
Die SG6 von Siematic verbindet sanfte Rundungen mit klarer Architektur und lässt funktionale Bereiche elegant hinter geschlossenen Fronten verschwinden. © Foto: Siematic
Ein Raum voller Geheimnisse
Skulpturale Inseln, edle Materialien, nahezu unsichtbare Technik und Essbereiche mit eigener gestalterischer Präsenz prägen die neue Küchenarchitektur. Der Wow-Effekt entsteht im präzisen Zusammenspiel von Design, Funktion und Atmosphäre. Dann verschmelzen Kochen und Dining zu fließenden Raumlandschaften.
Die Insel will gesehen werden. Der Rest möglichst nicht. Je skulpturaler die Küche auftritt, desto diskreter arbeitet sie. Ein monolithischer Block aus massivem Naturstein oder metallischen Werkstoffen steht heute mit der Selbstverständlichkeit eines Solitärmöbels im Raum. Rundungen, Fugen, Licht und Material werden bis ins Detail inszeniert. Gleichzeitig verschwinden Backofen, Vorräte, Kaffeemaschine und selbst ganze Arbeitszonen hinter präzise geplanten Fronten. Die spannendsten neuen Küchen leben genau von diesem Widerspruch.
Wie konsequent daraus Raumarchitektur wird, zeigte Siematic bei der Milan Design Week 2026. Die SG6 tritt in „ferro“ auf, einem metallisch schimmernden Laminat, kombiniert mit einer nur sechs Millimeter starken Arbeits platte aus warmgewalztem Edelstahl. Sie folgt den weichen Radien der Insel und nimmt die Spüle nahtlos auf. Offene Module, geschlossene Elemente und das Paneelwandsystem lösen zugleich die vertraute Trennung zwischen Küche und angrenzendem Wohnen auf. „Was für viele Menschen das Herzstück ihres Zuhauses ist, stand schon immer im Mittelpunkt unseres Unternehmens. Küchen als Räume für Kreativi tät, offen für Freunde und Familie, für neue Begegnungen und frische Ideen“, sagt Jörg Overlack, Leitung Marken- und Unternehmens kommunikation bei Siematic.
Individualität - in Stein gemeisselt
Der eigentliche Luxus solcher Inseln liegt zunehmend in dem, was sich nicht reproduzieren lässt. Naturstein bringt diese Individualität gleich mit, das Unikat liefert die Geologie sozusagen frei Haus. Bei stone4you stehen vor allem Granite und Quarzite im Fokus, verarbeitet als massive Arbeitsflächen mit flächenbündigen Kochfeldern, integrierten Spülen und fein abgestimmten Oberflächen. „Beim Kochen trifft Emotion auf Handwerk. Genau dieses Zusammenspiel verkörpert Naturstein perfekt“, so CEO Georg Leeb.
Auch Breitwieser fertigt ganze Kochinseln samt Naturstein-Oberfläche und integriertem Steintrog nach Maß. Eggersmann wiederum lässt beim Konzept Skywalk massive Insel elemente aus Naturstein und Metall scheinbar schweben. Granit White Tiger trifft auf bron ziertes Messing, ein zentrales Element sorgt für die nötige Stabilität und nimmt zugleich die Installationen auf.

Für Skywalk verbindet Eggersmann White-Tiger-Granit mit bronziertem Messing zu einer scheinbar schwebenden Kücheninsel. ©Foto: Eggersmann

Bei next125 trifft eine monolithische Kücheninsel in Marmor Umbra auf eine ruhig strukturierte Eichen schrankwand in elegantem Kastanienbraun. © Foto: Eggersmann
Showtime für Wechselspiele
Wie weit Materialforschung inzwischen Teil des Küchendesigns geworden ist, demons triert Valcucine mit Crafting Forward. Bei Artematica wird eine Insel mit Guatemala Green Honed Marble verkleidet, Vitrum Arte kombiniert Glas mit Metall- und Holzeinlagen, Genius Loci arbeitet mit Breccia Imperiale und handwerklich gefertigten Marble Cubes Aurora. Die operative Zone von Logica Celata kann dagegen vollständig verschwinden. Übrig bleibt ein ruhiger Körper, der sich erst bei Bedarf als Küche zu erkennen gibt.
Dieses Wechselspiel von Präsenz und Zurück haltung prägt auch die Neuheiten von next125, der internationalen Premiummarke aus dem Hause Schüller. Das Lichtsystem LumiQ verbindet Arbeits- und atmosphärisches Raum licht in einem durchgängigen System, dimmbar, mit variablen Lichtfarben und steuerbar über Taster, Fernbedienung, App oder Smart Home. Morgens kann die Küche präzise ausgeleuchtet werden, abends tritt ihre technische Anmutung zurück. Eine neue Korpustiefe von 61 Zentime tern schafft mehr Arbeitsfläche und Stauraum, „Integration Optimized“ reduziert Fugen rund um Einbaugeräte, Woodbox-Zargen holen Holz bis ins Schrankinnere.

