
Während der Dutch Design Week wird Eindhoven selbst zum Ausstellungsraum: Im Stadtraum begegnen Besuchern Installationen, die nicht nur betrachtet, sondern entdeckt, betreten und befragt werden wollen — Design als Einladung zur Interaktion.
© Foto: Max Kneefel
Eindhoven öffnet seine Werkstätten: Wie die Dutch Design Week eine ganze Stadt zum Zukunftslabor macht
Einmal im Jahr verändert Eindhoven seinen gewohnten Pulsschlag. Dann wird die ohnehin lebendige Stadt noch durchlässiger, lebendiger, dynamischer und kreativer. Türen öffnen sich, die sonst geschlossen bleiben. Ateliers werden zu Ausstellungsräumen, ehemalige Industriegebäude mutieren zu Denkfabriken, Museen fungieren als Bühnen, Restaurants avancieren zu Treffpunktenund Plätze verwandeln sich in Versuchsanordnungen. Die Dutch Design Week ist keine Messe, die man in Hallen abarbeitet. Sie ist ein Zustand, der sich über die ganze Stadt legt.
Vom 17. bis 25. Oktober bringt die DDW unter dem Motto „R.A.W. – Rebel Authentic Worth” rund 2.500 Designer an etwa 100 Orten in Eindhoven zusammen. Im Mittelpunkt stehen nicht die fertigen Produkte, sondern das Rohe, Suchende, Ungeglättete: Prozesse, Materialien, gesellschaftliche Fragen, spekulative Szenarien, handwerkliche Versuche und Entwürfe für mögliche Zukunftsszenarien

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Gerade darin unterscheidet sich Eindhoven wohltuend von vielen anderen Designformaten. Während anderswo Neuheiten präsentiert werden, die bereits in Produktion, Vermarktung und Inszenierung gedacht sind, zeigt sich Gestaltung hier häufig noch im Werden. Man begegnet Prototypen, Materialstudien, sozialen Entwürfen, KI-Fragen, Food-Experimenten, Performances, Gesprächen und Arbeiten, die vielleicht noch nicht funktionieren, aber bereits etwas in Bewegung setzen.
Seit ihren Anfängen versteht sich die Dutch Design Week als Bottom-up-Plattform: sie ist bewusst keine zentral kuratierte Leistungsschau, dafür Infrastruktur für eine Design-Community, die ihre Themen, Projekte und Orte selbst einbringt. Aus einer von Absolventen der Design Academy Eindhoven initiierten Plattform hat sich eine internationale Woche entwickelt, deren Denkweise dennoch nah an dieser Ursprungsidee geblieben ist: Design kann überall stattfinden und soll in seiner ganzen Breite sichtbar werden.
Im Gespräch verweist das DDW-Team auf zwei Bewegungen, die sich in den diesjährigen Einreichungen besonders deutlich zeigen. Einerseits rückt kollektives Arbeiten stärker in den Vordergrund – Projekte, die nicht nur ein Ergebnis präsentieren, sondern auch ihre Verbindungen zu Forschung, Industrie, Materialströmen oder gesellschaftlichen Systemen offenlegen. Andererseits setzen sich viele Designer mit generativen und digitalen Prozessen auseinander, übersetzen diese aber wieder in physische Arbeiten. Auffällig ist auch die starke Präsenz von Product & Craft – vielleicht als bewusste Rückkehr zum Greifbaren in einer zunehmend digitalisierten Gestaltungskultur.

