Moderne Architektur mit spiritueller Tiefe: Wie Kirchen heute zu Wohnraum und Restaurant werden

Sakrale Räume neu gedacht – vom  Altar zur Airbnb-Wohnung bis zur Bar im Kirchenschiff und Bankdrücken statt Beten. Alles scheint möglich.

Ostern ist das Fest der Verwandlung – vom Tod zum Leben, vom Dunkel ins Licht. Dieser Übergang prägt nicht nur die liturgische Tradition, sondern spiegelt sich auch in der Architektur sakraler Räume wider. Während zeitgenössische Kapellen mit minimalistischer Klarheit spirituelle Reduktion inszenieren, erleben historische Kirchenbauten weltweit tiefgreifende Transformationen. Manche werden zu Orten stiller Einkehr, andere zu exklusiven Wohnungen, Gourmettempeln oder sogar Fitnessstudios. Zwischen Ehrfurcht und Entweihung entsteht ein Spannungsfeld, das grundlegende Fragen nach Identität, Funktion und Sinn unserer gebauten Umwelt aufwirft.

Sakrale Räume ohne religiöse Zeichen

Die Sakralarchitektur der Gegenwart löst sich zunehmend von traditioneller Ikonografie. An die Stelle christlicher Symbolik treten Atmosphäre, Materialität und der gezielte Einsatz von Licht. Architekt:innen wie Tadao Ando, John Pawson oder Peter Zumthor entwerfen Orte der Stille und Sammlung – jenseits konfessioneller Dogmen, aber nicht frei von Transzendenz. Es sind Räume für universale Bedürfnisse: Kontemplation, Konzentration, Entschleunigung in einer überreizten Welt.

Zur Osterzeit, wenn Licht und Schatten eine besondere metaphorische Kraft entfalten, offenbart sich das Potenzial solcher Bauten besonders eindrücklich. In Peter Zumthors Bruder-Klaus-Feldkapelle etwa tritt man zunächst in völlige Dunkelheit. Erst allmählich durchbrechen Lichtstrahlen die Decke – eine wortlose Choreografie von Stille, Leere und spirituellem Neubeginn. Eine Architektur der Auferstehung, ganz ohne Kruzifix.

Designerwohnung und Fünf-Sterne-Hotel

Doch während neue spirituelle Orte entstehen, verlieren viele historische Kirchen ihre ursprüngliche Funktion. Besonders in Westeuropa – etwa in den Niederlanden, Belgien und Deutschland – stehen Tausende Gotteshäuser leer. Die Profanierung dieser Gebäude eröffnet Freiräume für neue Narrative – und wirft zugleich ethische Fragen auf.

Ein herausragendes Beispiel für eine sensible und zugleich innovative Umnutzung liefert das niederländische Büro Zecc Architects mit dem Umbau der St. Jakobus-Kirche in Utrecht. Für das Architektenteam stand der behutsame Umgang mit dem historischen Erbe im Zentrum: Originale Fenster, Türen und der alte Holzdielenboden blieben erhalten und wurden in das neue Wohnkonzept integriert. Selbst die einstigen Kirchenbänke fanden eine neue Bestimmung – als Sitzmöbel am großzügigen Esstisch. Entstanden ist auf rund 475 Quadratmetern ein Wohnraum von beeindruckender Großzügigkeit, dessen Dimensionen den Begriff „geräumig“ beinahe absurd erscheinen lassen. Das Projekt vereint auf eindrucksvolle Weise nostalgische Authentizität mit zeitgemäßer Wohnästhetik – eine meisterhafte Gratwanderung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Das Kirchenschiff blieb erhalten, ebenso die Maßwerkfenster – doch an die Stelle des Altars trat eine Marmorinsel mit Induktionsherd. Der Raum atmet weiterhin Erhabenheit, aber nicht mehr durch Liturgie, sondern durch Design.

In Maastricht wurde das ehemalige Kruisherenkloster zu einem Fünf-Sterne-Hotel transformiert. Gotische Bögen und Kreuzrippengewölbe treffen hier auf Möblierung im Stil von Le Corbusier. Gäste schlafen in ehemaligen Zellen und speisen im Chorraum – ein Dialog zwischen Historie und Hochglanzästhetik.

Vom Beichtstuhl zum Barbetrieb

Noch deutlicher wird der Wandel bei Nutzungen, die mit dem einstigen Zweck kaum vereinbar erscheinen. In Brügge etwa hat das vielfach ausgezeichnete Fine-Dining-Restaurant The Jane in einer entweihten Kapelle Quartier bezogen. Statt Kirchenfenstern mit Heiligen zeigen die Glasmalereien nun Rock-’n’-Roll-Motive. Die offene Küche steht dort, wo einst der Altar war – Kochen als rituelle Handlung, aber ohne Sakrament. Das Restaurants wurde übrigens, wie Design Deluxe hier berichtet, unter die schönsten der Welt gevotet.

Vom Gebetsraum zur Sportarena

Die radikalsten Transformationen finden sich im Bereich der Fitness- und Freizeitnutzung. In Llanera, Nordspanien, wurde die entweihte Kirche Santa Barbara zu einem spektakulären Indoor-Skatepark umgestaltet. Fünf Jahre lang arbeiteten Ernesto Fernández Rey und seine Initiative „Church Brigade“ an der spektakulären Wiederbelebung der verfallenden Kirche Santa Bárbara im nordspanischen Llanera. Aus dem stillgelegten Gotteshaus entstand der „Kaos Temple“ – ein leuchtend bunter Skatepark, der Sakralraum und Subkultur auf radikale Weise verschmelzen lässt. Für den international bekannten Street Artist Okuda San Miguel wurde das 100 Jahre alte Gebäude zur persönlichen Sixtinischen Kapelle: Mit Hunderten Spraydosen verwandelte er die neoromanischen Gewölbe in ein kaleidoskopisches Gesamtkunstwerk aus geometrischen Figuren und grellen Farben. Die kreative Säkularisierung wurde nicht etwa von öffentlichen Stellen gefördert, sondern durch Crowdfunding und die Unterstützung von Red Bull realisiert – ein Paradebeispiel dafür, wie sich sakrale Architektur durch Gemeinschaftsgeist und künstlerische Vision neu aufladen lässt. Aber auch in Deutschland dienen ehemalige Kirchen als Yogastudios, Boulderhallen oder Crossfit-Boxen. Wo einst die Gemeinde betete, wird heute geschwitzt, gedehnt, gestählt, so scheint es.

Herausfordernde Transformation

Diese Entwicklungen sind nicht nur architektonische Herausforderungen, sondern kulturelle Gratwanderungen. Wann wird Umnutzung zur Entweihung? Oder ist es nicht vielmehr ein Akt der Wertschätzung, einem leerstehenden Sakralraum neues Leben einzuhauchen – und ihn so vor dem Verfall zu bewahren?

(c) CC BY-SA 4.0 Wolkenkratzer – Eigenes Werk; Residential Church Utrecht/Zecc Architects; kruisherenhotel-maastricht; Red Bull Content Pool