Idea verbindet Glasästhetik, matte Tiefenwirkung, Transparenz, Glanz, Opazität – und die neue Essenza-Armatur von Gessi.© Foto: Idea

Maßgefertigte Kücheninseln von stone4you zeigen Naturstein als funktionales Gestaltungselement. © Foto: Eggersmann

Wohnliche Küchenarchitektur von Leicht trifft auf elegant integrierte Geräte von Gaggenau. © Foto: Leicht
Fast beiläufig weist ein weiteres next125-Element schon Richtung Essbereich: Der neue tropfenförmige Ansatztisch lässt sich mittig oder seitlich an der Insel platzieren und in unterschiedlichen Winkeln in den Raum drehen. Seine Oberfläche Lavatech besteht aus Fein steinzeug und recyceltem Glas und wird glän zend in Corallo oder Asparago glasiert. Das weiterentwickelte Pocketsystem beherrscht dagegen den wohl elegantesten Aufräumtrick der Küche: Arbeitsplatte, Geräte und Kleinteile verschwinden hinter Türen, die geschlossen wieder Teil einer ruhigen Front werden.
Auch Leicht setzt auf Oberflächen, die weniger spiegeln und stärker über Tiefe und Berührung wirken. Meturo und Idea sind seidenmatt und opak, beim Rahmenprogramm Wakuu genügtein nur zehn Millimeter schmaler umlaufender Rahmen, um Fronten aus Echtholz oder Lack präzise zu gliedern. Küchen Ullrich schließlich setzt dort an, wo Seriensysteme aufhören: Individuelle Anfertigungen, Griffmulden, Sen soröffnungen und die Koordination angrenzen der Gewerke zeigen, dass High-End-Küchen mindestens so sehr Planungsleistung wie Produkt sind.
Das Houdini-Prinzip
Das gilt erst recht für die Geräte. Der welt berühmte Zauberkünstler Harry Houdini hätte daran vermutlich seine Freude: Ausgerechnet die leistungsfähigste Küchentechnik perfek tioniert derzeit die Kunst des Verschwindens. Gaggenau beantwortet die Frage nach ihrer (Un-)Sichtbarkeit mit zwei gegensätzlichen Designlinien. Die Serie Expressive zeigt Alu minium, Edelstahl, Rauchglas, abgeschrägte Kanten und ein Passepartout mit scheinbar schwebendem Bedienring. Die Serie Minima listic nimmt fast alles zurück. Zwei lineare Lüftungsprofile und derselbe aus massivem Edelstahl gefräste Ring bleiben als haptische Das gilt erst recht für die Geräte. Der welt berühmte Zauberkünstler Harry Houdini hätte daran vermutlich seine Freude: Ausgerechnet die leistungsfähigste Küchentechnik perfek tioniert derzeit die Kunst des Verschwindens. Gaggenau beantwortet die Frage nach ihrer (Un-)Sichtbarkeit mit zwei gegensätzlichen Designlinien. Die Serie Expressive zeigt Alu minium, Edelstahl, Rauchglas, abgeschrägte Kanten und ein Passepartout mit scheinbar schwebendem Bedienring. Die Serie Minima listic nimmt fast alles zurück. Zwei lineare Lüftungsprofile und derselbe aus massivem Edelstahl gefräste Ring bleiben als haptische Elemente, das Display liegt hinter Rauchglas, bis es gebraucht wird. „Bei dieser Serie haben wir auf alles Überflüssige verzichtet. Was bleibt, sind eine bewusste Geometrie und eine starke architektonische Präsenz. Die Geräte konkurrieren nicht mit der Küche – sie werden Teil von ihr“, sagt Gaggenau Industrial Designer Alexander Stuhler.
Backöfen arbeiten mit Temperaturen bis 300 Grad, Kerntemperaturfühlern und Auto matikprogrammen, Dampfbacköfen steuern Feuchtigkeit, Hitze und Grill präzise. Bei den neuen Vario Kältegeräten der Serie Expres sive sorgen grifflose Türen, flächenbündige Oberflächen und blendfreies Licht für visuelle Ruhe. Funktional noch weiter gehen die neuen Weinklimaschränke: Automatische sensorba sierte Temperierprogramme mit Infrarottechnik bringen Weine gezielt auf ihre Servier- bzw. Trinktemperatur.
Parallel dazu hat sich der Wasserplatz zur kompakten Technikzentrale entwickelt. Quoo ker bündelt beim Flex oder Fusion in Verbin dung mit dem Cube warmes, kaltes und sogar 100 Grad kochendes sowie gekühltes stilles und sprudelndes Wasser in einer Armatur; der Flex ergänzt einen ausziehbaren Schlauch.
Blanco denkt Becken, Armatur, Wasserauf bereitung und Organisation als System. Die 2026 mehrfach ausgezeichnete Kombination Luneoo/Oovalon verbindet eine skulpturale Armatur mit frei platzierbarem Steuerknopf und Magnethalterung mit einem ovalen Becken aus Velgranit. „Mit dieser Unit bringen wir eine neue gestalterische Qualität an den Wasser platz“, sagt Marcel Moritz, Global Head of De sign & Innovation. Gessi ergänzt das Feld mit der kürzlich präsentierten Essenza, die kaltes, zimmerwarmes, 100 Grad heißes und sprudeln des Wasser aus einem System liefert und auch mit ausziehbarem Auslauf erhältlich ist.

