
DESIGN DELUXE Journeys – EINDHOVEN
DESIGN DELUXE Journeys ist der Guide für alle, die Design im echten Leben entdecken möchten – in Hotels, Galerien, Straßen und Momenten.
Eindhoven - Design in Motion
Eindhoven erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Die Stadt hat keine fotogene historische Altstadt, die sich um einen malerischen Platz legt, und auch nicht die eine große Geste, die alles in Relation bringt. Vieles wirkt zunächst beiläufig: breite Straßen, entspannte Radfahrer, Backstein, Wasserläufe, Parks, niedrige Häuser, dazwischen plötzlich Hallen, Türme, Glas, Beton, offene Erdgeschosse, Cafés und Werkstätten. Eine wunderbare Eigenart; denn Eindhoven ist keine Stadt, die Design wie ein Schmuckstück ausstellt. Sie benutzt es. Sie arbeitet damit.
Lange Zeit war diese Stadt vor allem mit einem Namen verbunden: Philips. 1891 gründete Gerard Philips an der Emmasingel eine Glühlampenfabrik. Von dort aus wuchs ein industrielles System, das die Stadt nicht nur wirtschaftlich, sondern auch sozial und räumlich prägte. Philips baute nicht nur Fabriken, sondern auch Wohnungen, Sport- und Gesundheitseinrichtungen sowie Infrastrukturen. Die Stadt wurde durch die Produktion geformt – und später durch deren Rückzug neu herausgefordert.
Diese Transformation hält Eindhoven beweglich. Anstelle der früheren abgeschlossenen Werksareale entstehen stetig neue Räume für Wohnen, Arbeiten, Kunst, Kulinarik, Lernen und Experimente. Strijp-S, ein ehemaliges Philips-Gelände, das lange wie eine verbotene Stadt wirkte, ist heute einer der wichtigsten Schauplätze dieser Transformation. Hier finden sich industrielle Substanz, neue Architektur, Studios, Gastronomie, Events und eine öffentliche Nutzung, die sich erst nach und nach in diese ehemaligen Produktionsräume eingeschrieben hat.

Eindhoven lebt von seinen Übergängen: Am Van Abbemuseum trifft Kunst auf Landschaft und Stadtraum, in Strijp-S wird ehemalige Industrie zur Bühne des Alltags, und an der Design Academy entstehen jene Ideen, die während der Dutch Design Week in die Stadt ausstrahlen.
© Fotos: Nick Bookelaar

Eindhoven wirkt deshalb jünger, als es seine Geschichte vermuten lässt. Nicht jung im Sinne von glatt oder unfertig, sondern im Sinne von offen. Die Stadt hat Platz gelassen für Zwischennutzungen, für große Hallen und für Menschen, die nicht sofort wussten, ob aus ihrem Versuch ein Geschäft, ein Studio, ein Restaurant oder ein kultureller Ort entstehen würde. Vieles ist hier aus der Gelegenheit heraus entstanden: Weil Räume leer standen, weil die Mieten einmal niedrig waren, weil die Design Academy Menschen aus aller Welt anzog und weil kreative Ungeduld auf industrielle Infrastruktur traf.
Heute ist diese Leichtigkeit nicht mehr selbstverständlich. Flächen werden knapper, Areale sind entwickelt und Boden wird teurer. Trotzdem spürt man in Eindhoven noch immer diesen besonderen Spirit: kein großes Pathos, keine Schwere, wenig Eile. Man fährt Rad, sitzt am Wasser, spaziert durch Parks, trinkt Kaffee in ehemaligen Industriebauten, isst erstaunlich gut und besucht Galerien, Werkstätten, Kulturhäuser oder Bars, die oft mehr über die Stadt erzählen als jedes Wahrzeichen. Eindhoven kann kulinarisch sehr lässig sein, aber nie gleichgültig. Es gibt Orte mit offener Küche und klarer Linie, Cafés mit Designanspruch, Restaurants, die eher aus persönlicher Überzeugung als aus einem Konzeptpapier entstanden zu sein scheinen.
Aus dieser ruhigen Betriebsamkeit wird im Herbst für wenige Tage ein Ausnahmezustand. Während der Dutch Design Week verlagert sich ein großer Teil der europäischen Design-Aufmerksamkeit nach Eindhoven. Die DDW findet 2026 vom 17. bis 25. Oktober statt. Das Festival bringt mehr als 2.500 Kreative zusammen und steht in diesem Jahr unter dem Motto R.A.W. – eine Rückkehr zum Kern des Gestaltens: roh, unmittelbar, suchend und nah am Prozess. Dann öffnen sich Türen, die sonst geschlossen bleiben. Studios werden zugänglich, Industriehallen füllen sich, junge Positionen treffen auf etablierte Namen, und die Stadt zeigt, was sie am besten kann: nicht fertig sein, sondern in Bewegung.
Für diesen Guide haben wir fünf Locals nach ihrer Stadt gefragt: das Designstudio Daphna Laurens,Van-Abbemuseum-Direktorin DefneAyas, Designer Nacho Carbonell,Gestalter und Unternehmer Piet Hein EeksowieStadtübersetzer Rik Verhalle.
Ihre Tipps ergeben keine Liste, die man abhaken müsste. Sie stehen vielmehr für fünf verschiedene Perspektiven auf Eindhoven.

