
Back to nature
Ob Amsterdamer Innenhof, umbrisches Landgut, Tiroler Bachlauf oder botanischer Park am Gardasee: Landschaft rückt in der Hospitality zunehmend vom Hintergrund in den Mittelpunkt.
Ein Hotel ist ein perfektioniertes System der Verfügbarkeit. Die Zimmer halten die gewünschte Temperatur, das Licht lässt sich regulieren, und die Oberflächen sollen möglichst lange wie am Tag ihrer Fertigstellung aussehen. Abläufe werden geplant, Ausblicke gerahmt und Geräusche gedämpft. Gerade in dieser Welt gewinnt jedoch etwas an Bedeutung, das sich nur bedingt steuern lässt:die Landschaft. [...]
Zugleich suchen Reisende Raum, Dunkelheit, Ruhe und die Nähe zu Witterung und Jahreszeiten. Dass solche Qualitäten heute als besonders kostbar empfunden werden, sagt viel über ihre zunehmende Seltenheit im Alltag aus. Umso interessanter sind Orte, die nicht nur eine Aussicht auf die Natur bieten, sondern auch dazu einladen, ihre Rhythmen, Veränderungen und Abhängigkeiten wieder genauer wahrzunehmen.
Das eigene Zuhause, geteilt auf Zeit
Am Anfang stand ein Haus. Antonio und Angelika Bolza kauften 1984 San Martino, ein altes Bauernhaus in den umbrischen Hügeln nahe der Grenze zur Toskana. Das Grundstück endete wenige Meter hinter den Mauern, ringsum begann das damalige Reschio Estate. Zehn Jahre später konnte die Familie das gesamte Anwesen mit rund 1.500 Hektar Land, etwa fünfzig verlassenen Bauernhäusern und einem rund tausend Jahre alten Castello erwerben. [...]
Ein Hotel war nicht geplant. Graf Benedikt Bolza studierte in London Architektur, vermaß in den Sommerferien die verstreut liegenden Bauernhäuser und kehrte 1999 mit seiner Frau Nencia zurück. Die Familie zog in das Castello und begann, die Gebäude nach und nach wieder bewohnbar zu machen. Da das Kapital für eine Restaurierung des gesamten Bestands fehlte, wurden einzelne Ruinen an private Eigentümer verkauft. Planung, Bau, Innenausstattung und spätere Betreuung blieben jedoch bei Bolzas Team. Inzwischen sind mehr als dreißig der rund fünfzig Häuser restauriert.

© Foto: Castello di Reschio

© Foto: Castello di Reschio

© Foto: Castello di Reschio
Ein Garten, der vergehen darf
Zwischen der Prinsen- und der Keizersgracht liegt im ehemaligen Amsterdamer Justizpalast ein Garten, dessen Wirkung aus Veränderung entsteht. De Tuin, entworfen von Piet Oudolf, bildet die grüne Mitte des im Mai 2025 eröffneten Rosewood Amsterdam. Die Restaurierung und Transformation des historischen Komplexes verantwortete Studio Piet Boon. Ein Luxushotel arbeitet mit Kontinuität. Oudolfs Garten folgt einem anderen Rhythmus: Pflanzen verändern Farbe und Dichte, verschwinden zeitweise und machen anderen Platz. Im Herbst bleiben Samenstände und vertrocknete Blüten stehen, deren Silhouetten ebenso zur Komposition gehören wie die sommerliche Blüte. [...]
Was wild gewachsen wirkt, ist also das Ergebnis großer gestalterischer und gärtnerischer Sorgfalt – einer Sorgfalt, die Veränderung jedoch nicht verhindert, sondern einplant. De Tuin zeigt somit, wie sich die Wahrnehmung von gepflegter Natur selbst im hochgradig gestalteten Kontext eines Stadthotels verändern kann. Schönheit liegt auch im Wachsen, Vergehen und Wiederkehren. [...]

Mitten im ehemaligen Amsterdamer Justizpalast liegt De Tuin, Piet Oudolfs Garten für das Rosewood Amsterdam. Stauden, Gräser, Farne und Gehölze verändern seine Erscheinung mit Licht und Jahreszeiten.
© Foto: Rosewood

© Foto: Rosewood

© Foto: Rosewood
Ein Entwurf, der weiterwächst
In Biberwier steht alles noch am Anfang. LaPosch – Living Lands soll im Herbst 2026 eröffnen und das bestehende Chaletdorf erweitern. Für die nächste Etappe wollten Amelie und Dominik Posch jedoch nicht „mehr vom Gleichen“ schaffen. Auf dem angrenzenden, rund 65.000 Quadratmeter großen Areal sind zehn neue Einheiten sowie zusätzliche gemeinschaftliche Bereiche entstanden.
Für Architekt Martin Gruber war die Loisach der Ausgangspunkt des Entwurfs. Die geschwungenen Baukörper nehmen die Linien des Flusses auf und bilden zugleich geschützte Rückzugsräume. Tag- und Nachtbereiche gruppieren sich um offene Hofsituationen. Zum Wasser hin öffnen sich die Räume weit zur Landschaft. Überlappende vertikale Holzschalungen schaffen auf der geschützteren Seite Tiefe und Privatheit, ohne Innen und Außen hart voneinander zu trennen. Das unbehandelte Holz darf verwittern – auch am Gebäude selbst soll die Zeit ablesbar werden.
Gruber versteht Architektur hier vor allem als einen Ort, von dem aus die Umgebung intensiver wahrgenommen werden kann. Bewegung und Geräusch des Wassers, wechselndes Licht, Vegetation und Witterung treten in den Vordergrund, während der Baukörper Rückhalt gibt, ohne sich zwischen Gast und Landschaft zu schieben. Am gegenüberliegenden Ufer bleibt der Naturraum unangetastet und bildet so das ruhige Gegenüber.

© Foto: LaPosch Living Lands

© Foto: LaPosch Living Lands
Der neue Luxus?
Rosewood, Reschio und Living Lands gehen auf sehr unterschiedliche Weise mit der Zeit um: als komponierte Veränderung, als jahrzehntelange Pflege einer Kulturlandschaft und als Entwurf, bei dem ein Teil der späteren Gestalt Pflanzen und Jahreszeiten überlassen wird. Am Gardasee ist dieses Denken inzwischen auch im Maßstab eines großen Resorts angekommen.
Renaturierung ist dabei weder neu noch an Luxus gebunden. Bemerkenswert ist vielmehr, welchen Wert Qualitäten erhalten, die sich nicht beschleunigen lassen: ein alter Baum, ein gesunder Waldboden, ein eingewachsener Garten, Dunkelheit, Ruhe oder der Wechsel der Jahreszeiten. Gerade Gastgeber können solchen Prozessen Raum geben – mit Flächen, finanziellen Mitteln, langfristiger Pflege und dem Wissen von Architekten, Landschaftsplanern, Gärtnern und Handwerkern.
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