
© Foto: Mike Roelofs
KAZERNE – EIN OFFENES ATELIER
Ein Tag mit Annemoon Geurts in einem Haus, in dem Design nicht ausgestellt, sondern gelebt wird.
Kazerne ist kein Hotel im klassischen Sinn, kein Restaurant mit Designbezug, keine Galerie mit angeschlossener Bar. Am ehesten ist es ein Haus, in dem die Grenzen weich werden: zwischen Ausstellung und Alltag, Frühstück und Forschung, Zimmer und Installation oder Küche und Gespräch. Man geht am hellen Café ByDay vorbei, gelangt in den Hof und merkt schon dort, dass dieser Ort nicht auf eine einzige Funktion reduziert werden möchte. Hier blitzt eine Installation auf, dort eine Materialidee, rechts der Zugang zu den Zimmern, daneben Bar und Restaurant, weiter hinten im Gebäude Lounge, offene Küche und Galerie. Es gibt kein klares Davor und Danach. Eher ein fortlaufendes Sowohl-als-auch.

Kazerne beginnt schon vor der Tür und entfaltet sich nach innen weiter: vom historischen Backsteinbau in De Bergen über den abendlichen Innenhof bis zur Galerie wirddas Haus zu einem offenen Atelier, in dem Gastlichkeit, Ausstellung und Alltag ineinanderfließen.© Fotos: Kazerne

Kazerne beginnt schon vor der Tür und entfaltet sich nach innen weiter: vom historischen Backsteinbau in De Bergen über den abendlichen Innenhof bis zur Galerie wirddas Haus zu einem offenen Atelier, in dem Gastlichkeit, Ausstellung und Alltag ineinanderfließen.© Fotos: Kazerne
Diese besondere Logik des Ortes zieht mich schnell in ihren Bann. Annemoon Geurts, Designerin, Kuratorin und Gründerin der Kazerne, hat mit ihrem Partner Koen Rijnbeek kein Showcase gebaut, sondern ein System aus Räumen, Begegnungen und Zuständen. Ihr Weg führte über die Design Academy Eindhoven und das multidisziplinäre Studio Moon/en/co, doch ihre eigentliche Arbeit besteht heute weniger im Entwerfen einzelner Dinge als im Zusammenbringen von Menschen, Materialien, Fragen und Situationen. Kazerne ist deshalb vielleicht ihr eigentliches Studio: kein Raum mit Schreibtisch und Prototypenregal, sondern ein ganzes Haus als Arbeitsweise.
Die Geschichte beginnt während der Dutch Design Week. 2006 initiierten Geurts, Rijnbeek und Koch Edwin Severijn das Pop-up-Format Eat Drink Design: temporäre Abende, bei denen experimentelles Design, Ausstellung und Fine Dining zu einer räumlichen Erfahrung wurden. Daraus entstand mit den Jahren die Frage, warum diese Energienach neun Tagen wieder verschwinden sollte. 2014 öffnete die Kazerne dauerhaft mit Restaurant und Ausstellungshalle, 2019 kam das Hotel hinzu. Die DDW bleibt wichtig, aber in meinen Augen ist sie weniger Hauptfigur als Ursprung: ein Moment, der ein ganzjährig bespieltes Haus hervorgebracht hat.
Das Gebäude hilft dabei. Kazerne liegt in De Bergen, einem der angenehm kleinteiligen Viertel Eindhovens, und besteht aus mehreren historischen Schichten: einer ehemaligen Marechaussee-Kaserne von 1825, Stallungen, einem Kutschenhaus und einer späteren Industriehalle. Alte Ziegel,Stahl, Glas, Holzbalken und Gebrauchsspuren wurden nicht überdeckt, sondern in die neue Raumfolge eingeschrieben. Im Restaurant treffen leichte Textilien auf den industriellen Charakter des Bestands. Die Räume wirken nicht dekoriert, sondern bespielt. Man möchte stehen bleiben, schauen, Details aufnehmen, weitergehen und am besten zurückkommen und noch ein bisschen länger bleiben.
Beim Abendessen sitze ich mit Annemoon draußen an der Bar im Hof, ein Glas Wein in der Hand, während aus der Küche erste Kostproben neuer Gerichte kommen. Fine Dining im Sharing Style, aber ohne steife Geste. Die Küche arbeitet mit einer spielerischen Crossover-Haltung; man spürt, dass hier nicht nur serviert, sondern ausprobiert wird. Der offene Küchenbereich macht das besonders schön: Essen ist kein abgeschlossener Vorgang hinter einer Tür, sondern Teil des Hauses, seiner Geräusche, Bewegungen und Gastlichkeit.

