigten Sessel aus massivem Ahorn, dessen Rücken Schutz gibt und dessen Konstruktion sichtbar bleibt. PORTARE wiederum verbindet Tisch und Schale zu einem leichten Begleiter, der genau dort eingesetzt wird, wo er gerade gebraucht wird.

Es sind keine Objekte, die einen Raum endgültig festlegen. Sie lassen Bewegung zu.

Darin liegt auch eine Verbindung zu Warschau, die sich nicht erzwingen lässt. Auf die Frage, wo Alt und Neu heute am spannendsten aufeinandertreffen, antwortet Jeglińska schlicht: „überall”. Um die Stadt zu verstehen, müsse man zunächst ihre historischen Bezugspunkte kennen. Anschließend würde sie Besucher nach Powiśle schicken, wo unterschiedliche Zeiten noch unmittelbar nebeneinanderstehen.

Arco, Portable Walls, CABANA, PORTARE und Flanerzeigen, wie Maria Jeglińska zwischen Objekt und Raum arbeitet – mal schützend und begrenzend, mal beweglich und offen für wechselnde Situationen.© Fotos: Robert Swierczynski, David Cleveland

Arco, Portable Walls, CABANA, PORTARE und Flanerzeigen, wie Maria Jeglińska zwischen Objekt und Raum arbeitet – mal schützend und begrenzend, mal beweglich und offen für wechselnde Situationen.© Fotos: Robert Swierczynski, David Cleveland

Arco, Portable Walls, CABANA, PORTARE und Flanerzeigen, wie Maria Jeglińska zwischen Objekt und Raum arbeitet – mal schützend und begrenzend, mal beweglich und offen für wechselnde Situationen.© Fotos: Robert Swierczynski, David Cleveland

„Warschau ist ein chaotisches Durcheinander. Aber genau das macht den besonderen Reiz der Stadt aus.“

Jeglińskas Arbeit versucht nicht, dieses Durcheinander zu ordnen. Sie schaut genau hin, greift Spuren auf und setzt sie in einen neuen Zusammenhang. Dass sie 2026 für die Bruno Mathsson Design Residency ausgewählt wurde, passt dazu: Einen Monat lang lebte und arbeitete sie in einem von Mathsson entworfenen Haus in Värnamo, um Architektur, Möbel, Materialien und regionale Produktion gemeinsam zu untersuchen. Auch hier stand zunächst das Beobachten im Mittelpunkt.

Warschau erklärt sich selten auf den ersten Blick. Maria Jeglińska offenbar auch nicht. Bei beiden lohnt es sich, etwas länger hinzusehen.

Spiel mit Maßstab, Transparenz und Gebrauch: VISAGE und Vase Man zeigen Maria Jeglińskas leichtere, fast zeichnerische Seite – Glasobjekte, die funktional bleiben und zugleich eine eigene Präsenz entwickeln.© Fotos: Robert Swierczynski, Claudia Zalla

Spiel mit Maßstab, Transparenz und Gebrauch: VISAGE und Vase Man zeigen Maria Jeglińskas leichtere, fast zeichnerische Seite – Glasobjekte, die funktional bleiben und zugleich eine eigene Präsenz entwickeln.© Fotos: Robert Swierczynski, Claudia Zalla

Marias Koordinaten

STAY - PURO Hotels

Ihre Adresse zum Übernachten in Warschau

EAT - Ale Wino

Lokale, saisonale Küche und eine sehr gute Weinauswahl.

DRINK - Bar Rascal

Im Sommer Garten, Kaffee und Frühstück; am Abend Naturwein.

SEE - Warsaw National Opera

Ein Ort, zu dem Jeglińska immer wieder zurückkehrt – auch wegen der von Bohdan Pniewski gestalteten Nachkriegsinterieurs.

SHOP - Chylak

Das Label ihrer Freundin Zofia Chylak steht für eine neue Generation polnischen Designs und präzise gearbeitetes Leder.

mariajeglinska.eu

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