© Foto: Max Kneefel

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Wer zur DDW nach Eindhoven reist, sollte also nicht nach der einen großen Schau suchen. Besser ist es, quartierweise zu denken und sich Zeit für Umwege zu nehmen. Zu den Orten, die einen Besuch lohnen, gehören Strijp-S mit Klokgebouw und MU Hybrid Art House, Strijp T+R mit dem Kosmos rund um Piet Hein Eek, Sectie-C mit seinen Werkstätten, das Zentrum, der Canal District, Kazerne und das Van Abbemuseum sowie temporäre Installationen im öffentlichen Raum. So wird die Stadt für neun Tage zu einem Netzwerk aus Wegen, Gesprächen und überraschenden Abzweigungen.
Ein gutes Beispiel ist das MU Hybrid Art House auf Strijp-S. Während der DDW wird dort Everything Moist Seems Alive von MAISON the FAUX, Studio Boris Acket, MU und Dutch National Opera & Ballet gezeigt: eine performative Installation aus Wasser, Klang, Stimmen, Mode, Video und Szenografie. Bassins, Leitungen und gurgelnde Wasserspeier bilden ein System, in dem Wasser tatsächlich zirkuliert, tropft, sprüht und den Raum in Bewegung versetzt. Die Körper der Besucher erscheinen darin nicht als isolierte Einheiten, sondern als Teil eines größeren planetaren Wasserkreislaufs.
MU steht damit exemplarisch für eine Stärke der DDW: Design wird nicht als sauber abgegrenzte Disziplin präsentiert, sondern als Möglichkeit, Körper und Klima, Technologie und Mythos oder Material und Stimme miteinander in Beziehung zu setzen. Man betrachtet nicht nur eine Arbeit, sondern gerät in eine Situation. Ergänzt wird das Programm unter anderem durch Live-Performances während der DDW sowie durch Formate wie die Mycelium Bar und Workshops überKI.

Bei MU Hybrid Art House verdichtet sich die besondere Energie der Dutch Design Week auf engem Raum: Vor den ehemaligen Industriehallen trifft man auf Besucher, Gespräche und spontane Begegnungen, im Inneren auf Arbeiten wie Everything Moist Seems Alive, in denen Wasser, Objekt und Inszenierung zu einer eigenwilligen, beinahe lebendigen Versuchsanordnung werden.
© Foto: Max Kneefel, MU HYBRID ART HOUSE
Eine gastlichere Form dieser Durchlässigkeit findet sich bei Kazerne. Der Ort ist eng mit der Geschichte der Dutch Design Week verbunden: 2006 organisierten Annemoon Geurts und Koen Rijnbeek während der DDW erstmals „Eat Drink Design”, ein temporäres Restaurant, in dem die Gäste zwischen, auf und mit Designobjekten aßen. Aus dem Pop-up entstand die Frage, warum Eindhoven experimentelles Design nur eine Woche im Jahr in dieser Intensität erleben sollte – daraus resultierte schließlich die Idee eines permanenten Hauses für Ausstellung, Begegnung und Gastronomie.
2014 eröffneten Geurts und Rijnbeek Kazerne in einer ehemaligen Militärpolizeikaserne und dem angrenzenden Lagerhaus der städtischen Reinigung. 2019 kamen Hotelzimmer hinzu. Heute verbinden sich hier Ausstellung, Restaurant, Bar, Hotel, Innenhof und Veranstaltungsräume. Kazerne ist damit nicht nur ein Programmpunkt der DDW, sondern eine ihrer Ideen in dauerhaft gebaute Form übersetzt. Hospitality wird hier nicht zur Pause vom Programm, sondern ist Teil davon.
Während der DDW wird Kazerne erneut zu einem eigenen Mikrokosmos innerhalb des Festivals. Unter dem Titel „Embodied Energy, Vibrant Relations” werden Arbeiten von mehr als 50 aufstrebenden und etablierten Designern, Herstellern und Labels präsentiert. Im Mittelpunkt stehtdas Objekt nicht als isoliertes Endprodukt, sondern als vorübergehender Zustand innerhalb einer längeren Kette: Rohstoffe, Energie, Arbeit und natürliche Prozesse verdichten sich zu einer Form, die zugleichSpuren dessen trägt, was vorausging, undMöglichkeiten dessen, was daraus noch werdenkann. Einige der Beteiligten arbeiten mit Bakterien,Algen oder menschlichem Haar, andere entwerfenfür Insekten oder untersuchen, welche SpurenProdukte nach ihrer Nutzung hinterlassen.

