
Bibiana Beglau – Bitte Platz machen!
Wenig Möbel, viel Raum und bloß nichts, das einfach nur herumsteht: Bibiana Beglau braucht zum Wohnen erstaunlich wenig. Dafür müssen die Dinge, die bleiben dürfen, Charakter haben. In ihrer Berliner Wohnung trifft Beton auf Messing, Kunst auf Bücher und ein ziemlich eigenwilliges Mammutsofa auf einen Wurzelholztisch, der nachts vermutlich heimlich durch die Wohnung spaziert. Ihre Lieblingsstücke? Genau diese beiden.
Wer Bibiana Beglau eine Freude machen möchte, sollte ihr vermutlich keine Vase schenken. Auch keine hübsche kleine Schale. Und mit dekorativen Kissen wäre zumindest Vorsicht geboten. Denn die Schauspielerin hat ein ausgesprochen klares Verhältnis zu Dingen: Sie braucht nicht viele davon.
Schon als Kind war das so. Während andere Kinder vermutlich begeistert ihr frisch eingerichtetes Zimmer bezogen, verfolgte Beglau ein anderes Wohnkonzept: vier Wände, ein Fußboden – fertig. Ihre Eltern hatten sich Mühe gegeben, das Kinderzimmer liebevoll einzurichten. Die Tochter räumte es wieder leer.
Heute hat sich an dieser Haltung erstaunlich wenig geändert. Beglau lebt seit 2004 in ihrer Berliner Wohnung, Wien dient ihr als kleinere Arbeitswohnung. Berlin aber ist Zuhause. Und Zuhause, sagt sie, sei für sie zunächst einmal: „Die Wand im Rücken.“ Dort sind ihre Bücher und Schallplatten, Sommer- und Winterkleidung, dort ist der feste, sichere Ort. Gleichzeitig braucht dieses Innen unbedingt ein Außen: Aussicht, Licht und Grün, das am besten auch noch wild wachsen darf.
Gemütlichkeit? Eher nicht
Wer jetzt an Sofaecke, Teppich und Kerzenmeer denkt, kennt Bibiana Beglau schlecht. „Gemütlich und heimelig ist gar nicht so meines“, sagt die Schauspielerin. Möbel besitzt sie wenige, dafür müssen die, die einziehen dürfen, etwas können. Oder zumindest ein bisschen seltsam sein.
Überhaupt ist ihre Wohnung eher Bühne als klassisches Wohnzimmer: weiß, Betonboden, große Glasfläche, viel Licht und viel freie Fläche. „Ich wär der perfekte Bewohner einer Industriehalle“, sagt sie lachend. Materialien sind ihr enorm wichtig: Stein, natürliche Metalle, Holz. Ihr Kamin etwa ist ein Messingblock, dessen Oberfläche sich verändert, sobald Feuer oder Abendlicht darauf trifft. „Echte Materialien sind das maßgeblich Wichtigste.“ Kunststein wird da schon schwieriger – und Plastik hat praktisch Hausverbot.
Farbe muss deshalb nicht unbedingt aus einem Farbtopf kommen. Sie entsteht durch Licht, durch Bücher, Kunst und Materialien. Eine Seite ihrer Wohnung besteht aus Glas, und so verändert sich der Raum mit Tageszeit und Wetter. Am Abend bekommt er eine andere Farbigkeit als tagsüber. Genau diese Veränderung interessiert Beglau mehr als eine perfekt durchdekorierte Fläche.
Schlechte Bilder müssen leider gehen
Kunst hingegen darf bleiben. Sehr gern sogar. Viele ihrer Arbeiten stammen von befreundeten Künstlerinnen und Künstlern und wurden gegen eigene Arbeit getauscht. Ein Teppich von Shirana Shahbazi ist ihr besonders wichtig, Arbeiten von Johann Bock kamen ebenfalls über einen Tausch zu ihr. Nur einmal hat sie selbst Kunst gekauft.
Allerdings gibt es für Bilder in Beglaus Welt klare Regeln. Schlechte Exemplare machen sie nämlich „wahnsinnig“. Im Hotel kann es deshalb schon einmal passieren, dass ein Bild kurzerhand abgehängt, umgedreht oder mit einem Bettlaken verhängt wird. Bei ihr zuhause hängen diese übrigens ganz nah an der Decke, oder weit unten bei den Steckdosen. Diese hat Beglau nämlich ganz und gar nicht gerne.
Überhaupt hat ihr Minimalismus wenig mit einem Interior-Trend zu tun. Er scheint vielmehr eine Form von Konzentration zu sein. „Alles, was den Raum füllt, was nicht so benötigt wird, brauch ich nicht.“ Selbst beim Geschirr bleibt die Sache übersichtlich: sechs kleine Teller, sechs Suppenteller, sechs große Teller. Das reicht.
