Jesús Rafael Soto, Pénétrable BBL Jaune (1999; 2023 Edition). © Jesús Rafael Soto / ADAGP, Paris 2026. Courtesy Atelier Soto, Paris and Galerie Perrotin. Photo: George Darrell. Courtesy Serpentine.

Kunst & Kultur

Moiré in den Kensington Gardens

Wie viel braucht es, damit aus Fläche Raum wird? Jesús Rafael Sotos Pénétrable BBL Jaune gibt darauf eine ebenso einfache wie radikale Antwort. In den Londoner Kensington Gardens entsteht aus Tausenden gelben Strängen ein Raum ohne geschlossene Grenzen – ein Prinzip, das heute auch Architektur und Design neu beschäftigt.

Das Werk besteht aus einer weiß lackierten Stahlkonstruktion, von der 4.000 gelbe PVC-Stränge herabhängen. Mit einer Länge von zehn Metern, einer Breite von fünf Metern und einer Höhe von dreieinhalb Metern bildet es einen klar definierten Raum, der jedoch nicht auf Distanz betrachtet werden muss. Besucherinnen und Besucher können die Installation betreten und sich zwischen den flexiblen Strängen bewegen. Je nach Position verändern sich dabei die Überlagerungen der Linien und damit auch die Wahrnehmung der Arbeit. Die Serpentine beschreibt den entstehenden visuellen Effekt als Moiré.

Soto beschäftigte sich über Jahrzehnte mit der Frage, wie Bewegung und Wahrnehmung unser Verhältnis zum Raum bestimmen. Der 1923 in Ciudad Bolívar geborene Künstler zog 1950 nach Paris und wurde zu einer wichtigen Figur der kinetischen Kunst. In seinen Arbeiten setzte er unter anderem geometrische Formen, Linien und unterschiedliche Materialien ein, um optische Effekte zu erzeugen, die sich mit der Position der Betrachtenden verändern.

Jesús Rafael Soto, Pénétrable BBL Jaune (1999; 2023 Edition). © Jesús Rafael Soto / ADAGP, Paris 2026. Courtesy Atelier Soto, Paris and Galerie Perrotin. Photo: George Darrell. Courtesy Serpentine.

Die Werkgruppe der Pénétrables entwickelte Soto ab 1967. Ihr Prinzip erweitert die zuvor vor allem visuelle Auseinandersetzung mit Bewegung um eine körperliche Erfahrung: Die Betrachtenden stehen nicht mehr ausschließlich vor dem Kunstwerk, sondern bewegen sich durch dieses hindurch. Die Serpentine bezeichnet diese Arbeiten als einen Höhepunkt von Sotos Beschäftigung mit der Beziehung zwischen Mensch und Raum. Die Präsentation in den Kensington Gardens gibt diesem Ansatz einen besonderen Kontext. Anders als in einem geschlossenen Ausstellungsraum steht Pénétrable BBL Jaune unmittelbar in der Parklandschaft. Die gelben Stränge lassen ihre Umgebung je nach Perspektive durchscheinen oder verdecken sie teilweise. Dadurch verändert sich nicht nur die Wahrnehmung des Kunstwerks, sondern auch der Blick auf den Ort, an dem es steht.

Gerade im Zusammenhang mit der aktuellen Auseinandersetzung mit Außenräumen ist Sotos Arbeit deshalb bemerkenswert. Während Architektur und Design heute verstärkt darüber nachdenken, wie sich die Grenzen zwischen Innen und Außen öffnen lassen, basiert das Pénétrable auf einem verwandten räumlichen Prinzip: Ein Raum wird definiert, ohne vollständig abgeschlossen zu sein. Bei Soto ist diese Durchlässigkeit allerdings keine funktionale Frage, sondern Gegenstand der künstlerischen Erfahrung. So lässt sich die Installation auch jenseits ihres kunsthistorischen Kontextes lesen. Nicht als Skulptur, die lediglich im Freien aufgestellt wurde, sondern als Arbeit, deren Wirkung erst durch Raum, Bewegung und die Anwesenheit des Publikums entsteht.

Pénétrable BBL Jaune ist bis 25. Oktober 2026 bei der Serpentine in den Kensington Gardens in London zu sehen.

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