Kazerne macht Design während der Dutch Design Week zur räumlichen Erfahrung: Zwischen Flachs als Materialgeschichte, schwebenden Objekten und fein austarierten Klangkörpern zeigt sich Gestaltung als Beziehung aus Herkunft, Handwerk, Energie und Atmosphäre.
© Foto: Elisabeth Teje Duis, Ruud Balk
Auch Sectie-C ist ein wichtiger Teil der Stadtgeschichte. In den ehemaligen Industriehallen arbeiten Designer, Künstler, Handwerker und kreative Unternehmer. Während der DDW öffnen sich solche Orte besonders eindrücklich, weil Gestaltung dort sichtbar wird, wo sie entsteht: in Werkstätten, Hallen, Höfen, Durchgängen, auf improvisierten Ausstellungsflächen und in gemeinsamen Räumen. Hier ist Design weniger Objekt als Infrastruktur – abhängig von Quadratmetern, Nachbarschaft, Mieten, Zufällen und davon, wie viel Raum eine Stadt ihren Kreativen lässt.
Das macht die Dutch Design Week so einzigartig. Sie ist groß, aber nicht glatt. International, aber stark lokal verankert. Professionell organisiert, aber nicht völlig gezähmt. Man kann sich am offiziellen Programm orientieren, das sogar empfehlenswert ist. Doch die eigentlichen Momente entstehen oft dazwischen: bei einem Gespräch im Atelier, beim Drink nach einer Ausstellung, bei einer Performance, die in eine Bar übergeht, oder bei einem Materialtest, der noch nicht erklärt werden will.
Eindhoven war und ist eine Stadt der Produktion. Doch während der Dutch Design Week wird der Begriff weiter gefasst: Es werden nicht nur Objekte produziert, sondern auch Materialien, Szenarien, Beziehungen und mögliche Zukünfte. Philips hat seine Spuren hinterlassen, die Design Academy zieht Menschen aus aller Welt an und Hightech und Handwerk liegen nah beieinander. Einmal im Jahr macht die DDW sichtbar, wie viel Energie in dieser Mischung steckt. Wer sich für unsere gestaltete Zukunft interessiert, findet hier keine fertigen Antworten, aber viele sehr gute Fragen. Genau deshalb lohnt sich die Reise.
DESIGN DELUXE DISCOVERIES
STAY
KAZERNE
Design, Kunst, Kulinarik und Hotel verschränken sich hier zu einem lebendigen Haus, in dem man Eindhoven nicht nur besucht, sondern bewohnt. kazerne.org
PIET HEIN EEK
Übernachten im Kosmos eines Gestalters: Werkstatt, Showroom, Restaurant und Hotel liegen hier so nah beieinander, dass Design zum Alltag wird. hotelpietheineek.nl/en/home/
HOTEL MARIENHAGE
Ein ehemaliges Kloster als ruhiger Rückzugsort im Zentrum, zwischen historischen Mauern, zeitgenössischem Komfort und viel Atmosphäre.marienhage.com/de
EAT & DRINK
NOVA
Eine Kitchen Bar mit offener Küche, zurückhaltendem Interior und einer Gastlichkeit, die eher aus Klarheit als aus Inszenierung entsteht. nova-eindhoven.nl
FRANK
Ein lokaler Favorit in Woensel-West, persönlich geführt und mit jener ungezwungenen Art, die Eindhovens Gastronomie so angenehm macht. frankwoenselwest.nl
FIFTH NRE
Restaurant, Bar und Bühne in einem ehemaligen Industrieareal, wo Abendessen, Musik und Stadtraum selbstverständlich zusammenfinden. fifthnre.com
EXPLORE
VAN ABBEMUSEUM
Zeitgenössische Kunst am Wasser, mit einer Sammlung und Haltung, die Eindhoven über Öffentlichkeit, Experiment und gesellschaftliche Fragen erzählt.vanabbemuseum.nl/en
MU HYBRID ART HOUSE
Ein Ort für Crossover-Kunst, digitale Kultur und neue Erzählformen — experimentell, direkt und nah an den Fragen der Gegenwart. mu.nl
KEVN
Galerie, Bar und Treffpunkt zugleich: ein heller Ort für wechselnde Ausstellungen, Gespräche und die lokale Kunstszene. keldermanenvannoort.nl
BEST WAY TO GET AROUND
Mit dem Fahrrad. Und ausnahmsweise ist das hier mal echt entspannt.
Save the Date:17.–25. Oktober 2026. ddw.nl/en