
Hotel-Design mit Geschichte
Wien kann Geschichte – aber zum Glück auch Gegenwart. Im Palais Coburg trifft spätklassizistische Grandezza auf zeitgenössisches Interior und ein neues Verständnis von Luxushotellerie.
Palais Coburg: Bitte nicht alles neu
Beim Reopening des Palais Coburg wurde nicht auf Komplettumbau, sondern auf Kontrast gesetzt – was bei einem Gebäude mit fast 200 Jahren Geschichte vermutlich auch die klügere Entscheidung ist. Das spätklassizistische Palais wurde zwischen 1840 und 1845 auf Teilen der ehemaligen Wiener Stadtmauer errichtet und diente dem Haus Sachsen-Coburg als repräsentativer Familiensitz. Der markante, von Säulen geprägte Mittelrisalit brachte ihm bei den Wienern schon früh den wenig majestätischen, dafür umso charmanteren Spitznamen „Spargelburg“ ein.
Nach der umfassenden Renovierung positioniert sich das Haus nun weniger als klassisches Luxushotel, sondern als Private Guesthouse mit lediglich 36 individuell gestalteten Suiten. Das Interior folgt dabei einem ziemlich sympathischen Prinzip: Nicht alles muss neu aussehen, nur weil es neu gemacht wurde. Historische Substanz, klassisches Parkett, hohe Türen, Wandgliederungen und großzügige Proportionen bleiben präsent, während skulpturale Sofas, reduzierte Beistelltische, moderne Leuchten und ruhige Textilien die Räume ins Heute holen. Alt und Neu dürfen dabei durchaus als solche erkennbar bleiben – ein moderner Sessel muss schließlich nicht so tun, als hätte schon Prinz Ferdinand darin Platz genommen.



Die Suiten verteilen sich auf die drei Stilwelten Royal, Klassik und Modern und tragen jeweils den Namen eines Mitglieds des Hauses Sachsen-Coburg und Gotha. Die vollständig neu gestalteten Signature Suiten zeigen die zeitgenössischste Handschrift, während sich die Gallery Suiten als Duplex über zwei Ebenen erstrecken. Separate Wohnbereiche, großzügige Sitzgruppen und teilweise private Außenflächen verstärken den Charakter einer Residenz. Das Ziel lautet weniger „Hotelzimmer“ und mehr Wohnen auf Zeit – Quiet Luxury, nur eben mit ordentlich Geschichte im Mauerwerk.
Besonders spannend wird das neue Konzept in den historischen Prunkräumen, die seit September erstmals dauerhaft gastronomisch genutzt werden. Zwischen Marmorsäulen, hohen Decken, Spiegeln und Kristalllustern ist ein All-Day-Casual-Dining-Restaurant entstanden. Zeitgenössische Möbel und kleinere Sitzgruppen nehmen den monumentalen Salons etwas von ihrer Distanz, ohne ihnen ihre Grandezza zu nehmen. Vom Brunch über Afternoon Tea und Bar Snacks bis zum Dinner werden Räume, die früher vor allem besonderen Anlässen vorbehalten waren, nun tatsächlich Teil des Alltags. Im Sommer geht es hinaus auf die Prunkterrasse. Vielleicht die schönste Form von Denkmalschutz: nicht nur anschauen, sondern benutzen.

Auch der Spa-Bereich spielt mit unterschiedlichen Raumwelten. Im dritten Obergeschoss liegt der lichtdurchflutete 36 Quadratmeter große Indoor-Pool mit Sauna, Dampfbad, Tauchbecken und Wintergarten sowie Zugang zur Sonnenterrasse über den Dächern Wiens. Das neue Gym befindet sich dagegen im Untergeschoss und öffnet sich direkt zum Palaisgarten. Und ganz unten wartet ohnehin noch ein Schatz: In sechs historischen Weinkellern lagern mehr als 60.000 Flaschen. Im Palais Coburg steckt Geschichte also nicht nur in gerahmten Bildern an der Wand – sondern buchstäblich vom Keller bis unters Dach.
© Fotos: Palais Coburg