Piet Hein Eek
© Foto: Stefanie van Keijsteren

Daphna und Laurens
© Foto: Mike Roelofs

Rik Verhalle

Defne Ayas
©Foto: Boudewijn Bollmann
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Nacho Carbonell
© Foto: Linda Pezze
EINDHOVEN 5×5 – CURATED BY LOCALS
DAPHNA LAURENS
Daphna Isaacs und Laurens Manders gründeten ihr Studio im Jahr 2008, kurz nach ihrem Abschluss an der Design Academy Eindhoven. Ihre Arbeit bewegt sich zwischen den Bereichen Produkt, Raum, Material und Farbe. Sie selbst mögen das niederländische Wort vormgever, das jemanden bezeichnet, der Form gibt. Gedanken, Objekten, Produkten und Räumen. Wer Eindhoven durch ihre Augen sieht, gelangt an Orte, die nicht laut auftreten, aber Persönlichkeit haben. Als Designhotels nennen sie Kazerne oder das Hotel von Piet Hein Eek, wo sie auch ihr eigenes Studio haben. Für Essen und Trinken empfehlen sie Otomoto, Frank und Supermarkt – Orte mit individueller Handschrift, die oft direkt oder indirekt mit der Designkultur der Stadt verbunden sind. Dazu kommen Kelderman en van Noort als kultureller Ort, STED als Adresse für Interieur und Nul Zes als Studio- und Kulturraum. Am liebsten sind sie aber offenbar dort, wo sie selbst arbeiten: in ihrem hohen, lichtvollen Studio. Das sagt viel über Eindhoven aus. Gute Orte sind hier oft nicht die große Bühne, sondern kleine Arbeitsräume mit Atmosphäre

