Minimalistisches Hotelzimmer im PURO Hotel Warschau Stare Miasto mit einem Hans Wegner CH25 Sessel, hellem Design-Sofa und großem Fenster mit Blick auf historische Gebäude in Warschau.
Life & Style

Ein Haus in der Stadt

PURO hat in Polen einen Hotelkosmos geschaffen, der sich weniger über einen wiederkehrenden Look als über eine Philosophie erkennen lässt. Design, Kunst, Essen und Gastlichkeit greifen ineinander und die Stadt ist immer Teil der Geschichte. In Warschau lässt sich besonders gut nachvollziehen, wie das funktioniert. Nun beginnen mit Budapest und Prag die nächsten Kapitel.

Von Linda Pezzei

Im PURO bleibt man leicht länger als geplant in der Lobby sitzen. Nicht, weil dort das große Spektakel wartet. Eher, weil es sich anfühlt wie bei guten Freunden im Wohnzimmer. Einem sehr schicken Wohnzimmer wohlgemerkt. Hier ein Sessel für den Kaffee am Morgen, da ein Tisch zum Arbeiten, dort eine Ecke, in die man sich zurückziehen kann; Kunst, die erst auf den zweiten Blick auffällt, und dazwischen Menschen, die nicht zwangsläufig Hotelgäste sind. Die Grenze zwischen unterwegs und angekommen sein wird angenehm unscharf.

Nach ein paar Tagen entsteht tatsächlich etwas, das einem zweiten Zuhause nahekommt. Eine kleine, gut gestaltete Bubble innerhalb der Stadt – geschützt genug, um sich zurückzuziehen, offen genug, um den Kontakt nach draußen nicht zu verlieren.

Genau darauf zielt PURO. Der norwegische Hotelier Rune Askevold, Co-Founder und CEO der Gruppe, wollte von Beginn an Häuser schaffen, die fest in ihrer jeweiligen Stadt verankert sind und zugleich Komfort, Service und gestalterische Qualität eines zeitgenössischen Hotels bieten. Das erste PURO eröffnete 2011 in Wrocław; inzwischen gehören acht Häuser in sechs polnischen Städten zur Gruppe. Für Askevold sollte ein Hotel schon damals mehr sein als eine Unterkunft: „Es soll ein Zugang zur Stadt sein und Gäste mit ihrer Kultur, ihren Menschen, ihrer Gastronomie und ihrer kreativen Szene verbinden.“

Seine norwegische Herkunft spielt dabei eine Rolle. Askevold wuchs mit skandinavischem Design auf und beschreibt diese Prägung weniger als Stil denn als Verständnis von Qualität: natürliche Materialien, gutes Handwerk, Ruhe, Wärme, Dinge, die lange funktionieren. Nach Polen sollte daraus nie eine exportierte Version von Kopenhagen gelangen. Interessant wird PURO dort, wo diese nordische Haltung auf den jeweiligen Ort trifft.

Zwei Häuser, zwei Warschaus

Warschau besitzt mittlerweile zwei PURO-Häuser – und gerade der Vergleich zeigt, wie wenig die Marke an einer formalen Schablone interessiert ist.

Das PURO Warsaw Downtown liegt seit 2019 an der Widok Street, mitten in einem Stück Stadt, in dem sich Warschaus verschiedene Zeitschichten unmittelbar begegnen. JEMS Architekci setzten einen hellen, klar gegliederten Bau in die bestehende Straßenstruktur. Im Erdgeschoss öffnet sich die Fassade großflächig zum Stadtraum; Lobby, Restaurant und Bar werden von außen sichtbar. Die Innenräume stammen von DeSallesFlint, oben blickt die Bar Loreta über Dächer und Hochhäuser bis zum Kulturpalast.

Das Haus ist urbaner, lebhafter, stellenweise spielerischer. Möbel unterschiedlicher Handschrift stehen selbstverständlich nebeneinander, Muster und Farben tauchen auf, ohne den Raum zu dominieren. Auch die Kunst trägt dazu bei. Werke von Maurycy Gomulicki, Tomasz Kowalski oder Nicolas Grospierre sind Teil des Hauses; Maria Jeglińskas Butterfly Vase gehört ebenfalls zur Sammlung.