Die Vario Weinklimaschränke der Serie Expressive von Gaggenau temperieren edle Tropfen – und setzen sie in Szene. © Foto: Gaggenau

Mit Luneoo und Oovalon verbindet Blanco eine skulpturale Armatur mit einer ovalen Velgranit-Spüle. © Foto: Blanco

Quooker liefert kochendes, gekühltes und sprudelndes Wasser direkt aus der Armatur. © Foto: Noort Je Knulst
Stil nimmt Platz
Spätestens am Rand der Insel zeigt sich, dass Küchenplanung nicht an der Küchenzeile endet. Wo früher ein improvisierter Hocker genügte, verlangt der offene Raum nach einem Sitzmöbel mit demselben gestalterischen Anspruch. Freifrau bietet Sebastian Herkners Theia des halb in drei abgestuften Höhen an, als Kitchen, Counter und Bar Armchair. So wird die Insel zu einem stilvollen Bindeglied zum Dining Bereich. Dort übernimmt der Tisch die Hauptrolle. Und auch er tritt derzeit deutlich skulpturaler auf. Massivholz mit ausgeprägter Maserung trifft auf Marmor, Glas oder Keramik, weiche Konturen auf markante Sockel und hand werklich ausgearbeitete Details. Aktuelle Entwürfe behandeln den Esstisch weniger als neutralen Funktionsträger denn als architek tonische Präsenz im Raum. Zugleich werden die Ensembles wohnlicher: Gepolsterte Stühle, Bänke und sogar hybride Dining Sofas lassen die Grenzen zwischen Ess- und Wohnbereich weiter verschwimmen.
Bei aller gestalterischen Ambition bleibt der Essplatz allerdings vor allem eines: ein Ort für Gesellschaft. Und da hat sich auch bei den Tischmanieren einiges getan. „Beim Essen spricht man nicht“ sei eine „in die Zeit gekommene Erziehungsfloskel“, sagt Jens Lewe, Geschäftsführer von KFF. „Genau das Gegenteil ist zum Glück heute der Fall. Der Essplatz ist die kommunikative Insel und damit der wahrscheinlich wichtigste Ort im Haus.“ Für ihn ge hören bester Komfort sowie gestalterische und funktionale Langlebigkeit zu den Grundanfor derungen hochwertiger Möbel. KFF setzt etwa bei Lunar auf eine flexible, stabile Rückenlehne aus Formvlies sowie auf ein loses Rückenkis sen. Lewe nennt den Essplatz außerdem den Bereich mit der höchsten „Öffnungsquote“ für Gäste und damit eine Visitenkarte des persönlichen Geschmacks.
Dass langes Sitzen längst Teil der Produktidee ist, zeigen auch die Bielefelder Werkstätten. Lucie Koldovas Nimbo Dining verbindet eine großzügig gepolsterte Sitzfläche mit sanft um schließender Rückenlehne und ist ausdrücklich für längeres Verweilen am Tisch konzipiert. Und last, but not least interpretiert Minotti den Essbereich aktuell mit Hannes Peers Elyne Di ning, einer filigranen Sitzmöbelserie zwischen schlanker Linie und weichen Volumina, sowie Marcio Kogans (Studio MK27) Bézier Dining Table, dessen geschwungene Geometrie skulp turale Präsenz entwickelt.
Die eigentliche Raffinesse zeigt sich am Ende dort, wo Komplexität keine Spuren hinterlässt. Wege, Technik, Licht und Möbel greifen so präzise ineinander, dass alles mühelos wirkt. Sichtbar bleibt nur, was gesehen werden soll.

Bei Minotti trifft der Esstisch Blaine auf die eleganten Stühle Elyne Dining – beides von Hannes Peer. © Foto: Minotti

Der Stuhl Lunar von KFF verbindet eine flexible Rückenlehne mit lässigem Sitzkomfort. © Foto: KFF

Mit Montera bringt Poltrona Frau italienische Eleganz an Bar und Küchentresen. © Foto: Poltrona Frau