Daphna Laurens lesen Eindhoven über Orte mit persönlicher Handschrift: bei STED wird Interieur zur sorgfältig kuratierten Wohnwelt, superMARKT verbindet Restobar-Atmosphäre mit lokaler Lässigkeit, und NUL ZES zeigt, wie viel kreative Energie in den gemeinschaftlich genutzten Räumen der Stadt steckt.
© STED
DEFNE AYAS
Defne Ayas, seit 2025 Direktorin des Van Abbemuseum, bringt einen internationalen Blick auf Eindhoven mit. Sie beschreibt die Stadt als eine Art „Flying City“: Ausgedehnte Parks und Landschaften mit Weizenfeldern, Kornblumen und Mohn wechseln sich ab mit einer Kultur des Experimentierens und Prototypisierens, die in den Alltag eingewoben ist. Für Defne existieren Kunst und Design, Essen und Technologie, Erfindung und Innovation nicht getrennt voneinander, sondern nebeneinander – inspiriert von subtileren Strömungen: Spiritualität, soziale Gerechtigkeit und Gemeinsinn. Ihre Orte spiegeln diese Mischung wider. Kazerne ist sprichwörtlich ihr zweites Zuhause: Der Komplex mit seinem lauschigen Innenhof liegt in der Nähe des Museums und der Dommel und ist ein Ort für Designforschung, Ausstellungen, Gespräche, gutes Essen und Kaffee. Hinzu kommen die Arepa Cart von La Salsa Latina, LAB-1 als Kino, Veranstaltungsort und Social Club, der bzum Entschleunigen und Het Witte Dorp, Dudoks Gartenstadt aus den späten 1930er-Jahren. Bei Ayas wird Eindhoven somit zu einem Geflecht aus Museum, Landschaft, Nachbarschaft, Filmabend, Streetfood undmodernistischer Alltagsarchitektur.
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Defne Ayas beschreibt Eindhoven als Stadt, in der Kunst, Design, Landschaft und Alltag nah beieinanderliegen: Zwischen herbstlichen Grünräumen, Kazerne als täglichem Treffpunkt und dem Café des Van Abbemuseum zeigt sich eine Kultur, die weniger auf große Gesten setzt als auf Begegnung, Offenheit und die leisen Übergänge zwischen Stadt und Institution.
© Fotos: Daphna Laurens, Max Kneefel

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NACHO CARBONELL
Nacho Carbonell präsentiert in Eindhoven keine fertigen Objekte, sondern beschäftigt sich mit denRahmenbedingungen. Raum, Material, Werkstatt, Team. Der in Spanien geborene Designer kam über die Design Academy in die Stadt und arbeitet heute in einer offenen Studio-Struktur, in der Objekte, Skulpturen, Möbel und Lichtarbeiten entstehen – oft roh, körperlich, fast organisch. Für ihn war Eindhoven lange ein weißes Blatt. Als er ankam, standen Räume offen, ehemalige Philips-Gebäude waren noch nicht gentrifiziert, in leerstehenden Hallen fanden Ausstellungen, Partys und Kunstprojekte statt. Heute, so Carbonell, sei diese Leinwand dicht beschrieben: Hightech, Industrie, Kreativwirtschaft, Immobilienmarkt. Sein wichtigster Tipp ist deshalb kein einzelnes Caféund keine Galerie, sondern Sectie-C, eines der letzten Areale, in denen man noch spürt, wie sehr Eindhovens Designkultur von Quadratmetern abhängt. Während der Dutch Design Week, wenn Studios öffnen, wird diese sonst verborgene Arbeitswelt sichtbar. Für Carbonell ist das Studio selbst sein wichtigstes Werkzeug – nicht nur ein Ort der Produktion, sondern ein soziales Gefüge, in dem Materialversuche, Skizzen, viele Hände, Intuition und Teamarbeit zusammenkommen.

Nacho Carbonell Workshop
© Foto: Linda Pezzei

Nacho Carbonell Art
© Foto: Linda Pezze
PIET HEIN EEK
Piet Hein Eek ist einer jener Namen, die untrennbar mit Eindhoven verbunden sind. Gerade deshalb sollte man ihn nicht als Legende abtun, sondern als jemanden betrachten, der die Stadt durch Material, Handwerk und Alltag versteht. Sein Ort in Strijp-R begann mit einer simplen Werkstatt. Mit der Zeit entstanden nach und nach ein Bistro, ein Restaurant, eine Galerie, ein Hotel und eine ganze Destination. Eek spricht über Eindhoven als Infrastruktur: Raum, Lieferanten,Materialien, technisches Wissen und Logistik verbinden sich dort mit einer Mentalität des Produzierens. Für Designer, die ihre Produkte selbst herstellen, sei die Region deshalb viel geeigneter als Amsterdam. Entsprechend bodenständig und konkret sind seine Tipps: KEVN wegender wechselnden Ausstellungen und der Energie im Kunstbereich, Sectie-C und Nacho Carbonell – allerdings am besten während der DDW oder nach Vereinbarung – sowie Nova als kulinarische Adresse mit feinem Bezug zu Planung, Abläufen und Details. Sein Lieblingsort ist aber nach wie vordie eigene Werkstatt, das Gebäude und die Menschen darin. Er nennt es eine Umgebung, in der man sich fühlen müsse „like a fish in the water“. Aus dieser Umgebung entstehe Arbeit – und vielleicht auch die Fähigkeit, Besuchern Momente mitzugeben, an die sie sich Jahre später noch erinnern

