Design & Interieur

Der Eames Lounge Chair: Dieser Sessel gilt als Designlegende

Kaum ein Möbelstück hat die Designgeschichte so geprägt wie der Eames Lounge Chair. Seit fast 70 Jahren steht er für zeitlose Eleganz, außergewöhnlichen Komfort und handwerkliche Perfektion. Millionenfach kopiert, nie wirklich erreicht und der begehrteste Sessel der Welt. Aber was macht ihn so besonders?

Von Julia Weninger

Es gibt Möbelstücke, die Trends überdauern und dann gibt es den Eames Lounge Chair. Seit seiner Vorstellung im Jahr 1956 gehört der Sessel zu den bekanntesten Designklassikern überhaupt. Seine markante Silhouette ist selbst Menschen vertraut, die sich kaum mit Möbeldesign beschäftigen. Ob in Wohnhäusern, Hotels, Architekturbüros oder Museen: der Lounge Chair ist längst zu einem Symbol für anspruchsvolles Wohnen geworden.

Bemerkenswert ist dabei nicht nur seine Bekanntheit, sondern auch seine Beständigkeit. Während viele Designikonen im Laufe der Jahrzehnte immer wieder überarbeitet wurden, ist der Eames Lounge Chair seiner ursprünglichen Form bis heute nahezu treu geblieben. Gerade diese Konsequenz macht ihn zu einem außergewöhnlichen Beispiel zeitlosen Designs.

Die Idee: Ein Clubsessel für die Moderne

Hinter dem Entwurf standen Charles und Ray Eames, eines der einflussreichsten Designerpaare des 20. Jahrhunderts. Mitte der 1950er-Jahre verfolgten sie das Ziel, den klassischen englischen Clubsessel neu zu interpretieren. Statt schwer und wuchtig sollte er leicht wirken, ohne dabei an Komfort einzubüßen. Elegant, modern und zugleich ein Ort, an dem man sich sofort entspannen möchte.

Charles Eames beschrieb den gewünschten Charakter einmal mit einem ungewöhnlichen Bild: Das Leder sollte an den angenehm weichen Griff eines gut eingetragenen Baseball-Handschuhs erinnern. Genau dieses Gefühl wollten die beiden Designer schaffen – einen Sessel, der Geborgenheit vermittelt und zum Rückzugsort im hektischen Alltag wird.

Eine Premiere, die Designgeschichte schrieb

Als der Lounge Chair am 14. März 1956 erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, geschah dies nicht auf einer Möbelmesse, sondern im amerikanischen Fernsehen. Charles und Ray Eames präsentierten ihren neuen Entwurf in der NBC-Sendung Home, die von Arlene Francis moderiert wurde.

Billy Wilder, ein befreundeter österreichisch-amerikanischer Filmregisseur, spielte eine wichtige Rolle in der frühen Geschichte des Sessels. Er erhielt nach übereinstimmenden Darstellungen einen frühen beziehungsweise ersten Lounge-Chair-Prototypen als Geschenk. Regie bei der Fernsehsendung führte er jedoch nicht.

Warum der Lounge Chair bis heute begeistert

Der Erfolg des Sessels beruht auf einer Kombination aus Komfort, Materialqualität und einer Form, die bis heute unverwechselbar geblieben ist.

Die Sitzschalen bestehen aus mehrfach verleimtem Formholz, das präzise gebogen wird und dem Möbel seine organische Silhouette verleiht. Weiche Lederpolster liegen scheinbar lose auf den Holzschalen auf und erzeugen den charakteristischen Kontrast zwischen warmem Holz und hochwertigem Leder. Zusammen mit dem drehbaren Aluminiumfuß und dem passenden Ottoman entsteht ein Möbelstück, das gleichermaßen leicht und luxuriös wirkt.

Dabei folgt jede Linie einem funktionalen Gedanken. Der Lounge Chair lädt zum Zurücklehnen ein, ohne dabei überladen zu erscheinen. Genau diese Balance zwischen Eleganz und Bequemlichkeit gilt bis heute als einer der größten gestalterischen Erfolge von Charles und Ray Eames.

Ein Klassiker, der millionenfach kopiert wurde

Kaum ein anderer Designklassiker wurde so häufig nachgebaut wie der Eames Lounge Chair. Weltweit existieren unzählige Repliken, die sich optisch oft stark am Original orientieren. Dennoch unterscheiden sie sich in vielen Details.

Die Originale werden bis heute von Vitra in Europa und Herman Miller in Nordamerika produziert. Charakteristisch sind die präzise gefertigten Schichtholzschalen, hochwertige Lederqualitäten sowie austauschbare Polster, die über verdeckte Reißverschlüsse befestigt sind. Auch der schwere Aluminium-Druckgussfuß, die sorgfältig abgestimmten Proportionen und die nahezu unsichtbaren Verbindungselemente gehören zu den Erkennungsmerkmalen.

© Vitra

Ein weiteres Detail sind die sogenannten Shock Mounts, spezielle Gummielemente zwischen Holzschale und Gestell, die Bewegungen aufnehmen und den außergewöhnlichen Sitzkomfort ermöglichen. Gerade diese konstruktiven Feinheiten unterscheiden das Original von vielen Nachbauten.

Mehr als ein Möbelstück

Der Lounge Chair gilt längst nicht mehr nur als Sessel. Er steht für eine Haltung zum Wohnen, bei der Qualität wichtiger ist als Kurzlebigkeit. Seine Gestaltung wirkt auch nach fast sieben Jahrzehnten modern, weil sie nicht auf modische Effekte setzt, sondern auf ausgewogene Proportionen und hochwertige Materialien.

Viele Originale werden über Generationen weitergegeben. Andere finden ihren Platz in Museen oder erzielen auf Auktionen beachtliche Preise. Dass ein Möbelstück über einen so langen Zeitraum nahezu unverändert produziert wird, ist in der Designgeschichte selten – und wohl der überzeugendste Beweis für seine außergewöhnliche Qualität.

Der Eames Lounge Chair vereint vieles, was zeitloses Design ausmacht: eine klare gestalterische Idee, hochwertige Materialien und kompromisslosen Komfort. Er erzählt die Geschichte zweier Designer, die einen klassischen Clubsessel neu gedacht haben und dabei einen Entwurf schufen, der bis heute nichts von seiner Aktualität verloren hat. Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb der meistkopierte Sessel der Welt gleichzeitig einer der begehrtesten geblieben ist.

Checkliste: So erkennt man das Original

Ein echtes Original des Eames Lounge Chair & Ottoman von Vitra lässt sich an mehreren unverwechselbaren Qualitätselementen und Verarbeitungsdetails erkennen. Den eindeutigsten Nachweis bietet die offizielle Vitra-Plakette an der Unterseite der Sitzschale mit der Aufschrift "Lounge Chair & Ottoman, Design: Charles & Ray Eames, 1956, The authorized Original Vitra". Konstruktiv zeichnet sich das Möbelstück durch exakt gefertigte, 8 mm dicke Schalen aus siebenlagigem Sperrholz (bei älteren Ausführungen fünf Lagen) und vollkommen schraubenfreie Außenflächen aus. Abgerundet wird die Verarbeitung durch abnehmbare, per Reißverschluss befestigte Kissen aus hochwertigem, atmungsaktivem Anilinleder sowie durch die präzisen Standardmaße von 81 cm Höhe, 83 cm Tiefe und 83 cm Breite von Armlehne zu Armlehne.

Titelbild © Vitra

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