Und dann wären da ausgerechnet zwei ziemlich raumgreifende Ausnahmen.

© Foto: Rafaela Proell
Lieblingsstück Nummer eins: das Tier aus Holz
Einen Wurzelholztisch wollte Bibiana Beglau schon als Kind. Damals stand für sie fest: Zum Erwachsenenleben gehören ein Ölgemälde, ein persischer Teppich und eben ein Wurzelholztisch. Ein Sofa? Daran dachte sie interessanterweise nicht.
Rund 20 Jahre suchte sie nach dem richtigen Tisch. Er sollte nicht nur schön, sondern auch bezahlbar sein – und vor allem tatsächlich aussehen wie eine Wurzel. Irgendwann fand sie ihn schließlich in Belgien.
Heute steht das ziemlich schwere Stück in Berlin und sieht weniger nach Tisch als nach eigenständigem Lebewesen aus. Die Rinde ist entfernt, das Holz fein geschliffen und poliert, Astlöcher und Verzweigungen sind sichtbar geblieben. „Es sieht aus, als würde der Tisch aus dem Boden kommen“, erzählt Beglau. Eigentlich, findet sie, sehe er mittlerweile eher aus wie ein Tier: eines, das „auf den Beinchen herumläuft und Geräusche macht“.
Als er schließlich bei ihr einzog, war das dementsprechend fast so, als hätte sie einen neuen Mitbewohner. „Was machst du, wenn ich nicht da bin?“, habe sie sich anfangs beinahe gefragt. Man muss schließlich wissen, mit wem man sich eine Wohnung teilt.
Und dieses Tierchen wird bleiben. Beglau kann sich von Dingen, die einmal wirklich Teil ihres Lebens geworden sind, nämlich nur schwer trennen. Vielleicht auch deshalb, weil es von Anfang an nie besonders viele waren.
Lieblingsstück Nummer zwei: das Sofa
Und dann kam doch noch ein Sofa.
Allerdings natürlich keines, das sich unauffällig in die Ecke stellt und dort einfach Sofa ist. Beglaus Exemplar ist überdimensioniert, ursprünglich aus einem sehr praktischen Grund eingezogen: Gäste sollten irgendwo schlafen können. Eine Matratze auf dem Boden kann schließlich nicht für immer die Lösung sein.
Mittlerweile hat das Sofa allerdings Karriere gemacht. Beglau ließ es neu beziehen – mit einem eigenwilligen Brokatstoff, der aus einer Filmproduktion zu ihr kam. Türkis bildet den Grundton, dazu kommen Gold- und Kupfertöne. Manche Stoffe wurden bewusst auf links verarbeitet, dazu gesellen sich Secondhand-Pölster, darunter zwei bestickte Exemplare, die gemeinsam ein zusammenhängendes Bild ergeben.
Das Ergebnis? Sieht ein bisschen so aus, als wäre dieses Sofa versehentlich aus einem opulenten Filmset in einen puristischen Berliner Dachausbau gefallen. Und genau deshalb funktioniert es.
„Jetzt wurde sie zu einem Kunstgegenstand erhoben“, sagt Beglau über die Couch. Gemeinsam mit dem Wurzelholztisch wirkt sie weniger wie Einrichtung als wie Installation. Zwei große, eigenwillige Objekte in einem Raum, der ihnen genügend Platz lässt, genau das zu sein.
Wenig besitzen, lange behalten
Das Spannende an Bibiana Beglaus Wohnung ist deshalb vielleicht gar nicht ihre Kargheit, sondern die Konsequenz dahinter. Minimalismus bedeutet hier nicht Beige, Instagram und drei strategisch platzierte Keramikvasen. Sondern: Dinge erst gar nicht besitzen, wenn man sie nicht braucht – und jene, die man wirklich liebt, sehr lange behalten.
Da sind Leintücher ihrer Urgroßmutter, tausendmal geflickt. Alte, robuste Handtücher, bei denen sie sich jetzt schon fragt, was passieren soll, wenn sie irgendwann endgültig auseinanderfallen. Eine Federbettdecke aus ihrer Kindheit wird ebenfalls mitgeschleppt, „so lange es geht“.
Neu muss bei ihr ohnehin wenig sein. Im schnellen Wordrap entscheidet sie sich klar für gebraucht statt neu, Minimalismus statt kontrolliertem Chaos, große Fenster statt Kerzenlicht und – wenig überraschend – fürs Aufräumen.
Vielleicht ist das auch die schönste Definition ihres Wohnstils: viel Platz für wenig Dinge. Aber wenn schon ein Tisch einzieht, dann bitte einer, der aussieht, als könnte er nachts davonlaufen. Und wenn schon ein Sofa, dann eines, das sich nicht mit einer Nebenrolle zufrieden gibt.