Piet Hein Eek empfiehlt Eindhoven dort, wo Kunst, Werkstatt und Gastlichkeit nah beieinanderliegen: bei KEVN wechseln Ausstellungen und Begegnungen den Rhythmus, in seinem eigenen Kosmos in Strijp-R wird Design produziert, gezeigt und gelebt, und bei NOVA zeigt sich, wie sehr auch Kulinarik von Raum, Ablauf und Atmosphäre geprägt ist.
© Fotos: KEVN, Piet Hein Eek

RIK VERHALLE
Rik Verhalle ist der Stadtführer unter den Einheimischen – wenn auch nicht im klassischen Sinne. Er kam nach Eindhoven, um Architektur zu studieren, begann als Tourguide und sprach dabei lieber von Architektur, Design und Kunst als von Philips-Nostalgie. Später arbeitete er für Eindhoven365, heute ist er bei Brainport Development tätig. Daneben engagiert er sich für die LSBTIQ*-Community und war an der Entstehung der ersten Eindhoven Pride beteiligt. Seine Tipps zeigen die Stadt als soziales Netz: das TAC als kulturelles Herz in einem ehemaligen Philips-Gebäude, das Dynamo für jüngere Communities, queere Ballrooms, Musik, Märkte und Kurse, das Nul Zes im NRE-Gebiet als gemeinschaftlich getragener Arbeits- und Kulturort, die Foundation We Are auf Strijp-S für soziale und ökologisch denkende Designschaffende, KEVN für Grafik, Ausstellungen, Essen und Begegnungen sowie das MU für Crossover-Kunst im digitalen Zeitalter. Bei Rik wird besonders deutlich: Eindhoven lebt nicht von einem Zentrum, sondern von vielen Stadträumen, die sich die Menschen aneignen. Von Gebäuden, die einmal etwas anderes waren. Und von Communities, die sich ihre Öffentlichkeit selbst schaffen.

Aus Rik Verhalles Perspektive zeigt sich Eindhoven als Stadt der offenen Räume und wechselnden Szenen: Bei KEVN verbinden sich Gastronomie und Ausstellungskultur, MU Hybrid Art House steht für experimentelle Kunst im digitalen Zeitalter, und Verhalles eigener Blick auf die Stadt führt dorthin, wo Gemeinschaft, Design und urbane Kultur ineinandergreifen.
© Fotos: KEVN, MU Hybrid Art House, Willeke Machiels

DESIGN DE LUXE TAKE AWAY
Eindhoven ist keine Stadt, die man über eine einzige Route versteht. Sie besteht aus Schichten: Philips und Post-Philips, Industrie und Park, Werkstatt und Museum, Design Academy und Straßencafé, Strijp-S und Sectie-C, offene Küche und offene Studios. Ihr Reiz liegt nicht in der Perfektion, sondern in der Bewegung. Einige Orte sind bereits gestaltet, andere werden gerade transformiert und wieder andere drohen zu verschwinden, bevorsie in einem Guide landen könnten. Das macht Eindhoven für Designreisende so interessant.
Wer hierherkommt, sollte nicht nur betrachten, was ausgestellt wird. Man sollte auch fragen, wo gearbeitet wird. Wo gegessen wird. Wo sich Menschen treffen. Wo ehemalige Fabriken neue Bestimmung finden. Wo sich Architektur nicht als Solitär präsentiert, sondern als Rahmen für Alltag, Produktion, Kunst und Gastlichkeit dient. Während der Dutch Design Week verdichtet sich all das für kurze Zeit. Doch die eigentliche Stärke der Stadt bleibt auch danach spürbar: Eindhoven ist kein fertiges Bild. Es ist ein Prozess.