Nur wenige Jahre später zeigt sich beim PURO Warsaw Old Town eine andere Tonlage. Das 2025 eröffnete Haus an der Canaletta Street liegt nahe dem Teatr Wielki, der Nationaloper und der rekonstruierten Altstadt. Die Architektur stammt von Kikowski Architekci, die Innenräume entwickelte das Kopenhagener Studio GamFratesi. Dessen Ausgangspunkt war bemerkenswert unhotelhaft: Das Erdgeschoss sollte sich eher wie eine große Wohnung oder Villa anfühlen als wie eine klassische Lobby. Kleine Räume gehen ineinander über, auf intimere Zonen folgen gemeinschaftliche Bereiche. Man bewegt sich durch das Haus, statt eine große Halle zu durchqueren.

Darin liegt ein wesentlicher Teil der PURO-Qualität. Wohnlichkeit wird nicht über ein paar Bücher und Kissen behauptet. Sie entsteht über Maßstab, Licht, Materialien, Möblierung und die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wie man einen Raum gerade nutzen möchte. GamFratesi kombinieren zeitgenössische Entwürfe mit Vintage-Stücken und handwerklich gefertigten Elementen. Nichts soll wie ein Möbelkatalog wirken. Die Räume dürfen altern und sich durch ihre Nutzung verändern.

Dazu gehören ein Restaurant und Café, eine Bäckerei und die Weinbar MUND, ein Patio und die Rooftop Bar. Essen und Trinken sind damit nicht als Zusatzangebot für Übernachtungsgäste gedacht, sondern Teil des Hauses. Das entspricht Askevolds vielleicht wichtigstem Maßstab für ein gelungenes PURO: In Restaurant, Café oder Bar sollen sich Menschen aus der Stadt und Reisende selbstverständlich begegnen. Erst dann wird das Hotel tatsächlich Teil seines Umfelds.

Kunst, die zum Ort gehört

Auch die Kunstsammlung funktioniert nach diesem Prinzip. Seit 2016 baut PURO eine eigene Art Collection auf. Die Werke werden für den jeweiligen Standort ausgewählt und hängen nicht ausschließlich in repräsentativen Bereichen, sondern auch in Fluren und Zimmern. Dazu kommen Art Walks, Gespräche und Kooperationen mit der lokalen Szene. Kunst wird damit nicht nur zur Ausstattung, sondern allen voran zu einer weiteren Möglichkeit, dem Ort nahe zu kommen.

Im Warsaw Old Town beginnt die kuratorische Geschichte gleich vor der Tür. Die Nähe zur Oper und zum Nationaltheater gab Themen wie Bühne, Kulisse, Beobachtung und den Blick hinter die sichtbaren Räume vor. Cyryl Polaczeks Reader empfängt die Gäste mit einer alltäglichen, beinahe stillen Szene. Nicolas Grospierre zeigt in seiner Serie 50/50 verborgene technische Räume des Teatr Wielki. Ferdinand Evaldsson verbindet in zwei Holzreliefs die Legenden der Warschauer und der Kopenhagener Meerjungfrau – eine kleine Brücke zwischen dem lokalen Kontext und den skandinavischen Wurzeln des Hauses. Arbeiten von Emilia Kina, Cezary Poniatowski, Karolina Bielawska oder Anna Orłowska führen diese Erzählung weiter.

Es ist eine Sammlung, die man nicht bei einem Rundgang „abarbeiten“ muss. Manche Arbeiten begegnen einem mehrfach, andere entdeckt man erst auf dem Weg ins Zimmer. Das passt zu einem Hotel, das Kultur nicht in eine eigene Zone auslagert.

Design muss sich bewähren

Dass diese Häuser so selbstverständlich wirken, ist vermutlich der schwierigste Teil ihrer Gestaltung. PURO arbeitet mit unterschiedlichen Architekten, Interior Studios, Designern und Künstlern – darunter neben GamFratesi und DeSallesFlint auch Norm Architects oder Conran & Partners. Eine starre gestalterische Formel gibt es nicht.

Askevold beschreibt Design vielmehr als Werkzeug, das schon früh im Projekt Entscheidungen beeinflusst. Wie bewegt sich ein Gast durch den Raum? Wo entsteht Nähe, wo Ruhe? Welches Möbel funktioniert auch nach Stunden noch? Was sagt ein Material über den Ort – und wie wird es altern?

Das erklärt auch, weshalb sich die Häuser ähneln, ohne gleich auszusehen. Man erkennt PURO nicht unbedingt an einem bestimmten Sessel oder einer Farbe, sondern eher an einer gewissen Selbstverständlichkeit. Gute Gestaltung drängt sich nicht zwischen Gast und Aufenthalt. Sie sorgt dafür, dass beides zusammenfindet.