Zwischen gedeckten Tischen, wechselnden Installationen und der offenen Küche entsteht ein Abend, der wie beiläufig inszeniert wirkt — Design, Kulinarik und Handwerk imselben Rhythmus. © Foto: Maria Paloma
Annemoon ist mitten in den Vorbereitungen für die nächste Design Week, die Galerie fordert Aufmerksamkeit, das Haus sowieso. Trotzdem nimmt sie sich Zeit. Die Führung wirkt nicht inszeniert, eher wie ein Gang durch vertraute Räume. Hier ein Projekt, dort ein Material, da ein Gespräch über Ressourcen, Zukunft, Ästhetik und Technik. In den Ausstellungen der Kazerne steckt selten nur eine formale Idee. Es geht um gesellschaftliche Fragen, um Produktionsweisen, biologische Prozesse, Kreisläufe und vor allem Verantwortung. Design wird hier nicht als Objekt verstanden, sondern als Werkzeug, um Zusammenhänge sichtbar zu machen. Ihr aktueller Fokus auf naturinklusives Design, Talentförderung und „design doing“ statt bloßem „design thinking“ fügt sich genau in diese Sichtweise.
Später, im Zimmer, fühlt sich all das trotz der physischen Nähe weit weg an. Ich übernachte in der Family Suite, großzügig, ruhig, angenehm unaufgeregt. Kein Design, das sich erklären müsste. Ichfühle mich umgeben von Gestaltung, die weiß, wann sie zurücktreten muss. Die Hotelzimmer der Kazerne sind individuell gestaltet, verbinden historische Spuren mit zeitgenössischem niederländischem Design und fühlen sich eher wie bewohnbare Ausstellungsräume an als wie klassische Hotelzimmer. Man versteht schnell, warum man wiederkommen möchte — nicht nur in die Stadt, sondern auch in ein anderes Zimmer, um eine andere Perspektive auf dasselbe Haus zu bekommen.

Erdige Versuchsanordnungen, textile Skulpturen und keramische Objekte erzählen von Ressourcen, Kreisläufen und der stillen Poesie des Machens — Design als Forschung, die sinnlich lesbar bleibt. © Fotos: Kazerne

Erdige Versuchsanordnungen, textile Skulpturen und keramische Objekte erzählen von Ressourcen, Kreisläufen und der stillen Poesie des Machens — Design als Forschung, die sinnlich lesbar bleibt. © Fotos: Kazerne
Am Morgen führt der Weg ins ByDay. Der von Daphna Laurens gestaltete Raum ist farbig, aber nicht schrill: Buttergelb, Mintblau, warme Töne, dazu verschiedene Sitzsituationen von der Lounge bis zum Board am Fenster. Einheimische kommen auf Kaffee und Croissant vorbei, manche augenscheinlich fast täglich. Man bestellt à la carte, sitzt zwischen Frühstück, Laptop, kurzem Gespräch und Stadtroutine. Auch das gehört zur Kazerne: Design verliert hier nicht an Bedeutung, weil es alltäglich wird. Im Gegenteil. Es wird zugänglicher.
Danach lohnt es sich, den Ort nicht sofort zu verlassen, sondern das Viertel zu durchstreifen. De Bergen fühlt sich anders an als Strijp-S oder Sectie-C: niedriger, älter, enger, mit kleinen Straßen, Cafés, Bars und Läden, durch die man sich treiben lassen kann. Van Moll, BeanBrothers, Lucifer Coffee Roasters, Bobby’s Bar, Vintage-Shops, NOVA, Residency for the People — vieles liegt nah genug beieinander, um ohne Plan loszugehen. Dazwischen tauchen neue Architekturen wie Nieuw Bergen auf und zeigen, dass sich auch dieser Teil der Stadt immer im Wandel befindet. Eindhoven erklärt sich selten über eine große Geste. Es erschließt sich im Wechsel der Maßstäbe.

Daphna Laurens übersetzen den historischen Ort für By Day in sanfte Farben, klare Linien und freundliche Übergänge — ein Raum für Kaffee, Frühstück und kurze Alltagsmomente.© Fotos: Ronald Smits

Daphna Laurens übersetzen den historischen Ort für By Day in sanfte Farben, klare Linien und freundliche Übergänge — ein Raum für Kaffee, Frühstück und kurze Alltagsmomente.© Fotos: Ronald Smits
Ich denke, Kazerne passt genau deshalb so gut hierher. Das Haus ist offen, aber nicht beliebig. Ambitioniert, aber nicht kühl. Durchdacht, aber nie abgeschlossen. Man spürt, dass es mit viel Herzblut entstanden ist und nicht aus der Idee, ein möglichst verwertbares Hospitality-Konzept zu bauen. Geld, sagt die Atmosphäre, stand hier nie an erster Stelle. Es ging um eine ganz andere Frage: Wie lässt sich Design so zeigen, dass Menschen nicht davorstehen, sondern mittendrin sind?
Ein Studio Visit also, nur ohne klassisches Studio. Oder besser: ein Studio, das sich über ein ganzes Haus erstreckt. Kazerne ist Labor, Galerie, Küche, Hotel, Treffpunkt und offenes Atelier zugleich. Ein Ort, an dem Design nicht für den Moment stillgestellt wird, sondern weiterarbeitet — am Tisch, im Hof, im Zimmer, beim Frühstück, im Gespräch. Genau deshalb erzählt dieser Ort so viel über Annemoon Geurts. Und über Eindhoven.