Der Kosmos wird größer

Nun wird dieses Prinzip erstmals außerhalb Polens erprobt. PURO Budapest soll Ende 2026 an der Paulay Ede Street im sechsten Bezirk eröffnen, wenige Schritte von der Andrássy Avenue und der Ungarischen Staatsoper entfernt. Die 212 Zimmer und öffentlichen Bereiche gestaltet das Londoner A Studio Between. Dunkles Holz, Putz, Ziegel, Naturstein und textile Oberflächen nehmen Bezug auf die Materialität Budapests, ohne historische Räume nachzubauen. Ein öffentlich zugänglicher Garten, eine Bäckerei mit Fenstern zur Straße, Restaurant und Weinbar sowie ein intimer Pool in Anlehnung an die Badekultur der Stadt sollen das Hotel erneut nach innen wie nach außen öffnen.
Danach folgt Prag. Zum ersten Mal entsteht ein PURO dabei nicht als Neubau, sondern durch die Transformation eines bestehenden Gebäudes. Das tschechische Büro Archina verantwortet die Architektur, Conran & Partners die Innenräume. Auch hier bleibt die Ausgangsfrage dieselbe: Wie lässt sich die eigene Haltung mit einer Stadt verbinden, ohne ihr einen fertigen Markenraum überzustülpen?

Budapest und Prag werden zeigen, wie weit sich dieses Modell übertragen lässt. In Warschau funktioniert es bereits. Man kann sich im PURO aus der Stadt zurückziehen, ohne sie zu verlieren. Und morgens steht sie wieder direkt vor der Tür.

© Fotos: PURO

IM GESPRÄCH

Drei Fragen an Rune Askevold, Co-Founder & CEO PURO Hotels

Viele Hotelgruppen sprechen über Design. Welche Rolle spielt es bei PURO tatsächlich?

Für uns ist Design keine ästhetische Schicht, die einem Projekt am Ende hinzugefügt wird. Es ist ein strategisches Werkzeug und beeinflusst jede Phase – von der Entwicklung bis zum Betrieb. Design bestimmt, wie sich Gäste durch einen Raum bewegen, wie sie mit ihm interagieren und letztlich auch, wie sie sich darin fühlen. Bei Entscheidungen fragen wir uns, ob ein Element einen Mehrwert für das Erlebnis schafft, den Charakter des Ortes widerspiegelt und zur langfristigen Idee der Marke passt. Design hilft uns, Räume zu schaffen, die funktionieren, willkommen heißen und emotional ansprechen. Es ist eine der wichtigsten Möglichkeiten, zu zeigen, wofür PURO steht.

Jedes Haus reagiert auf seine Stadt und ist trotzdem als PURO erkennbar. Wie gelingt diese Balance?

Wir beginnen jedes Projekt damit, die Stadt zu verstehen – ihre Geschichte, ihre Architektur, ihre Kultur und die Art, wie Menschen dort leben. Gleichzeitig teilen alle PURO-Häuser eine gemeinsame Haltung: durchdachtes Design, der Fokus auf das Gästeerlebnis, gute Gastronomie, Wellness und eine offene, zeitgenössische Atmosphäre. Die Ausprägung verändert sich von Stadt zu Stadt, die Werte bleiben. Wir sagen oft: Jedes Hotel soll mit seiner eigenen Stimme sprechen und trotzdem Teil desselben Gesprächs sein.

Budapest wird das erste PURO außerhalb Polens, Prag folgt. Was bedeutet dieser Schritt für die Marke?

Budapest ist ein wichtiger Meilenstein und zugleich ein natürlicher nächster Schritt. Er zeigt, dass das Konzept, das wir in Polen entwickelt haben, auch über unseren Heimatmarkt hinaus relevant sein kann. Prag ist die nächste Station und eine Stadt, die sehr gut zu unserer Philosophie passt. Beim internationalen Wachstum suchen wir gezielt nach urbanen Orten, an denen wir etwas Eigenständiges und lokal Relevantes schaffen können. Jedes neue PURO soll sein Viertel bereichern, lokale Kultur sichtbar machen und sich vom ersten Tag an wie ein natürlicher Teil der Stadt anfühlen.

Rune Askevold, Co-Founder & CEO PURO Hotels

© Foto: Pohl Kostian

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